Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
21.1.2005
John Keegan: Der Zweite Weltkrieg
Rowohlt Verlag, Berlin 2004
Rezensiert von Jörg Friedrich

John Keegan: Der Zweite Weltkrieg (Bild: Rowohlt Verlag)
John Keegan: Der Zweite Weltkrieg (Bild: Rowohlt Verlag)
Zwei Tage im Mai 1940, die zwischen dem 24. und dem 26., schreibt John Keegan, habe man im Rückblick als die strategische Weiche des II. Weltkriegs bewertet. Ein Gleis führte in Deutschlands Triumph, das andere in seinen Untergang. Ein Keil deutscher Panzerdivisionen hatte nahe dem Ärmelkanal die 1. Französische Armee und das gesamte britische Expeditionskorps von Frankreichs Hauptstreitmacht im Süden getrennt. 180.000 Briten am Strand von Dünkirchen blieb nichts als die Flucht in die Nordsee oder die Kapitulation. Hitler, fürchtend, dass die Panzer im feuchten Küstentiefland versackten, gab einen Haltebefehl. Zu Recht, urteilt Keegan, jedoch eben zwei Tage zu früh. Man hätte den zurückhastenden Gegner noch vor Erreichen der Strände überholen und zerschlagen können. Dann wäre der europäische Krieg vermutlich zu Ende gewesen, ehe er zum Weltkrieg bis in die Tiefen des Kaukasus und des Pazifik überging. Hätte es je einen US-Kriegseintritt, den Holocaust, die Atombombenentwicklung, den Ost-Westkonflikt, die Entkolonialisierung gegeben? Müßige Spekulationen; wir jedenfalls genössen nicht die Idylle der Bundesrepublik.

Keegans lakonische Zeichnung der Dünkirchen-Episode charakterisiert seinen Begriff des Krieges: Ein unberechenbares Element, teils den Kräfteverhältnissen, doch mehr der Wahl der Handelnden, ihrer Intuition, ihrem Naturell, ihrer Tagesverfassung, ihrer Schule, ihrem Ingenium und, man denke, ihrem Schicksal gehorchend. Friedrich Schiller wäre entzückt. Ausgeschlossen, dass ein deutscher Militärhistoriker gegenwärtig eine Passage schriebe wie die vom Geschehen an der nämlichen Front, nur vier Jahre später, der Landung der Westalliierten im Juni 1944:

Am Vortag hatten die Meteorologen der deutschen Luftwaffe wegen der schlechten Wettervorhersagen die Möglichkeit einer unmittelbar bevorstehenden Invasion ausgeschlossen. Das Unglück wollte es, dass Rommel gerade auf Urlaub in Deutschland weilte. Rundstedt lag in Saint Germain im tiefen Schlaf des alten Soldaten. Er war schon 1914 Erster Generalstabsoffizier einer der Diversionen gewesen, die für den Einmarsch nach Frankreich vorgesehen waren und hatte sich in unzähligen Alarmen und Feuerüberfällen ein dickes Fell zugelegt, während Hitler in Berchtesgaden gerade ins Bett gehen wollte. Konkrete Beweise für den Beginn der Invasion erhielt er erst bei der Mittagsbesprechung. - Trotzdem reagierten die Kommandeure an Ort und Stelle im Rahmen ihrer Kompetenzen, sobald sie klare Hinweise erhielten, dass die alliierte Landung begonnen hatte. Derartige Hinweise gingen schon bald ein. Da nur 18 von 92 Radarstationen arbeiteten, nämlich diejenigen im Pas de Calais, welche die alliierten Spezialisten nicht gestört hatten, wurde die beklagenswert kleine Zahl von deutschen Nachtjägern gegen die vorgetäuschte Luftflotte ausgeschickt, die sich dem Pas de Calais zu nähern schien. Die tatsächlich anfliegenden Fallschirmjäger wurden überhaupt nicht angegriffen, weil sie alle außer Reichweite der noch funktionierenden Radarstationen blieben. - Die Flotte, die die Landungstruppen beförderte, wurde um 2 Uhr am Geräusch entdeckt. Um 4 Uhr morgens rief Blumentritt Jodl in Berchtesgaden an, und bat um Genehmigung, die Panzerlehrdivision an die Strände heranzuführen, erhielt aber den Bescheid, er solle warten, bis man sich bei Tageslicht Klarheit verschaffen könne.

Diese Textkomposition aus Täuschung, Schlafmützigkeit, Knappheit, Routine, kreist um einen militärischen Parameter: Zeit. Die ungestörten Stunden, die Invasoren beim Wechsel von Wasser auf Boden benötigen: Fuß fassen, befestigen, Deckung aufbauen. Die Abwehrseite braucht Reaktionszeit.

