Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
17.12.2004
James Stern: "Die unsichtbaren Trümmer - Eine Reise im besetzten Deutschland 1945"
Eichborn Verlag Berlin, Berlin 2004
Rezensiert von Rolf Schneider

James Stern: "Die unsichtbaren Trümmer", Coverausschnitt (Bild: Eichborn Verlag Berlin)
James Stern: "Die unsichtbaren Trümmer", Coverausschnitt (Bild: Eichborn Verlag Berlin)
Aus dem Englischen von Joachim Utz, Klaus Binder und Bernd Leineweber

Im März des Jahres 1945 erhält der in New York City lebende Schriftsteller James Stern Besuch von seinem Freunde Mervyn, der mitteilt, demnächst werde er im Auftrag der US-Regierung nach Deutschland reisen. Er legt Stern nahe, es ihm gleich zu tun. Es folgen Verhandlungen mit den entsprechenden Dienststellen, und nach kurzer Einweisung übernimmt Stern, ebenso wie Mervyn, die Funktion eines bombing analyst, was zunächst nichts anderes meint, als dass die Folgen der alliierten Bombardements auf Deutschland erfasst werden sollen.

Deutschland hat mittlerweile kapituliert. Die Folgen der Bombardements sind Zerstörungen: solche der materiellen und solche der psychischen Art. Stern wird sich bald aufs zweite konzentrieren. Ausgestattet mit einem vorgegebenen Fragebogen, wird er Interviews führen mit Einwohnern des besiegten Landes und auf ein breites Spektrum unterschiedlicher Charaktere, Überzeugungen, Erlebnisse und Verhaltensweisen treffen.

"Ich hatte im Deutschland vor Hitler gelebt und gearbeitet. Doch abgesehen von einem Wochenende im Jahre 1935 hatte ich das Land nicht mehr betreten, seit Hitler an die Macht gekommen war. In den Jahren dazwischen hatte ich viel Zeit mit Flüchtlingen, hauptsächlich Schriftstellern verbracht, um ihnen Englisch, Textredaktion, Ghostwriting beizubringen und ihre Bücher zu übersetzen. Erst jetzt wurde mir richtig bewusst, wie sehr ich mich mit ihnen identifizierte. Auf den Gedanken, Deutschland wieder zu besuchen, war ich nicht gekommen. Die Aussicht, zurückzukehren, erfüllte mich mit einer Mischung aus Grauen und Faszination."

Er bricht auf im späten Frühjahr 1945. Seine Tätigkeit führt ihn außer nach Hessen nach Bayern und Franken. Er trifft Menschen, die er von seinem früheren Aufenthalt her kennt; er interviewt Leute, die ausgewählt wurden nach dem Zufallsprinzip; das Verfahren erinnert an jenes der Demoskopie, und auch in diesem Falle gab der Statistiker George Horace Gallup, Erfinder der modernen Meinungsbefragung, die Methode vor.

Im Zentrum des Buches stehen die Eindrücke von Deutschland, von Deutschlands jüngster Geschichte, von Deutschlands damaligen Zuständen und den unter ihnen lebenden Leuten. Es stellt sich damit in eine Reihe von Berichten ähnlichen Inhalts. Die Aufzeichnungen des emigrierten Architekturkritikers Julius Posener zählen dazu ebenso wie die einschlägigen Texte Carl Zuckmayers, der als US-amerikanischer Intelligence Officer das Land seiner Herkunft bereiste. Auch Passagen in den Autobiografien von Hitler-Flüchtlingen wie Klaus Mann oder Hans Mayer gehören hierher.

Sterns Buch unterscheidet sich von alledem in mehrfacher Hinsicht: Es ist der Text eines Ausländers, es fixiert eine besonders frühe Etappe des Nachkriegs, und es erschien sehr früh: Die New Yorker Erstauflage stammt vom Jahr 1947. Stern ist 1993 gestorben. Zu seinen Übersetzungen hat übrigens das Buch der Anonyma gehört, "Eine Frau in Berlin". Drei Jahre vor seinem Tod war in England eine Neuauflage seiner eigenen Aufzeichnungen erfolgt.
Die erste deutsche Stadt, von deren Bewohnern er ausführlich erzählt, ist das hessische Bad Homburg:

