Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
14.1.2005
Fritz Goergen: Skandal FDP - Selbstdarsteller und Geschäftemacher zerstören eine politische Idee
Bruno Media Buchverlag, Köln 2004
Rezensiert von Johann Michael Möller

Fritz Goergen: Skandal FDP - Selbstdarsteller und Geschäftemacher zerstören eine politische Idee (Bild: Bruno Media Buchverlag)
Fritz Goergen: Skandal FDP - Selbstdarsteller und Geschäftemacher zerstören eine politische Idee (Bild: Bruno Media Buchverlag)
Fritz Goergen ist eine schillernde, ja eine umstrittene Figur. Nicht nur bei der FDP, zu deren Machtzirkeln er jahrzehntelang gehörte. Zum eigentlichen "Anstifter" hat ihn die Hamburger ZEIT beim letzten Bundestagswahlkampf erklärt für die Krawallstrategie, mit der Jürgen Möllemann und Guido Westerwelle ihre Partei auf 18 Prozent hochjagen wollten. Goergen, der einmal Fritz Fliszar hieß und zuletzt der Strategieberater Westerwelles war, wolle nur die Macht, "egal, was sie kostet". Er, der kein Parteiamt besaß, der von keinem Parteigremium gewählt war, habe die FDP verändert, "wie kaum ein anderer". Sein Name falle immer, wenn von der Haiderisierung der Liberalen die Rede sei, vom Schwenk hin zum Rechtspopulismus. Kein Vorwurf hat Fritz Goergen so getroffen wie dieser. Denn wie Möllemann kam er aus dem eher linken Milieu, als er vor 30 Jahren in die deutsche Politik eintrat. Goergen hat damals gegen solche Unterstellungen geklagt und er hat Recht bekommen. Aber der Vorwurf des Anstifters blieb trotzdem an ihm hängen. Die Affäre um den Düsseldorfer Abgeordneten Jamal Karsli, Möllemanns Antisemitismusstreit mit Michel Friedmann, der berüchtigte Wahlkampf-Flyer, für den Goergen das Geld aus Luxemburg besorgt hat; das misslungene Projekt 18, Möllemanns Todessprung - die düstersten Kapitel der jüngsten FDP-Geschichte werden heute mit einer Ära des Tabubruchs assoziiert, die Goergens Handschrift tragen soll.

Möllemann hat seine persönliche Sicht der Dinge noch kurz vor seinem Freitod in dem Buch "Klartext" niedergelegt. Westerwelle kämpft seit dem Debakel seines Spaßwahlkampfes um den Führungsanspruch. Goergen hat zusammen mit seiner Frau Barbara die FDP verlassen und rechnet heute bitter mit seiner früheren politischen Heimat ab. Er ist inzwischen sogar Berater einer Neugründung geworden, die sich des alten Titels der DDP bemächtigt, der ehrwürdigen Deutschen Demokratischen Partei, und eine linksliberale Alternative zur FDP werden will.

"Skandal FDP" heißt Goergens Abrechnungsbuch, für das sich nur ein Kölner Kleinverlag fand. Es liest sich ob der peniblen Schilderungen des Innenlebens der Partei teils umständlich, teils aber auch ungewöhnlich spannend. Nur wer gar nichts mehr zu verlieren hat, spricht so offen über innerparteiliche Machtkämpfe, Finanzierungspraktiken und Wahlmanipulationen. Goergen versucht erst gar nicht, zu objektivieren. Er schreibt auch nicht in der Absicht, bei der FDP noch einmal irgendetwas werden zu wollen. Goergen ist fertig mit dieser Partei und ihren Repräsentanten, denen er unverblümt bescheinigt, für ihr eigenes Machtkalkül noch jeden liberalen Grundsatz verraten zu haben.

So sehr ich auch suche, ich erinnere mich an keinen einzigen FDP-Politiker der ersten Reihe, gleich welchen Geschlechts, der den Liberalismus oder die FDP wichtiger genommen hätte als die eigene Person.

Dieser Generalvorwurf, der sich wie ein Basso continuo durch das ganz Buch zieht, raubt ihm viel seiner Glaubwürdigkeit, auch dort, wo mit dem Autor sehr wohl ein kluger Analytiker und mit allen Wassern gewaschener Parteistratege spricht. So nehmen die Rechtfertigungsversuche seines eigenen Anteils am gescheiterten Kurs der Partei und die Versuche, die wahren Drahtzieher zu nennen, weite Teile des Buches ein. Dabei distanziert er sich von jedem Rechtspopulismus und weist die Verantwortung für Möllemanns Spiel mit dem Feuer weit von sich. In der Karsli-Affäre habe er ihn geradezu beschworen, die Finger davon zu lassen, während Westerwelle dem Treiben lange zugesehen habe und erst umschwenkte, als die öffentliche Meinung kippte.

Viel spannender als solche Schuldzuweisungen liest sich dagegen Goergens Analyse des schillernden Verhältnisses zwischen Möllemann und Westerwelle, zwei, die wie Castor und Pollux zusammenpassten, alles hätten erreichen können und sich dann doch gegenseitig beschädigt, man könnte auch sagen: ruiniert haben. Die Machtgier verband sie und trennte sie wieder, nicht der inhaltliche Gegensatz. Die Sympathien von Goergen liegen - wen wundert es? - eher bei Möllemann.

