Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
26.11.2004
Reinhard Müller: Herbert Wehner - Moskau 1937
Hamburger Edition 2004
Rezensiert von Brigitte Seebacher

Herbert Wehner 1955 im Bundestag (Bild: AP Archiv)
Herbert Wehner 1955 im Bundestag (Bild: AP Archiv)
Es gibt Bücher, die sind brisant im Hinblick auf Ereignisse, die zum Gegenstand der Untersuchung gar nicht zählen. So ein Buch ist Reinhard Müllers "Herbert Wehner - Moskau 1937". Der Stoff hat es in sich, gewiss. Aber Hand aufs Herz. Hätte der Spitzenfunktionär Wehner den Bruch mit dem Kommunismus ehrlichen Sinnes vollzogen und den Abschied von aktiver Politik genommen, würde wenig Aufheben um die Moskauer Verwicklungen gemacht werden. Man hätte registriert, vielleicht, dass auch ein deutscher Denunziant die Vernichtungsmaschine ölen konnte und dafür kräftig belohnt wurde. Aber sonst? Der Gehalt der archivalischen Funde, die Müller bekannt macht, entschließt sich erst vor dem Hintergrund von Wehners fixem Parteiwechsel und dem beispiellosen Aufstieg in der SPD und der Bundesrepublik Deutschland.

Welche neue Erkenntnis steuert Müller in diesem fakten- und dokumenten-gesättigten Buch bei?

Im Februar 1937 wird Wehner drei Mal in der Lubjanka nicht verhört, sondern gehört. Anwesend sind nicht die üblichen Folterknechte, sondern Sekretärinnen, die seine Aussagen protokollieren. Wehner lässt sich über die Trotzkisten aus, die er lange schon Verbrecher und Verräter nennt und die er in den sozialistischen Splittergruppen, vorzugsweise in Willy Brandts SAP, aber auch innerhalb der Kommunistischen Partei ortet. Jetzt also liefert er nicht nur mündliche Berichte, sondern auch einen "Beitrag zur Untersuchung der trotzkistischen Wühlarbeit in der deutschen antifaschistischen Bewegung". Erst jetzt konnten, so Müller, der NKWD und sein Chef, Jeschow,

den Direktbrief zur Verfolgung der "deutschen Trotzkisten" in höchster Eile kompilieren. Wehners "Beitrag" und seine protokollierten "Besprechungen" wurden als Versatzstücke sowohl in den Befehlstext Jeschows wie in die beigefügte "Orientierung" eingefügt, die im Schnellverfahren durch die NKWD-Terminologie überformt und mit eigenen Erkenntnissen aus laufenden oder abgeschlossenen "Untersuchungen" des NKWD ergänzt wurden.

Müller macht aktenkundig, dass der Informant Wehner den NKWD auf die deutschen Trotzkisten innerhalb und außerhalb der Sowjetunion überhaupt erst aufmerksam gemacht hat.

Über umfassende Kenntnisse zu Organisationen und Personen, zu deren früherer Mitgliedschaft in der KPD und in verschiedenen "Splittergruppen", verfügte allenfalls Wehner, der bereits in Berlin als Mitarbeiter in der Organisationsabteilung des ZK und als technischer Sekretär des Politbüros links- und rechtsoppositionelle Gruppen registriert und überwacht hatte ...
Wehners Expertise und seine protokollierten ... Berichte ... lösten mit dem NKWD-Direktbrief Nr. 12 nach dem 14. Februar 1937 eine umfassende Verhaftungswelle unter den deutschen Emigranten in der Sowjetunion aus."


Als Wehner gegen Ende dieses für seinen weiteren Aufstieg entscheidenden Jahres 1937 ein weiteres Mal in die Lubjanka gebeten wird und zusammenfassende Aufzeichnungen übergibt, entbietet er dem NKWD seine weiteren Dienste, im Allgemeinen und im Besonderen:

Ich werde meine Kenntnisse von Personen, die mit der illegalen Arbeit in Deutschland zu tun hatten und haben, und die irgendwie im Zusammenhang mit Provokation usw. stehen, aufschreiben, um so das Auffinden weiterer Fäden zu erleichtern, die unter Umständen nach der Sowjetunion führen.

