Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
11.2.2005
Frederick Taylor: "Dresden, Dienstag, 13. Februar 1945 - Militärische Logik oder blanker Terror?"
C. Bertelsmann Verlag, München 2004
Rezensiert von Peter Merseburger

Frederick Taylor: "Dresden, Dienstag, 13. Februar 1945" (Bild: C. Bertelsmann Verlag)
Frederick Taylor: "Dresden, Dienstag, 13. Februar 1945" (Bild: C. Bertelsmann Verlag)
Aus dem Englischen von Friedrich Griese

Der Untergang Dresdens in den Feuerstürmen am 13. und 14. Februar 1945 markiert den grausamen Höhepunkt des konventionellen Bombenkriegs: Zwischen 35.000 und 40.000 zivile Opfer fielen den drei Angriffen britischer und amerikanischer Bomberflotten zum Opfer. Die Vernichtung einer der schönsten Städte Europas, berühmt für seine Kunstschätze und prachtvollen Bauten, galt auch vielen Angelsachsen als Schandfleck in der Kriegsgeschichte der Alliierten: Warf er nicht bedenkliche Schatten auf die überlegene Moral, mit der sie gegen das verbrecherische Regime des Nationalsozialismus zu Felde zogen? Beobachter in neutralen Ländern werteten den Angriff als Gipfel des Terrors, ja als Ungeheuerlichkeit, und selbst Winston Churchill, der dem britischen Bomber-Command ja die Flächenbombardements deutscher Städte befohlen hatte, hegte plötzlich ernste Zweifel an Art und Durchführung des alliierten Bombenkriegs. Es waren Zweifel, die sich nach Kriegsende verstärken sollten und dazu führten, dass man in London erste einmal Distanz zu Butcher-Harry hielt - zu Harry dem Schlächter, wie der Chef der britischen Bomberflotte von seinen Kritikern oft genannt wurde. Er und das Bomber-Command fehlen, als Churchill in seiner Siegesrede die britischen Leistungen aufzählt, denen der Sieg zu verdanken sei. Und zur offiziellen Siegesparade der Alliierten in Berlin wird Harris nicht geladen.

War der Angriff auf Dresden also ein Akt sinnloser Zerstörung, das Unverzeihliche, das unsere Väter im Namen von Freiheit und Menschlichkeit getan hatten, als sie los flogen, um eine schöne und vor allen unschuldige europäische Stadt zu zerstören?

So Frederick Taylor in seinem neuesten Buch "Dresden, Dienstag, 13. Februar 1945". Auf rund 500 Seiten untersucht der britische Historiker die Frage, ob es sich bei den Angriffen auf Dresden um blanken Terror oder militärische Logik gehandelt hat. Sein Buch wird von einigen Luftkriegsexperten als britische Antwort auf Jörg Friedrichs "Brand" gewertet - auf jenes Buch also, das fast ausschließlich vom Leiden und Sterben der Deutschen in den von Schlächter-Harris entfesselten Feuerstürmen in Hamburg, Dresden oder Pforzheim handelt. Und diese Einschätzung hat viel mit der glasklaren Antwort zu tun, die Taylor auf die von ihm selbst gestellte Frage gibt:

Die Bombardierung Dresdens war nicht irrational oder sinnlos, zumindest nicht für jene, die sie anordneten und durchführten, die ganz aufgingen in einem Krieg, der bereits zig Millionen Menschenleben gefordert hatte und vielleicht noch Millionen weitere fordern würde...

Dresden, argumentiert Taylor, sei "nach den damaligen Maßstäben" ein legitimes militärisches Ziel, der Angriff für die Männer von Arthur Harris deshalb militärische Routine gewesen. Es war ja keine offene Stadt, sondern ein funktionierendes feindliches Verwaltungs-, Industrie- und Verkehrszentrum, das im Februar 1945 nahe an der Front lag. Über den Verkehrsknotenpunkt Dresden sei der Nachschub für die gesamte südliche Ostfront der Deutschen gelaufen, die auch im Angesicht der sicheren Niederlage erbittert weiterkämpften. In dem Angriffsbefehl für die britischen Bomber-Geschwader heiß es deshalb:

Dresden besitzt wie andere Großstädte ein dichtes Netz von Telefon- und Eisenbahnverbindungen und ist von großer Bedeutung für die Verteidigung jenes Abschnitts der Front, der vom Durchbruch durch Marschall Konjew bedroht ist. Die Ziele des Angriffs bestehen darin, den Feind an einer Stelle zu treffen, wo er es am meisten spürt, hinter einer sich bereits in Auflösung befindlichen Front, die Benutzung der Stadt für einen weiteren Vorstoß zu unterbinden und den Russen nebenbei zu zeigen, wenn sie die Stadt erreichen, was das Bomber Command anrichten kann.

Diente der Angriff also auch der Einschüchterung der Russen, um rechtzeitig klar zu machen, was ihnen drohen würde, sollten sie nach dem Krieg über die vereinbarte Demarkationslinie weiter nach Westen vordringen? Taylor schließt das nicht aus, doch wertet er die Zerstörung Dresdens vor allem als Teil jener Strategie, die auf der Konferenz der großen Drei Anfang Februar in Jalta vereinbart wurde: Dass die Westmächte durch das Bombardement der hinter der Front gelegenen deutschen Städte und Verkehrsknotenpunkte den russischen Vormarsch erleichtern sollten. Wenn er also die Zerstörung Dresdens - man möchte sagen: militärgeschichtlich - legitimiert, lässt er doch nie einen Zweifel daran, wie sehr er ihn zugleich bedauert, wie sehr sich ihm das Herz im Leibe umdreht, wie er einmal schreibt, wenn man an die vielen Opfer und die grausige Art ihres Sterbens denkt.

Taylor stützt sich auf sorgfältige Archivarbeit und zahllose Interviews - übrigens auch mit Überlebenden in Dresden. Nüchtern zeichnet er die Entscheidungsstränge nach, die zur Katastrophe am 13. Februar 1945 geführt haben. Das ist äußerst verdienstvoll, zumal er mit vielen Legenden aufräumen kann - etwa dem Tieffliegerangriff auf Überlebende auf den Elbwiesen, den es offenbar nie gegeben hat. Manches erscheint einem deutschen Leser zu weitschweifig oder überflüssig - etwa die Kapitel über die Geschichte Sachsens, der Wettiner und ihrer Kurfürsten und Könige. Besonderes Interesse dagegen verdient seine geraffte Darstellung jener Mechanik von Schlag und Gegenschlag, die im zwanzigsten Jahrhundert überhaupt erst zur Eskalation des Bombenkrieges geführt hat. Und da besteht kein Zweifel: Den Anfang machten die Deutschen. 1915 greifen Zeppeline London an, zwei Jahre später werfen etwa zwanzig Gothas, die deutschen Bomber des Ersten Weltkrieges, ihre tödliche Last auf die britische Hauptstadt. Erst ab Frühjahr 1918 antworten die Briten mit Angriffen auf Bonn, Köln und Frankfurt am Main. Aber die Schäden und Opferzahlen bleiben auf beiden Seiten doch bescheiden. Auch im Zweiten Weltkrieg sind die Deutschen dann Vorreiter - nämlich jener Technik des Luftkriegs, die ab 1942 ihre eigenen Städte verwüsten soll. In Coventry werfen sie im November 1940 Brandkanister plus Leuchtbomben, um das Zielgebiet zu markieren; die nächste Welle folgt mit einer Mischung aus Spreng- und Brandbomben, dazu etliche Minen an Fallschirmen, die kurz vor dem Aufschlagen explodieren. Der entfachte Großbrand lässt sich nicht unter Kontrolle bringen und verschlingt die Stadt. Die Briten, die bis dahin nur Sprengbomben warfen, studieren die Technik und entwickeln sie zum perfekten, flächendeckenden Feuersturm, der die Moral des deutschen Volkes, vor allem der Arbeiter für die Rüstungsindustrie, zermürben soll und schließlich Dresden vernichten wird. Wer Wind sät, wird Sturm ernten - soviel jenen NPD-Abgeordneten ins Stammbuch, die heute im sächsischen Landtag von einem Bomben-Holocaust sprechen und damit gleichsetzen wollen, was nicht gleichzusetzen ist.
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