"Ich versuchte, mich in diese Menschen hineinzuversetzen, mir vorzustellen, was sie dachten. Im Geist folgte ich ihnen auf ihrem langsamen Gang durch den sonnenhellen Park, vorbei an dem Mann, der in dieser mörderischen Welt mit seinem Stock Papier unter Bänken anspießte und es sorgfältig und fein säuberlich in einen Drahtkorb fallen ließ; ich sah sie an einer Reihe verwundeter, ehemaliger Soldaten der Wehrmacht vorübergehen, deren Hände an die Schildmützen flogen, wenn sie amerikanischen Offizieren begegneten, die den Gruß nicht erwidern durften; ich folgte ihnen durch den Sprudelhof, wo sich einst wohlhabende Kranke in den Schwefelbädern die Heilung ihrer Leiden erhofft hatten; ich sah, wie sie, ohne hinzuschauen, am Fenster eines Fotogeschäfts mit Ski-Szenen und Nahaufnahmen lachender deutscher Kinder und Babys vorbei schlichen; und ich trat mit ihnen hinaus auf die Straßen mit ihren Gründerzeithotels und war dicht hinter ihnen, als sie langsam die Treppe zu dem muffigen, voll gestopften Zimmer hinaufstiegen, wo sie in meiner Vorstellung wohnten. Dort, als unsichtbarer Gast, beobachtete ich, wie sich die zitternde Hand, Erleichterung erhoffend, nach dein Radio ausstreckte und dann durch das Zimmer die Stimme der Anklage schallte: Wessen Schuld? Wer unter euch ist schuld an Verbrechen gegen die Menschlichkeit?"

Der Reiz des Textes besteht in seiner Unmittelbarkeit und seiner vorurteilslosen Betrachtung. Höchst unterschiedliche Personen treten auf, Nazianhänger und Nazigegner, Verblendete, Mitläufer und Opportunisten, Opfer und Täter, Intellektuelle und Arbeiter, Alte und Junge, Männer und Frauen. Stern erzählt, wie er eine hochschwangere Frau transportiert. Er redet mit einem fröhlichen Käsefabrikanten und einer zufriedenen Nürnberger Hure. Er hat einen wachen Blick für Landschaften und Kulturdenkmäler. Er begegnet bettelnden Kindern und unterschlägt nicht die Übergriffe amerikanischer Soldaten.

Er schildert jüdische Schicksale. Er macht Mitteilung von Aktivitäten der Widerstandsgruppe um die Geschwister Scholl, indem er schriftliche Äußerungen von Alexander Schmorell zitiert; es dürfte dies die erste detaillierter Schilderung der "Weißen Rose" gewesen sein für amerikanisches Publikum. Er reist nach Augsburg, um den Fürsten Fugger zu treffen:

"Ich hatte mir wohl keine Vorstellung davon gemacht, wie ein Fugger aussehen müsse. Aber ich war überrascht von der Feinheit des Kopfes, dem intellektuellen Auftreten, dem Lächeln und der ruhigen Stimme, von der ein undefinierbarer Charme ausging. Mit seiner dunklen Brille, dem kleinen grauschwarzen Schnurrbart, dem schütteren, aus der Stirn gekämmten Haar, das etwas voller über die Ohren und in den Nacken fiel, sah er für meine Begriffe dem Nachfahren einer deutschen Bankiersfamilie ganz und gar nicht ähnlich, auch nicht einem Mann, der vor kurzem zum Tode verurteilt worden war, weil er sich an einer Verschwörung gegen einen gewissenlosen Diktator beteiligt hatte."

Wer weiß heute noch vom antifaschistischen Widerstand des Fürsten? Selbst in Augsburg ist der Name Fugger nur mehr verbunden mit dem Zeitalter der Reformation, mit einer historischen Wohnanlage und einem noblen Geldinstitut.
Während Stern seine Interviews führt, geht der Weltkrieg im pazifischen Raum immer weiter. Bei dessen Ende, nach dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki, befindet sich Stern bereits wieder in New York City. Seine Aufzeichnungen und Urteile lagen in Washington vor, als man über die künftige Besatzungspolitik in Deutschland entschied.

Später gab es noch andere literarische Deutschlandreisende aus der Neuen Welt, Martha Gellhorn, John Dos Passos und Rebecca West zum Beispiel, auch Stephen Spender gehörte dazu. James Stern darf sich rühmen, einer der Allerersten gewesen zu sein, und sein Rapport ist der schlechteste nicht.

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