Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
3.12.2004
Gilles Kepel: Die neuen Kreuzzüge - Die arabische Welt und die Zukunft des Westens
Piper Verlag, München 2004
Rezensiert von Richard Herzinger

Gilles Kepel: Die neuen Kreuzzüge - Die arabische Welt und die Zukunft des Westens (Bild: Piper-Verlag München)
Gilles Kepel: Die neuen Kreuzzüge - Die arabische Welt und die Zukunft des Westens (Bild: Piper-Verlag München)
Spätestens mit dem 11. September ist der Nahe und Mittlere Osten zum weltpolitischen Krisenzentrum Nummer eins geworden. Die vertraute Konfliktanordnung, in der die Auseinandersetzungen in der Region seit Jahrzehnten ausgetragen werden, sind nach dem Urteil des französischen Politikhistoriker und Islamexperten Gilles Kepel durch das Auftauchen zweier neuer, umstürzlerischer Kräfte in heftige - und blutige - Bewegung geraten.

Beide hätten den Nahen und Mittleren Osten zum exemplarischen Kampfplatz auserkoren, auf dem die Zukunft einer neuen Weltordnung entschieden werden soll. Beide neuen Akteure verfügen über ein geschlossenes ideologisches Konzept mit universalistischem Anspruch, beide glauben, dass der welthistorische Moment für die Durchsetzung dieses Konzepts jetzt gekommen sei. Und beide sind bereit, dafür ein hohes Maß an Gewaltmitteln einzusetzen.

In diesen feindlichen, sich aber gegenseitig aufschaukelnden Strömungen sieht Kepel radikale Antworten auf die Sackgasse, in der sich die traditionelle Nahost-Diplomatie nach dem Scheitern des Friedensprozesses von Oslo wieder fand. Der islamistische Dschihadismus rückt nun den israelisch-palästinensischen Dauerkonflikt ins Zentrum seiner ideologischen Propaganda. Das soll ihm jene Zustimmung in der islamischen Welt einbringen, die er für sein Projekt, die Diktaturen in der islamischen Welt durch Gottesstaaten zu ersetzen, nicht hatte gewinnen können.

Die Terrorkampagne der El Kaida aber macht, so Kepel, paradoxerweise ihren Antipoden stark: jene Gruppe von amerikanischen Strategieexperten und Intellektuellen, die unter der Bezeichnung "Neoconservatives", kurz: "Neocons" mittlerweile schon einen geradezu mythischen Ruf erlangt haben. Kepel führt aus:

Mitglied der Fatah mit einem Luftabwehrgeschütz an der libanesisch-israelischen Grenze (Bild: AP)
Mitglied der Fatah mit einem Luftabwehrgeschütz an der libanesisch-israelischen Grenze (Bild: AP)
"So ereignen sich die welterschütternden Anschläge vom 11. September vor dem Hintergrund von zwei sich deckenden politischen Großprojekten, die sich auf eine radikale Veränderung der Verhältnisse im Nahen Osten abzielen: Auf der einen Seite stehen dabei die Dschihad-Kämpfer und auf der anderen Seite die Neokonservativen. Die ersten streben danach, die Anzahl ihrer Rekruten und Sympathisanten mit dem Ziel zu erhöhen, sich als Sprachrohr und Verteidiger einer islamischen Welt zu positionieren, die angeblich durch US-Präsident Bushs 'Krieg gegen den Terror' angegriffen wird. Dabei setzen sie darauf, einen klassischen politischen Kreislauf in Gang zu setzen, bei dem Provokationen Repressionen auslösen und dabei Opfer fordern, aus denen sich politisches Kapital schlagen lässt (...).

Dagegen 'verkaufen' die Neokonservativen vor dem Hintergrund des 11. September ihr radikales Projekt zur Neuordnung des Mittleren Ostens an eine amerikanische Regierung, die von den Anschlägen überrascht worden ist und wie unter Schock die neokonservative ´Agenda´ übernimmt. Damit verändern sich die traditionell gleichrangigen Gewichtungen in der US-Außenpolitik für die Region: Hat sich Washington bislang stets bemüht, die beiden Imperative, die Sicherheit Israels und die Sicherung der amerikanischen Ölversorgung, gegeneinander auszubalancieren, so erhält mit dem ´Krieg gegen den Terror´ die Unterstützung für den Judenstaat größeres Gewicht."


Kepel lässt zwar keinen Zweifel daran, dass er die politischen Vorstellungen der US-Neokonservativen für falsch und verhängnisvoll hält. Dennoch erläutert er, jenseits von verschwörungstheoretischen Projektionen, fundiert und schlüssig, wie sich aus einer Denkschule, deren Gründer zu einem großen Teil aus der Linken kamen, eine für die Generallinie der US-Außenpolitik so maßgebliche Richtung entwickeln konnte.

