Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
12.11.2004
Wolf Jobst Siedler: "Wir waren noch einmal davongekommen"
Siedler Verlag, München 2004
Rezensiert von Alexander Gauland

Wolf Jobst Siedler: "Wir waren noch einmal davongekommen", Coverausschnitt (Bild: Siedler Verlag)
Wolf Jobst Siedler: "Wir waren noch einmal davongekommen", Coverausschnitt (Bild: Siedler Verlag)
Erinnerungen sind ein fatales Genre. Sie werden geschrieben die eigene Lebensleistung ins rechte Licht zu rücken. Und da sie oft der objektiven historiographischen Kontrolle entbehren, verklären sie den eigenen Beitrag und überhöhen die eigene Zeit.

Zwei Große der deutschen Publizistik haben in diesem Herbst Erinnerungsbücher vorgelegt. Der eine - Joachim Fest - spiegelt sein Denken und sein Tun in nahen und fernen Freunden, an die er sich erinnert und in deren Porträts er weit mehr als nur ein Stichwortgeber ist. Der andere - Wolf Jobst Siedler - hat eine Liebeserklärung für die Stadt verfasst, der er alles verdankt - Berlin.

Da beide Bücher ein primär anderes Ziel verfolgen als nur das eigene Tun zu rechtfertigen, sind beide auf unterschiedliche Weise den Gefahren platter Erinnerungsbücher entgangen. Bei Fest sind es die großen Anderen, bei Siedler ist es die geschundene Stadt, die jeden Anflug von Sentimentalität bannen und das "es war einmal" in eine spannende Lektüre verwandeln.

Dabei machen beide keinen Hehl aus ihrer Distanz zum Zeitgeist, beide sind das, was Friedrich Sieburg einmal linke Leute von rechts genannt hat und Siedler selbst hat in ironischer Zuspitzung von sich als von einem linken Tory gesprochen, der er ein Leben lang geblieben ist. Es ist deshalb kein Wunder, dass beide eine Freundschaft verbindet und folglich viel Siedler bei Fest und noch mehr Fest bei Siedler vorkommt. Und gerade weil beide Sentimentalitäten hassen und sich allenfalls ein wenig Melancholie gestatten geraten beide Bücher zu einem "Unwiederbringlich", zu Protokollen des Verlustes an Lebenskultur, Bürgerlichkeit und Persönlichkeit im Nachkriegsdeutschland.

Denn das ist das Seltsame an Wolf Jobst Siedlers Erfahrungen als Mitarbeiter erst des berühmten "Monats", dann der kurzlebigen "Neuen Zeitung" und schließlich als Feuilletonchef des "Tagesspiegels": Je älter die Bundesrepublik wird und je länger der Krieg her ist, desto flacher werden die Berge der geistigen Landschaft, desto anspruchsloser die Lebenskultur des wieder wohlhabend gewordenen Landes.

Neidvoll erlebt der Nachgeborene eine Welt, in der noch Thomas Mann repräsentierte und Gottfried Benn schrieb. Obwohl das Massensterben des Zweiten Weltkrieges dem Bildungsbürgertum großen Abbruch getan hatte, war es doch die in die zwanziger Jahre und das Kaiserreich zurückreichende Bildungsbürgerlichkeit, die das geistige Leben des eingeschlossenen Westberlins wie der jungen Bundesrepublik prägte. Sie lebten fast alle noch und Siedler hat die meisten von ihnen gekannt, die Jünger, Sieburg, Unruh, Benn, die Fehling, Barlog, Staudte und Kortner. Kein Wunder, dass dagegen Grass und Walser abfallen:

Man muss sich davor hüten, den Begeisterungen seiner Jugend nicht zu erliegen, aber mitunter kommt es mir so vor, als sei die Gegenwart dem Individuellen nicht günstig. Das würde selbst für die vermittelnde Literatur gelten, deren Genie in dem Erkennen von Größe liegt, seien es so bedeutende Verleger wie Samuel Fischer, Ernst Rowohlt oder Kurt Wolff, seien es Zeitungsleute wie Alfred Kerr, Herbert Ihering oder Kurt Tucholsky. Die Begabungen sind heute vielleicht noch vorhanden und es fehlen nur die Bedingungen, die ihre Entfaltung fördern oder erlauben. Man würde von gesellschaftlichen Voraussetzungen sprechen, wenn das nicht zu sehr den Geist der 60er Jahre atmete. In dem Aufkommen von Ersatzgrößen spräche sich dann das Bewusstsein des Mangels aus. Die Popularität, die eine Figur wie Reich-Ranicki - zu recht - genießt wäre dann ein Beleg für das allgemeine Empfinden von Dürftigkeit. Heidegger hat von Denkern in dürftiger Zeit gesprochen. Leben wir in einer solchen?

