Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
28.1.2005
Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa
DTV, München, 2004
Rezensiert von Michael Stürmer

Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg (Bild: AP Archiv/Henry Burroughs)
Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg (Bild: AP Archiv/Henry Burroughs)
Herausgegeben vom Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte 1954-1961 in der Bearbeitung von Theodor Schieder, dokumentiert von Adolf Diestelkamp, Rudolf Laun, Peter Rassow und Hans Rothfels


In der Stadt Braunsberg begann es unheimlich zu werden. Etwas Furchtbares schwebte über der Stadt. Wir legten uns in Kleidern zur Ruhe. Aber der Kanonendonner ließ uns nicht schlafen. Die Flüchtlinge wurden durch Lautsprecherwagen immer wieder zur Ruhe ermahnt, es hieß, es bestünde keine unmittelbare Gefahr für die Einwohner. In den Morgenstunden hörten wir dann Maschinengewehrfeuer… Über der Stadt lag ein Albdruck. Man glaubte, jeden Augenblick müsse Schreckliches passieren.

Ein Bericht aus Braunsberg, unweit des Frischen Haffes, westliches Ostpreußen, kurz bevor die deutsche Front zusammenbricht und nur noch Flucht ins Unbekannte bleibt. Ein Bericht aus tausenden, ähnlichen, die zu Beginn der fünfziger Jahre aufgeschrieben und gesammelt wurden. Der Schreck saß denen, die von Flucht und Vertreibung erzählten, von Angst und Sterben, ein Leben lang in den Knochen.

Lange Zeit allerdings schien es, als schämten sich die Besiegten für ihr Leiden. Bombenkrieg, Flucht und Vertreibung waren, anders als die Nazigrößen in allen Varianten des Schaurigen, kein Thema der öffentlichen Medien. Dabei sind im Bombenkrieg in den deutschen Innenstädten an die 600.000 Menschen umgekommen. Von den 16 Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen aus Mittel- und Osteuropa und aus den Donauländern kamen mehr als zwei Millionen niemals an. Kaum ein Denkmal, kaum kein Buch, kaum kein Film berichtete davon - so war es lange Zeit, die unausgesprochene political correctness schien das zu erfordern. Aber mittlerweile, von Günther Grass' Epos des Untergangs der "Wilhelm Gustloff" bis zu Jörg Friedrichs Chronik des großen Brandes setzt ein neues Erinnern ein.

Und das gilt auch für jene Dokumentation von Flucht und Vertreibung, die in acht dicht bedruckten Bänden im Auftrag des zuständigen Ministeriums vor 50 Jahren erschien, von den Historikern herausgegeben, darunter Hans Rothfels und Theodor Schieder, der eine jüdischer Emigrant, der aus den USA zurückkam, der andere mit einer jugendlich-braunen Vergangenheit. Da wurden Berichte gesammelt, mündliche und schriftliche, manche in Mundart, andere in Hochdeutsch, mitunter in rührend falscher Rechtschreibung, alle von ihren Verfassern mit Namen unterzeichnet, sparsam kommentiert. Es wurde, um unendliche Wiederholung der Leidensgeschichten zu vermeiden, ausgewählt, gar eine Typologie gebildet. Die meisten dieser Berichte sind von einer lakonischen Traurigkeit. Sie berichten, aber klagen nicht an. Man hört die Tränen mit, so in diesem Bericht aus Jugoslawien, wo die Vertreibung in der Regel mit jener ausgesuchten Grausamkeit erfolgte, die im Jahr 1999 die NATO-Staaten, eingeschlossen Deutschland, zum Krieg gegen Milosevic zwang. Damals allerdings, 1945, waren es die Deutschen, die erschossen, vergewaltigt, beraubt oder, wenn sie Glück hatten, nur vertrieben wurden, selten mit mehr als einem Rucksack ausgestattet und einer Kruste Brot. Manche waren so verzweifelt, dass sie bei Nacht aus den Sammellagern flüchteten, viele zur nahen rumänischen Grenze:

Das Flüchten wurde trotz aller Drohungen bereits aus allen Lagern fortgesetzt, denn die meisten von uns gaben alle guten Hoffnungen auf und waren bereit, lieber den Tod als unter den Krallen der Tito-Schurken weiter schmachten, und deshalb wählten sie sich den letzten Entscheidungsweg. Entweder ich erreiche wieder die Freiheit, oder ich erreiche den Tod und bin erlöst von diesem Jammer. Derart war die Parole unter den Lagerleuten.