Möllemann roch Möglichkeiten und zögerte keinen Moment, sie wahrzunehmen. Möllemann war ein Instinktmensch.

Westerwelle erscheint dagegen als zaudernder, ja unernster Spieler, der seinen Weggefährten hintergangen und das Projekt 18 verraten habe. Natürlich präsentiert Goergen offene Rechnungen. Aber die Art und Weise, wie er beschreibt, verrät doch eine mitunter boshafte Genauigkeit. So habe sich Westerwelle von Möllemann zugleich gerne und widerstrebend auf den Stuhl des Bundesvorsitzenden drängen lassen.

Doch dann ließ Westerwelle seinen fordernden Förderer am ausgestreckten Arm verhungern. Jürgen W. Möllemann erkannte das an einem Tag unverhüllt und klar. Aber am nächsten wollte er das kleinste Zeichen wieder als Rückkehr des alten Glücks deuten. Er litt wie ein geprügelter Hund und ließ es doch geschehen.

Kritisiert Goergen an Westerwelle vor allem dessen Unentschlossenheit, sein Herumlavieren, so geht es bei seinen Intimfeinden wie Otto Graf Lambsdorff um den alten Grundkonflikt zwischen Sozialliberalen und Wirtschaftsliberalen, um das Grundverständnis von FDP also und ihres politischen Standorts.

Goergen bekennt sich ausdrücklich zu den Vordenkern des sozialliberalen Aufbruchs der späten sechziger Jahre, zu Karl Hermann Flach oder Werner Maihofer und beschreibt den weiteren Weg der FDP als fortgesetzten Verrat an deren Ideen durch eine Riege von "Selbstdarstellern und Geschäftemachern", durch den machiavellistischen Scheel, den opportunistischen Genscher, den reaktionären Lambsdorff, um nur die Hauptdarsteller bei diesem vermeintlichen Trauerspiel zu nennen. Goergen bilanziert bitter:

Seit der Ostpolitik von 1968 hat diese Partei nie mehr eine eigene politische Position von herausragender Bedeutung bis zu ihrer Verwirklichung verfolgt… Die Kluft zwischen Schein und Sein weitet sich zum Abgrund. Gleich hinter dem vielen Glimmer öffnet sich das große schwarze Loch. In das fiel Westerwelle vollends, nachdem ihn Kinkel, Lambsdorff und Genscher gezwungen hatten, Möllemann fallen zu lassen.

Wahrscheinlich haben längst die Anwälte der vielen Protagonisten, die in diesem Buch ihr Fett abbekommen, prüfen lassen, ob sie dem Autor nicht doch juristisch an den Karren fahren können. Doch die überzogenen, ja maßlosen Invektiven Goergens können nicht verdecken, was das Buch über den Rechtfertigungsversuch eines gestrandeten Funktionärs hinaushebt. Da ist vor allem die kluge Begründung des Projekts 18 aus dem Überlebenskalkül der FDP, das nicht erst mit Möllemann und Westerwelle in die Partei kam, sondern auf einer ausgearbeiteten Tradition der Liberalen fußt, auf einer Strategie der Eigenständigkeit.

Denn schon der legendäre Karl Hermann Flach wollte in den sechziger Jahren: Die CDU in einer Dauerkoalition mit der SPD klein regieren, den Sozis den rechten Flügel stehlen, die Freie Demokratische in die Sozialliberale Partei verwandeln und sie zur zweitstärksten im Parteiensystem machen.

Es ging beim Projekt 18 eben nicht nur um populistische Effekte, sondern einmal mehr um das Urtrauma der FDP, die Überlebensfrage. Doch Goergen gibt sich keiner Illusion hin:

Ein Teil der FDP-Führung hatte die Strategie 18 nie gewollt, ein Teil nur hingenommen und die meisten nur vordergründig aufgefasst.

Es sind diese Enttäuschungen, die den Ton des Buchs bestimmen, und die erklären, wie ein politischer Profi wie Goergen überhaupt zu einer solchen Generalabrechnung kommt. Man sollte sie deshalb nicht mit psychologischen Motiven abtun, die sich vielleicht in einer Persönlichkeitsstruktur des Autors finden lassen. Es geht auch um den Zustand der deutschen Parteipolitik, in deren Eingeweiden der Autor so zornig wie besessen herumstochert. Ein Zustand, der eben nicht gut und der Lage des Landes kaum angemessen ist. Nach Möllemanns Tod und Goergens unrühmlichem Abgang hat die FDP wieder Ruhe bekommen. Wohl wahr. Aber was ist das für eine Grabesruhe bei einer Partei, deren liberale Ideen so dringend gebraucht werden - und die alles tut, um belanglos, ja: um überflüssig zu erscheinen.

Existieren mag die FDP noch länger. Gebraucht wird sie nicht. Weder vom Liberalismus noch von der Republik.

Ein verbittertes Urteil. Und ein maßloses. Es wäre nicht gut, wenn es zutreffen würde.

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