Es ist eine rhetorische Frage, denn Siedlers Antwort ist ein eindeutiges - ja. Kein Wunder, dass der Journalist, Publizist und Verleger wenig von der sich entwickelnden Nachkriegsliteratur hielt:

Was wollten die Autoren der Gegenwart dagegen besagen, von denen die Feuilletons der 50er Jahre beherrscht wurden - Wolfgang Borchert, Peter Kreuder, Hans-Werner Richter, Hermann Kasak, Elisabeth Langgässer oder Erich Nossack? Ich jedenfalls holte stattdessen die 20er Jahre für mich nach, stand wieder im Bann von Autoren, die eigentlich der Generation meiner Eltern angehörten - Arnold Zweig mit dem "Serganten Grischa", Jakob Wassermann mit dem "Fall Maurizius", Alfred Döblin mit "Berlin Alexanderplatz" und dem "Aufstand der Fischer von St. Barbara" von Anna Seghers. Das waren die Aufregungen der 20er Jahre; aber ich nahm sie, als seien sie eben jetzt geschrieben.

Und über Bölls 1972 mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Romane "Ansichten eines Clowns" von 1963 und "Gruppenbild mit Dame" von 1971:

Dieses Erzählen im Kleine-Leute-Milieu faszinierte mich wenig.

Doch es war nicht nur das Milieu, das den Ästheten störte. Es war das Gefühl, dass diese Literatur der furchtbaren Katastrophe der Naziherrschaft irgendwie nicht angemessen war, da sie das Thema nicht packte. Stattdessen setzte sie auf "social engineering", auf Gesellschaftsveränderung durch soziale Anklage, aber ohne die Wucht von Hauptmanns "Webern", Cannetis "Blendung" oder Musils "Mann ohne Eigenschaften". Es war Trümmerliteratur, doch ohne die antikische Wucht von Trümmern.

Auch Fontane hatte soziale Romane geschrieben, Grete Minde, Effi Briest, Frau Jenny Treibel, aber es waren Beobachtungen, die zu Botschaften wurden, nicht Botschaften, die von Beobachtungen unterlegt waren. Und was den Konservativen an der Nachkriegsliteratur irritierte, brachte ihn auch gegen die Nachkriegsarchitektur auf, die Monotonisierung der einst fortschrittlichen Bauhauswelt ihre Allgegenwärtigkeit wie ihren Anspruch auf Unfehlbarkeit. Es war die Erfahrung, dass man zu lange an den Göttern seiner Jugend festhalten kann. Aus städtebaulichem Fortschritt war die gemordete Stadt geworden. Alles drängte in dieselbe Richtung:

Hans Friedrich Blunck und Arbeitersiedlungsverein, Rustikalbarock und "Suburban Movement", Dirndlkleid und Volkswagen, Bombenkrater und Schnellstraßentunnel. Um 24.00 Uhr ist es ganz gleich, ob man zwischen den Hochhäusern von Houston oder in den Ruinen von Berlin steht. Auf zweierlei Wegen hat der Geist des Zeitalters der Masse sein Ziel erreicht: die Leere.

So schließt sich der Kreis. Um wenigstens etwas vom alten Berlin mit seinen Boulevards und Künstlercafés zu retten, wurde Siedler zum Kritiker der Moderne. Berlin war aller 50 Jahre umgebaut worden, jetzt war die kulturelle Kraft verbraucht und es galt so viel wie möglich von der Substanz zu bewahren, damit nicht wahr werde, was der Autor trotz aller Liebe zu Berlin seherisch-melancholisch festhält: Berlin ist eine Stadt mitten in der Geschichte, aber ohne Geschichte.
-> Das Politische Buch
-> weitere Beiträge
-> Joachim Fest: "Begegnungen. Über nahe und ferne Freunde" (Das Politische Buch)