Paul Wolfowitz, US-Vize-Verteidigungsminister, gilt als einer der neokonservativen Vordenker. (Bild: AP)
Paul Wolfowitz, US-Vize-Verteidigungsminister, gilt als einer der neokonservativen Vordenker. (Bild: AP)
Die Neokonservativen übernahmen das ursprünglich liberale universalistische - von Franklin D. Roosevelt verkörperte - Ideal eines demokratischen Expansionismus und kombinierten es mit der Vorstellung, amerikanische Macht und Hegemonie müsse auf sich allein gestellt die Welt neu ordnen und stabilisieren. Dankenswerterweise räumt Kepel dabei mit der weit verbreiteten Zwangsvorstellung auf, bei den Neocons handele es sich um eine Art esoterischen Geheimbund, der die hermetischen Lehren des Philosophen Leo Strauss umsetze.

Eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung der weltpolitischen Vorstellungen spielte vielmehr der Militärexperte Albert Wohlstetter, der in den siebziger Jahren der engagierteste Gegner der Entspannungspolitik gegenüber dem Ostblock war. Er regte auch Ronald Reagans Plan an, die Sowjetunion "totzurüsten". In der Übertragung ihres antitotalitären Denkansatzes, der sie zu Befürwortern eines scharfen Konfrontationskurses gegenüber dem Kommunismus machte, auf die islamistische Bedrohung sieht Kepel freilich den Kardinalfehler der neokonservativen Strategie:

"Die Gleichsetzung der kommunistischen mit der islamischen Gefahr vermittelt den Washingtoner Strategen die Illusion, dass sie ohne eine Analyse der islamistischen Bedrohung auskommen und die konzeptionellen Instrumente zur Abschreckung des alten Feindes auf die ganz anderen Verhältnisse des neuen Gegners transferieren können. Bei dieser Übertragung, die auf rhetorischer wie theoretischer Ebene vorgenommen wird, spielt die neokonservative Bewegung eine zentrale Rolle."

Kepel setzt den Dschihad-Terrorismus und den US-Neokonservatismus nicht gleich. Seine Parallelisierung beider Strömungen ist gleichwohl problematisch. Mag die neokonservative Antwort auf die Stagnation der arabischen Welt in Despotie und Rückständigkeit auch zu eindimensional sein - eine bessere bleiben die europäischen Kritiker der amerikanischen Demokratisierungspläne des Nahen und Mittleren Ostens stets schuldig. So auch Kepel.

Spannend ist freilich Kepels Analyse des ideologischen und organisatorischen Gefüges von El Kaida und des internationalen Dschihadismus. Deren Chefideologen kombinieren auf bizarre Weise eine mythische Denkwelt, die religiöse Überlieferung in die Jetztzeit überträgt, mit einem instrumentell berechnenden Strategie- und Taktikverständnis, das in seiner Terminologie an leninistische Kaderparteien erinnert.

Osama bin Laden in Khost, Afghanistan, 1998 (Bild: AP)
Osama bin Laden in Khost, Afghanistan, 1998 (Bild: AP)
Immerhin ist es Bin Laden und seinem Vize Al-Zawahiri gelungen, Tod und Zerstörung auf das Territorium ihres Erzfeindes, des Westens zu tragen - in ihrer Sprache also aus der "Fitna", dem Krieg auf islamischem Boden einen "Dschihad", einen Krieg auf dem Terrain der "Ungläubigen" zu machen. So schwer aber das hoch flexible Netzwerk des islamistischen Terrorismus auch zu fassen ist, und so schrecklichen Schaden es auch noch anrichten wird - sein Endziel, die muslimischen Massen auf die Seite des fundamentalistischen Islam zu ziehen, kann es laut Kepel nicht erreichen.

Vielmehr entscheidet sich die Zukunft der muslimischen Welt nach seiner Erwartung im Westen. Dort wachse eine neue Generation von Muslimen heran, die zum Hoffnungsträger werden könne:

"Ein grundlegender Wandel der objektiven Bedingungen, unter denen sich der europäische Islam entwickelt und formiert, fördert mittelfristig auch die Entstehung einer neuen Generation islamischer Denker mit universeller Berufung: Sie sind von der Zwangsjacke der Korruption befreit und können sich von der Liebedienerei gegenüber den Mächtigen ebenso emanzipieren wie von der wütenden Auflehnung, die den Dschihad, die Exkommunikation und die Gewalt als legitime Kampfmittel erscheinen lässt."

Ob diese Hoffnung freilich den "Krieg gegen den Terror" ersetzen kann, den Kepel im Ansatz für verfehlt hält, muss bezweifelt werden. Zumal die jüngsten Ereignisse in den Niederlanden illustrieren, welche Hindernisse und Rückschläge die Säkularisierung des Islam auch und gerade im Westen erschweren.



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