Das ist ein winziger Ausschnitt aus einem Universum der Klagen, mühevoller Stoff, voller Wiederholung ähnlicher Geschichten, die sich zum Typus verdichten. Allerdings: Diese acht Bände waren kaum gedruckt, da verschwanden sie auch schon wieder in Seminarbibliotheken. Das hing zusammen mit der veränderten politischen Landschaft. Der BHE, Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten, war mittlerweile von der Christlich Demokratischen Union Kanzler Adenauers aufgesogen worden. Niemand wollte neue Bitternisse und neue Anklagen. Sollten die Toten doch ihre Toten begraben. Der Zeitgeist wollte es nicht anders, und in der Tat war die Integration der Flüchtlinge in der Bundesrepublik eine entscheidende Bedingung nicht nur für den jungen Staat und das Vertrauen, das er nach innen und außen erwarb, sondern selbst noch für die Wiedervereinigung. Zu ihren Bedingungen gehörte die vorbehaltlose Anerkennung der polnischen Westgrenze.

1954 schrieben die Herausgeber ein Vorwort, das dem Test des Zeitenwandels standgehalten hat und heute so gültig ist wie vor einem halben Jahrhundert. Da wird nichts beschönigt, nichts verschwiegen, nichts verharmlost:

Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten ist ein Ereignis, dessen volle geschichtliche Tragweite sich heute noch einem Urteil entzieht. Mag man es als Schlussakt eines Krieges betrachten, in dem die geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze des Nationen- und Staatenverkehrs tausendfach verletzt und die Vernichtung ganzer Völker nicht nur als Ziel verkündet, sondern in der Tat begonnen worden war; oder mag man es als Endphase eines fast anderthalb Jahrhunderte tobenden immer erbitterteren Nationalitätenkampfes in der Völkermischzone Europas ansehen. In jedem Fall lassen uns die geläufigen Maßstäbe der europäischen Geschichte im Stich.

Auf den Kriegskonferenzen von Teheran und Yalta hatten die Sieger Deutschland und Europa schon in Besatzungs- und Einflusszonen aufgeteilt. Diesmal traf die Vertreibung die Deutschen - "in ordnungsgemäßer und menschlicher Form", versicherte man sich zynisch. Tatsächlich war es, was die Herausgeber ungeschminkt "einen brutalen Gewaltakt" nannten.

Dabei gab es Unterschiede. In Ungarn und Rumänien lief wesentlich langsamer und glimpflicher ab, was in der Tschechoslowakei, in Polen und in Titos Jugoslawien der Bestimmung des Genozids nahe kam, wie ihn heute die Vereinten Nationen gebrauchen.

Schauerlich spiegelten sich die hell brennenden Städte Braunsberg und Frauenburg auf dem Eis wieder … Nachts hörten wir die Hilferufe der auf dem Eise eingebrochenen Personen. Hilfe war nicht möglich.

Vae Victis - Wehe den Besiegten. So ging in Tod und Schmerz Ostpreußen unter, nicht anders als viele deutsche Dörfer und Städte von der Weichsel bis zur Donau samt ihren unglücklichen Bewohnern. In mehr als 1000 Dokumenten der Erinnerung und der Zeugenschaft wird von Leid und Sterben berichtet. Es ist tatsächlich eine todtraurige Lektüre, und doch sind diese Bände wie so oft das einzige Denkmal, das von solchen Untergängen blieb.
-> Das Politische Buch
-> weitere Beiträge