Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
19.11.2004
Berndt Georg Thamm: "Terrorbasis Deutschland - Die islamistische Gefahr in unserer Mitte"
Diederichs im Heinrich Hugendubel Verlag, München 2004
Rezensiert von Reinhard Kreissl

Berndt Georg Thamm: "Terrorbasis Deutschland", Coverausschnitt (Bild: Diederichs im Heinrich Hugendubel Verlag)
Berndt Georg Thamm: "Terrorbasis Deutschland", Coverausschnitt (Bild: Diederichs im Heinrich Hugendubel Verlag)
Berndt Georg Thamm gehört als Experte in die Kategorie der Jäger und Sammler und er beschäftigt sich mit jenen Phänomenen, die im Zwischenreich von Phantom und Wirklichkeit angesiedelt sind. Terrorismus ist ein solches Phänomen und der Autor präsentiert in seinem Buch "Terrorbasis Deutschland" auf 300 Seiten die Ergebnisse seines Jagd- und Sammeltriebs. Der Terrorismus hat seine brutale Wirklichkeit in den unberechenbaren mörderischen Anschlägen. Gleichzeitig aber ist Terrorismus ein Phantom, weil alle Mutmaßungen über Hintermänner, Pläne und Strategien, Netzwerke und Verbindungen eben über den Status von Mutmaßungen nicht hinauskommen. Aber auch Phantome entwickeln ihre eigene Wirksamkeit, wie Thamm gleich in der Einleitung feststellt, wenn er mehrere Fälle von blindem Alarm in Deutschland beschreibt.

Die Dschihad-Strategen haben ein Ziel schon fast erreicht: Die Menschen fühlen sich in der Öffentlichkeit immer weniger sicher und immer mehr bedroht. Das Thema ist dadurch sehr emotional besetzt.

Die symbolische Dimension der Bedrohung aber ist nicht Thamms Thema. Ihm geht es um Zahlen, Daten, Fakten. Thamm ist kein Interpret oder kritischer Deuter, wie etwa der Schweizer Historiker Sarasin, der sich mit der Anthrax-Hysterie in den USA beschäftigt. Thamm sammelt Informationen und ist einer Wahrheit auf der Spur, genauer der Wahrheit der Bedrohung durch den islamistischen Terror in unserem Lande. Das Szenario der Besorgnis ist schnell skizziert: Ein Netz von Sympathisanten, die hier zu Lande in islamischen Parallelwelten leben, bilden die logistische Basis und den Nährboden für radikale Aktivisten, von denen die terroristische Gefahr ausgeht.

Schon in der Einleitung setzt Thamm den Ton seiner Argumentation. Wie, so fragt er sich, lässt sich die Ausweisung von Ausländern bewerkstelligen, die als Bedrohung der Sicherheit zu gelten haben. Was macht man mit jenen, die deutsche Frauen heiraten, oder gar mit deutschen Staatsbürgern, die sich zum Islam bekennen und radikale Positionen vertreten? Ist der so genannte finale Rettungsschuss, also die gezielte Tötung, erlaubt. Sind Gewaltandrohung und Folter gestattet, wenn dadurch Menschenleben gerettet werden können? Sein Szenario ist düster:

Wenn wir versuchen, alles für unseren Schutz zu tun, werden wir zwangsläufig unsere eigenen Rechte einschränken und uns leichter kontrollieren lassen. Wenn wir jedoch zu wenig für unseren Schutz tun, steigt das Risiko. Wie wir uns auch entscheiden, eine absolute Sicherheit wird es heute und auch in absehbarer Zeit nicht geben. Jeden Tag kann es zu einem Anschlag kommen. Wir werden lernen müssen, mit dieser Bedrohung zu leben.

Wenn man den ersten Teil des Buches gelesen hat, der Hintergrundinformationen über El Kaida vermittelt und die der Organisation zugerechneten Anschläge auflistet, fragt man sich, warum bisher nur so wenige Angriffe im Rahmen des globalen Dschihad außerhalb der betroffenen Krisenregionen stattgefunden haben.

Der zweite Teil, der sich mit Deutschland beschäftigt, nimmt seinen Ausgangspunkt von dem bekannten Szenario des international organisierten Verbrechens, das sich mit den politisch motivierten Kämpfern zum "symbiotischen Terrorismus" zusammengeschlossen hat. Wir erfahren, dass sich unter den Millionen Muslims in Europa auch Anhänger El Kaidas befinden, die Nachwuchskräfte zu rekrutieren versuchen, dass auch deutsche Staatsbürger sich zum Dschihad bekennen.