Müller zählt die Fälle und nennt die Namen. Zenzl Mühsam und Carola Neher, Erich Wollenberg und Max Hoelz und andere mehr. Schicksale, die im Lager und mit der Liquidation enden. Und dann liefert "der Informant Wehner" in jenem Dezember 1937 auch noch "wichtige Hinweise" für einen Schauprozess, der gegen die "Feindobjekte" der Komintern geführt werden soll. Mit diesem Ausblick, düster genug, endet das Buch. Und auch wieder nicht.

Auf seiner archivalischen Erkundungsreise durch das Jahr 1937 hat sich Müller gelegentliche Textvergleiche erlaubt. Vergleiche mit Wehners Bekundungen von 1946. In den so genannten "Notizen", zunächst nur gezielt bekannt gemacht und erst 1982 veröffentlicht, hat Wehner einen weihevollen Schleier über seine Moskauer Jahre gelegt und gerade soviel zugegeben, wie er zugeben musste, um keinen Verdacht zu wecken. Die Feststellung, sich nie einem Geheimdienst verpflichtet zu haben, konnte Wehner noch leicht treffen. Wo der Rang hoch und das Geheimnis groß ist, wird Schriftliches immer vergebens gesucht. Und wo es vorhanden war? Wehner durfte davon ausgehen, dass es auf ewig unzugänglich bliebe. Immerhin, das bolschewistische Vernichtungsvokabular hatte er viel zu stark verinnerlicht, als dass es abzuschütteln gewesen wäre.

Wenn Wehner ... auch in den "Notizen" noch frühere KPD-Spitzenfunktionäre, die in der Sowjetunion verhaftet und erschossen worden waren, zumindest rhetorisch als "moralisch verkommene hemmungslose Karrieristen", als "Blüten aus einer leider überreichen Flora übel duftender Gewächse" diskreditierte, dann verbargen sich hinter solchen rhetorischen Ausfällen auch Momente der eigenen Exkulpation und Schuldabwehr. Im Gegensatz zu der "parasitären Rolle dieser verkommenen Prahlhänse" attestierte sich Wehner selbst, dass ihn während seiner KPD-Karriere die "ehrlichsten Absichten" geleitet hätten.

Über Wehners "Notizen", jene Rechtfertigungsschrift von 1946, urteilt Reinhard Müller:

Seine frühen "Notizen" sind ein geschickt verfertigtes mixtum compositum aus Fakten, Fiktionen und Verdrängungsmustern.

Müller verweist auf die Dissonanz und verzichtet auf die Deutung. Er weiß: Die Fragen stellen sich von selbst. Hätte die Sozialdemokratische Partei Wehner 1946, im Augenblick seiner Rückkehr nach Deutschland, aufgenommen, wäre ihr auch nur ein Bruchteil der Schuld bekannt gewesen, die er auf sich geladen hatte? Wozu betrieb Wehner überhaupt die Legendenbildung?

Wehner hatte sich in Moskau verdient gemacht. Das ist die Quintessenz von Müllers Buch. Im Januar 1941 ging er, ausgestattet mit höchstem Auftrag und 500 Rubeln, ins neutrale Schweden. Damit war er der erste Mann der deutschen Kommunisten. Und dieser selbe Mann will, als der Krieg zu Ende ging, mit dem Kommunismus gebrochen haben und ruckzuck zum Sozialdemokraten mutiert sein? Ein Bruch mit einer solchen Vergangenheit setzt ein Bekenntnis voraus, nicht die Verwischung der Spuren, die Wehner auch deshalb gelang, weil er sich selbst zum Opfer stilisierte. Es war womöglich kein Bruch, sondern die Vortäuschung desselben. Schließlich legte er es darauf an, die Kontakte zu den alten Bekannten in Moskau und Berlin-Ost zu monopolisieren. Mit Abtrünnigen wurde gewöhnlich anders umgesprungen.

Wehner in Moskau, 1937. Das Buch weist über den Ort und die Zeit weit hinaus. Unbefangene, keiner Political Correctness verpflichtete Historiker werden Wehners Leben nach und nach neu zusammensetzen. Wie ein Puzzle. Reinhard Müller hat mit seinem neuen Buch ein wichtiges Teil geliefert.
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