Zu Keegans Konzept des Kriegs als Drama gehört die Equidistanz zu den Akteuren. In einer Nation von Shakespeare-Lestern dürfen auch Scheusale wie Hitler und Stalin mit Genie und Verblendung zugleich versehen sein. Wo Spielbergs Hollywood-Schinken vom "Soldaten Ryan" so miserabel dabei scheiterte, dem Gegner ein Gesicht statt einer Fratze zu gönnen, kennt Keegan so etwas wie die Tapferkeit und wendige Kampfkraft der 352. deutschen Division, die mit zwei anderen eine Übermacht von achten bekämpfte. An anderer Stelle, der amerikanischen Eroberung des Pazifik-Eilands Okinawa, verneigt sich der Erzähler gar vor einem fremden Ethos, das dem aufgeklärten Humanisten als blanker Wahnwitz erscheint:

Die japanischen Militärangehörigen auf der Insel - Marinepersonal, Frontsoldaten, Angestellte, Köche, einheimische Dienstverpflichtete - fochten so aufopfernd, dass sie fast bis auf den letzten Mann fielen. Insgesamt machten die Amerikaner 7400 Gefangene, darunter auch die Männer, die zu schwer verwundet waren, um Selbstmord zu begehen. 110.000 Japaner starben, weil sie es ablehnten, sich zu ergeben.

Der Inhalt des Kriegs ist töten und sterben. Sinn und Unsinn davon bleibt den meisten Beteiligten unersichtlich. Zwischen posthumem Heldenkult und Ächtung existiert die von Keegan gepflegte Perspektive der Achtung. Dies schließt die Grundtugend des Geschichtsschreibers ein, dass seine Kunst nicht darin endet, nachher zu wissen, was vorher richtig und rechtens war. Es gehört zur Erzählung, dass Hitler seinen Krieg vor Dünkirchen so gut wie gewonnen hatte. Nur, warum hat er es nicht wahrgenommen? Keegan glaubt, anders als seine Kollegen, weil er klüger geworden war. Klüger nämlich als der Gefreite Hitler von 1914/15, welcher dort in der Nähe im Schlamm gelegen hatte, der jedes Manövrieren lähmte. Hitler hatte aus der Geschichte gelernt und zwar genau das Falsche, wie jetzt offenbar.

John Keegans Einzigartigkeit veranschaulicht den widersinnigen Krieg als dennoch den Vater aller Dinge. Die natürliche Verfügungsgewalt des Stärkeren über den Schwächeren etwa stellt sich in jeder Gefechtslage separat dar. Das von Dünkirchen unter Verlust aller Waffen evakuierte Britenheer ließ dem tödlich geschwächten Churchill keine andere Wahl, als des Nachts Kilotonnen Bomben auf unbeteiligte Städtebewohner abzuladen.

Mit dem Rücken an der Wand hatte das britische Volk beschlossen, nicht zur Kenntnis zu nehmen, dass es sich auf das Niveau des Feindes begab.

Das Wehrmachtsniveau beispielsweise ließ sich, angesichts einer überwältigenden Gefangenenflut dazu herab, rund drei Millionen russische Kriegsgefangene dem Verhungern preiszugeben.

Ihr Tod war vor allem dem Umstand zuzuschreiben, dass die Wehrmacht keine Vorkehrungen getroffen hatte, solche Menschenmassen zu verpflegen, unterzubringen und zu transportieren.

Die Ressourcen der Blitzkrieger reichten bei der schieren Ausdehnung des Operationsgebiets nicht einmal für Winterstiefel. So schlagen Ohnmacht und Allmacht dauernd ineinander um Japans Ohnmacht, die allmächtigen USA zu schlagen, führte zu jenen selbstmörderischen Abwehrschlachten, deren Blutzoll demokratische Nationen schwer vertragen. Um die Landungsverluste von angeblich 200.000 GIs zu ersparen, wurde dem der Abwurf zweiter Atombomben vorgezogen. Einer Waffe, die der rückständige Stalin schon ausspioniert und kopierte hatte, bevor sie die Weltherrschaft der gut-demokratischen Sache festigte, die Hitlers Überwindung reklamiert. Die daraus entsprungene Massenvernichtungswaffe - ganz auf dem Niveau des gestürzten Feindes - hatte und hat das Zeug zum Selbstmord der Zivilisation.

Soweit hinaus will Keegan nicht gehen. Für ihn als britischer Patriot obsiegte letztlich das Gute im Zweiten Weltkrieg. Ende gut, alles schlecht: Weil diese Welt anscheinend doch keine Endsiege kennt, mag die Gerechtsamkeit von 1945 sich in ihrer heiligen Raserei irgendwann zu Tode gesiegt haben. Ihre seither aufgestauten Allmachtswaffen verlocken nämlich bisher Ohnmächtige und Habenichtse zu einem relativ preisgünstigen Ernstfall. Ihr technisches Massenvernichtungsmonopol ist den saturierten Weltkriegssiegern entglitten. Zuvor hätte höchstens eine Panne in den Silos der Erde den Endknall versetzt. Zum ersten Mal sind andere als die sich ausbalancierenden zwei Imperien im Begriffe, massentötenderweise zu operieren. Keegan zu Ende denkend, kann man sich gegen die Zauberlehrlinge des Terrors durchaus wehren. Wenn auch vermutlich nur gewaltsam.
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