Und in Afghanistan ermordeten die Krieger der Nordallianz sogar einen gewissen "Martin aus Bielefeld", wie Thamm unter der Überschrift Glaubenskrieger aus Deutschland zu berichten weiß. Nach Thamms Recherchen herrscht ein reger Reiseverkehr zwischen Deutschland und den Krisenregionen des Nahen und Mittleren Ostens, der von den deutschen Sicherheitsbehörden offensichtlich geduldet wird, obwohl gerade die mobilen Kriegsveteranen des Dschihad eine ernsthafte Bedrohung für Deutschland darstellten.

In erdrückender, bisweilen ermüdender Detailfülle lässt Thamm die Menagerie der unterschiedlichsten Terrorsplittergruppen, die natürlich alle untereinander vernetzt sind, auftreten: Tschetscheno-islamistische, ugurisch-islamistische, türkisch-islamistische und arabisch-islamistische Terroristen verbreiten über mehrere Seiten von Thamms Buch Angst und Schrecken und das fortlaufende Namedropping komplizierter arabischer Namen und Bezeichnungen hemmt den Lesefluss doch erheblich. Leicht verständlich hingegen Thamms Schlussfolgerung.


Über Deutschland liegt sozusagen ein islamistisches Netzwerk mit relativ festen Strukturen, in das die "Gefährder" mehr oder weniger eingebunden sind.

Die deutschen Gerichte reagieren hier noch etwas zurückhaltender, wie Thamms Prozessberichterstattung über El-Kaida-Verfahren in Deutschland belegt. Es gab Freisprüche, die, so gewinnt man den Eindruck, unter dem Vorsitz eines Richters Thamm sicher nicht zustande gekommen wären.

Mit Deutschland als Anschlagsziel beschäftigt sich ein eigenes Kapitel. Thamm berichtet von vereitelten Anschlägen, die angeblich dank intensiven Abhörens und Observierens durch die Sicherheitsbehörden rechtzeitig verhindert wurden.

In Anbetracht all dessen stellt sich heute nicht mehr die Frage, ob in Deutschland ein "Märtyrereinsatz" stattfinden wird, sondern nur noch wann. Ein big bang wird mittlerweile auch von der Sicherheitspolitik nicht mehr ausgeschlossen.

Ein solcher Big Bang kann mit allen möglichen Waffen erfolgen und überall stattfinden: in der Luft, zu Wasser und zu Lande. Eine umfassende Kontrolle ist im Angesicht der weltweiten Zirkulation von Waren, Informationen und Menschen nicht möglich.

Zur Untermauerung bringt Thamm eine Vielzahl von Beispielen. Diese Nacherzählung spektakulärer Entführungsfälle, Anschläge und Attentate ruft die Zeitungslektüre vergangener Tage in Erinnerung, sie dient der Dramaturgie der Bedrohung, bringt aber keine wesentlich neuen Erkenntnisse.

Was ist also zu tun? Militärische Strukturen müssten den neuen Bedrohungen angepasst werden und Thamm sympathisiert mit der Vorstellung, die Bundeswehr auch im Inneren zur Terrorismusbekämpfung einzusetzen. Schnell ist da die Forderung bei der Hand, die Schranken zwischen Polizei, Justiz, Militär und Geheimdiensten einzureißen und Kompetenzen unter dem Eindruck, dass der schlimmste denkbare Fall verhindert werden muss, zu erweitern. Der Rechtsstaat, so Thamm, tue sich zu schwer mit den Gotteskriegern.

Thamm hat mit diesem Buch ein umfassendes Kompendium möglicher Bedrohungen vorgelegt. Der Leser erfährt hier alles, was über den Islamismus als Geisel der westlichen Menschheit wissen sollte. Aber es fehlen die Synthese und der kritische Blick. Manchmal hat man den Eindruck, der Tunnelblick, der überall nur Gefahren sieht, gleicht dem totalitären Denken der islamistischen Fanatiker. Wer in jeder Dönerbude ein Bombenlager vermutet und Moscheen nur als potenzielle Brutstätten des Fundamentalismus wahrnehmen kann, der baut sich die Welt ebenso einfach zurecht, wie diejenigen, die er kritisiert.

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