Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
18.2.2005
Reisen ins Reich - 1933 bis 1945
Ausländische Autoren berichten aus Deutschland
Rezensiert von Elke Nicolini

Reisen ins Reich - 1933 bis 1945, Coverausschnitt (Bild: Eichborn Verlag)
Reisen ins Reich - 1933 bis 1945, Coverausschnitt (Bild: Eichborn Verlag)
Herausgegeben und mit einer Einleitung von Oliver Lubrich

Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2004

Immer vielfältiger werden die Aspekte, unter denen man sich mit der Epoche der Nazidiktatur in Deutschland auseinander setzt. Und es scheint, als würde mit dem Verstreichen der Zeit das Interesse am Thema noch zunehmen. In dem vorliegenden Band handelt es sich zwar nur zum Teil um noch nicht Veröffentlichtes, doch birgt die Präsentation der Texte Neues. Es ist der fremde Blick auf ein Deutschland unter der Diktatur, auf eine unheimlich wirkende Nation, der dem Leser weitere Erkenntnis vermitteln dürfte:

Wir sitzen in der Sonne vor der deutschen Zollstation. (...) L. ist im Zoll. Sollte ich hineingehen und nachsehen, was los ist? (...) Der holländische Zoll dauerte 10 Sekunden. Das dauert nun schon 10 Minuten. Die Fenster sind vergittert. Da kamen sie heraus und der grimmige Mann lachte, als er Mitzi sah (...) Wir werden unterwürfig - beglückt heißt das, wenn der Beamte Mitzi anlacht - das erste Beugen des Rückens.

Dieser Auszug stammt aus dem Tagebuch Virginia Woolfs, die sich 1935 mit ihrem Mann Leonhard auf einer Autoreise nach Südeuropa befand. Der erste Kontakt mit Nazideutschland - und die Haltung des Paares verändert sich. Bei Mitzi, dem Grund für die unerwartete Freundlichkeit des Zöllners, handelt es sich um das Hausäffchen der beiden. Der Mitzi sollte später noch zugejubelt werden, als die Woolfs durch ein Spalier von Kindern hindurch fahren, die zum Empfang für Hermann Göring aufgereiht am Straßenrand stehen. Eine Begebenheit wie aus einer Filmsatire auf Hitlerdeutschland. Die Unterwürfigkeit aber verwandelt sich allmählich in Wut, wie Virginia Woolf schreibt, die hinter der Gutmütigkeit der hysterischen Menge ein dumpfes Massengefühl ausmacht. Sie gehört zu den Autorinnen der Anthologie "Reisen ins Reich", die von Anfang an kritisch und distanziert waren.

Aufschlussreich sind auch die Aufzeichnungen, die der Kaufmann Numa Tétaz, ein Auslandsschweizer, zum 9. November 1938 unter dem Pseudonym René Juvet machte. Jener Nacht, die den Auftakt zum Pogrom an den Juden bildete. Mit dem Auto fährt der Beobachter tags darauf geschäftlich nach Bayreuth:

An einer Straßenbiegung sah ich einen Auflauf von Menschen und wie ich näher herzufuhr, bemerkte ich, dass die Menge vor einem Haus stand, aus dem Feuerwehrleute angekohlte Möbelstücke schleppten. Das Haus sah irgendwie anders aus als alle anderen und auch die wartende Menge hatte ein anderes Gesicht, als man es bei einem Brandunglück erwartet. Sie war nämlich ganz offensichtlich freudig erregt. Ich stieg aus und fragte eine Frau, was denn da geschehe. "Ha, die Synagoge hamr abgebrennt heut nacht." Ja, um Gottes willen, warum denn? "Ha, wissen Sie denn net, dass die Juden unsern Herrn vom Rath umgebracht ham?" Ich wagte zu fragen, ob es denn die Bayreuther Juden gewesen seien oder ob der unglückliche Herr vom Rath, "unser" Herr vom Rath, wie meine Auskunftsgeberin gesagt hatte, etwa ein Bayreuther gewesen sei. Aber es war nicht gerade ratsam, auf dieser Basis weiterzureden, die erst erstaunten, dann drohenden Gesichter der Umstehenden sagten mir genug.

Für den Herausgeber, Oliver Lubrich, bildete das zeitnahe Verfassen, beziehungsweise die zeitnahe Veröffentlichung der Texte ein wichtiges Auswahlkriterium. Und so macht die Frische der Eindrücke sie besonders interessant. Sie sind nicht in den Rahmen des späteren Geschichtswissens eingepasst, wenngleich mancher Besucher von Anfang an die Vorgänge historisch richtig einschätzte. In seiner Einleitung analysiert der Herausgeber Verhaltensmuster der Gäste in Deutschland, vergleicht die Stimmen, ordnet sie ein. Darüber hinaus hat er jeden Beitrag mit einer kurzen Einführung versehen, die über die Entstehungsgeschichte der Aufzeichnungen und den Verfasser informiert.
Zu den Autoren zählen unter anderem Max Frisch, Thomas Wolfe und Samuel Beckett, dessen Auszüge aus seinem "Deutschen Tagebuch" eine Erstveröffentlichung sind. Ihn widert der Nationalsozialismus derart an, dass er meint, bald wirklich kotzen zu müssen. Natürlich sind auch etliche ausländische Journalisten im Band vertreten.

Aussagekräftig ist beispielsweise die Reportage der dänischen Dichterin Karen Blixen, weltberühmt durch ihr Buch "Jenseits von Afrika", die im ersten Kriegsjahr 1940 für die Kopenhagener Zeitung "Politiken" aus Berlin berichtete. Wenige Tage bevor Deutsche Truppen Dänemark besetzten. Sie schreibt kühl und distanziert und versucht das Erfahrene zu beurteilen. Bei allen kritischen Überlegungen zeigt sie sich dennoch beeindruckt, selbst wenn ihr vieles Unbehagen einflößt. Zu der rasanten Bautätigkeit in Berlin heißt es bei ihr:

Es ist unmöglich, nicht fortwährend von der Willenskraft und dem unermesslichen Arbeitsvermögen dieser Nation stark beeindruckt zu werden (...) Auch nachdem ich es gesehen habe, ist es mir unerklärlich, so etwas innerhalb so kurzer Zeit zu schaffen - und dann auch: Warum musste dies alles so schnell geschaffen werden? Es ist ein übermenschliches, ein unmenschliches Tempo. Das ist kein Wachstum, das ist eine tour de force, und darin steckt irgendwo Angst, man weiß nicht recht, ob beim Zuschauer oder bei den Baumeistern.

Fassungsloses Staunen über diese Deutschen gibt in vielen Texten den Ton an. Auch diejenigen, die der neuen Bewegung etwas abgewinnen konnten, staunten; sie voller Bewunderung. Manche, die nach Deutschland kamen, waren der NS-Ideologie gegenüber zunächst offen, oder ließen sich von der Aura, die sie wahrnahmen, faszinieren. Das gilt für den großen amerikanischen Autor Thomas Wolfe ebenso wie für die junge Martha Dodd, die mit der Familie 1933 nach Berlin kam, als ihr Vater das Amt des US-amerikanischen Botschafters in Deutschland antrat und dort viereinhalb Jahre blieb. Ihre Haltung änderte sich bald und sie erfasste messerscharf, wohin der Nationalsozialismus führen würde. Das belegt sie in ihrem bereits 1939 erschienenen Buch "Through Embassy Eyes", das in einem Appell an die westlichen Demokratien mündet, Hitler entschlossen Widerstand entgegenzusetzen, bevor dieser seine grausamen Ziele verwirklichen könne.

In mehreren Beiträgen wird das Kultische, das Religiöse hervorgehoben, das die Massenveranstaltungen kennzeichnete. Ein unheimlicher Ritus, fasziniert bestaunt, etwa von dem französischen Schriftsteller Jacques Chardonne oder mit Schrecken wahrgenommen, wie von Denis de Rougemont, dem Französisch-Schweizer, der 1935 für ein Jahr als Lektor an die Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt kam, wobei er aus seiner Ablehnung des Nationalsozialismus keinen Hehl machte. Er schildert eine Veranstaltung in der Festhalle, auf der Adolf Hitler sprechen soll.

Ein aufleuchtender Scheinwerfer lässt einen kleinen braun gekleideten Mann auf der Schwelle erscheinen, mit bloßem Haupt und ekstatischem Lächeln. 40.000 Arme haben sich in einer einzigen Bewegung erhoben. