Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
10.12.2004
Blick in politische Zeitschriften
"Lettre", "Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat", "Osteuropa", "Zeitschrift für Mitteleuropa: Kafka", "Dialog"
Von Arnulf Baring

Die Zeitschrift "Lettre" verleiht Preise für herausragende Reportagen. Die jüngste Nummer druckt mehrere solcher ausgezeichneten Texte. Besonders bewegend ist die an erster Stelle preisgekrönte Reportage mit dem Titel: "Blutige Buchführung. Untersuchung zur Lage der chinesischen Bauern" aus der Feder von Chen Guidi und Wu Chuntao. Worum geht es ihnen? Nicht um das strahlende, ökonomisch boomende, moderne China mit seinen in die Höhe schießenden, neuen Wolkenkratzern. Ihr Thema ist das trostlose Leben auf dem platten Lande. Sie schildern minutiös am Beispiel des Dorfes Klein-Zhangzhuang am Fluss Huai im Kreis Tangnam, Bezirk Guzhen, Provinz Anzui fürchterliche, mörderische Missstände, unter denen - offenbar vielerorts - arme, drangsalierte Bauern des chinesischen Festlands leiden. Die Menschen vor Ort sind korrupten, geldgierigen, gewalttätigen Parteifunktionären schutzlos ausgeliefert. Gewählte Vertreter der Dorfbewohner werden nacheinander brutal umgebracht, weil sie bei Zhang Guiquan, dem skrupellosen, mordbereiten Dorftyrannen, die Überprüfung der kommunalen Rechnungsführung verlangt hatten. Und was war das Ergebnis?

"Im Handumdrehen lagen drei von den zwölf Vertretern der Dorfbewohner tot hinter Zhang Guiquans Haus. Der Regen vermischte sich mit dem Blut, die Erde war rot, die Luft war erfüllt von einem betäubenden Blutgeruch … Innerhalb von nur fünf Minuten (gab) es in Klein-Zhangzuhuang vier Tote und einen (Schwer-)Verletzten. In den Pfützen stand Blut, und der Wind roch nach rohem Fleisch."

Chinesische Bauern, von denen man sonst bei uns nie hört, sind nicht die einzigen Opfer eines unmenschlichen Kommunismus geworden. André Gursky schildert in Nr. 15 der "Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat", die diesmal den "Schwerpunkt: Lebenswege" hat, das Schicksal politisch Missliebiger, aber Schuldloser, an der Universität Halle in den ersten Nachkriegsjahren, ihre Verfolgung, Verhaftung und dann Deportation nach Workuta, am Ural, hoch im Norden, nahe am Eismeer.

"Das Lager gehörte … zu den zehn Lagern der Workuta-Region mit verschärftem Regime, das hieß: Beschränkung des Briefverkehrs - die Deutschen durften bis Ende 1953 überhaupt nicht schreiben - , Besuchsverbot für Angehörige, Inhaftierung im Lager selbst, nachts in vergitterten Baracken; häufige Durchsuchungen … Das Lager mit etwa 40 Baracken lag in der Tundra …, dreifach mit Stacheldraht umzäunt und durch Wachtürme gesichert … Zu dem 1,5 Kilometer entfernten Schacht 29 wurden die Häftlinge von bewaffneten Soldaten geführt und von Hunden begleitet … Die Häftlinge mussten unter den schwierigsten Bedingungen eine hohe Arbeitsnorm erfüllen, sonst gab es zur Strafe weniger zu essen. Fast alle Häftlinge litten unter Hunger, hatten großes Untergewicht und froren außerhalb des Schachtes erbärmlich bei 30 bis 50 Grad minus. Der Winter dauerte gut neun Monate an. Vom Dezember bis Januar war keine Sonne zu sehen."

Man kann lange darüber streiten, ob die sowjetischen oder die nationalsozialistischen Lager unmenschlicher waren. Polen hat unter beiden Regimen schwer gelitten. Das Land war nach 1939 von Ausrottung bedroht. Nach dem Ende des Kalten Krieges hat sich Deutschland anhaltend bemüht, Polen den Weg in die Nato und die EU zu bahnen. "Muss Polen Deutschland dankbar sein?", fragt deshalb Gerhard Gnauck, der Warschauer Korrespondent der "Welt", im Sonderheft von "Osteuropa", das den Titel trägt: "Die Einigung Europas. Zugkraft und Kraftakt".

"Wer muss wem dankbar sein? In Polen wird gern darauf verwiesen, das Land habe die Veränderungen im damaligen Ostblock aus eigener Kraft und vor den Deutschen begonnen, (habe)' den ersten Stein aus der Berliner Mauer geschlagen'. Mit dem Nato-Beitritt Polens und Tschechiens wurde Deutschland aus der Lage des Frontstaats erlöst und konnte in Gestalt sinkender Verteidigungsausgaben und einer schrumpfenden Bundeswehr eine große Friedensdividende einstreichen. Ob Bundesinnenminister Schily dafür dankbar sein muss, dass er nach eigenen Worten mit der polnischen Polizei besser zusammenarbeitet als mit jeder anderen in Europa, sei dahingestellt; diese Kooperation ist schließlich tatsächlich im beiderseitigen Interesse … Muss Polen nun dankbar sein für deutsche Investitionen, für das Posener Werk von Volkswagen? Muss umgekehrt Deutschland dankbar sein dafür, dass der polnische Mineralölkonzern Orlen in Deutschland ein Tankstellennetz aufbaut? Man könnte diesen Gedanken beliebig weiterspinnen: Muss Deutschland womöglich dankbar sein, wenn hunderttausende polnische Putzfrauen und Handwerker Arbeiten erledigen, die - zu diesem Preis - keiner (sonst) machen will - zur Zeit schwarz, irgendwann hoffentlich legal? Diese Fragen führen in die Irre. Keiner der Akteure handelt aus humanitären Beweggründen…jeder der Akteure handelt aus Eigeninteresse."

Dieser beiderseitige Nutzen ist unbestreitbar. Doch in der Politik spielt nicht nur die nüchtern-rationale Abwägung der Interessen eine Rolle, sondern auch unglückliche Erinnerungen, heftige Emotionen, historische Ressentiments fordern Beachtung. Hinzu kommt, auf beiden Seiten, das Fehlen eines tieferen Interesses aneinander. Man findet Gleichgültigkeit in beiden Richtungen. Piotr Buras vom Willy-Brandt-Zentrum der Breslauer Universität wirft in Nr. 68 des deutsch-polnischen Magazins "Dialog" der heutigen polnischen Politik einen "Mangel an (deutschlandpolitischem) Engagement" vor.

"Es liegt jedoch im Interesse Polens - und nicht nur in seinem -, das in den letzten Jahren angehäufte Potential deutsch-polnischer Kontakte, Interessen und des gegenseitigen Interesses aneinander unter den neuen Bedingungen nutzbar zu machen. Doch statt einer vernünftigen Idee für eine positive polnische Deutschlandpolitik erleben wir ein Festival der Emotionen, bei dem die Mehrheit im Sejm zur Geisel einer lautstarken populistischen Minderheit wird, die dafür plädiert, die Ära der Nachsicht zu beenden und die Probleme dadurch zu lösen, dass man mit der Faust auf den Tisch haut … Die Außenpolitik einer (vielleicht kommenden) Vierten Republik in Polen sollte auf etwas stabileren Fundamenten gebaut sein als nur auf Ansprüchen, Ambitionen und einem übersteuertem Selbstwertgefühl."

Es gibt nicht nur polnische Vorurteile, es gibt sie auch im Westeil des Kontinents. In Nr. 14 der "Zeitschrift für Mitteleuropa: Kafka", die vom Goethe-Institut herausgegeben wird, schreibt der Chefredakteur von "Dialog", Basil Kerski:

"Mit der Osterweiterung der Europäischen Union hat ein Vorurteil unter den westeuropäischen Eliten wieder Konjunktur. Die östlichen Nachbarn, besonders die Polen, seien nicht nur arm, kriminell, trojanische Pferde der USA, sondern vor allem auch antisemitisch. Mit ihnen drohe ein tief im 19. Jahrhundert verwurzelter Antisemitismus in den Westen einzudringen. Aber so einfach sind die Verhältnisse nicht. Die Geschichte der polnisch-jüdischen Beziehungen ist komplex, voller positiver wie abgründiger Kapitel, voller Licht und Schatten … Das Land wirkt heute ökonomisch und politisch gefestigter, toleranter (als früher), es fühlt sich von seinen Nachbarn nicht bedroht, die kleinen ethnischen und religiösen Minderheiten sind gut integriert. Es gibt einflussreiche Medien und politische Persönlichkeiten, die sich klar von jeder Form des Rassismus und Nationalismus distanzieren … Sie repräsentieren heute sicherlich nicht die Mehrheit der Bevölkerung, auch sind sie alt geworden und sprechen nicht für die jüngere Generation, doch sind ihre Stimmen immer noch deutlich zu vernehmen..."
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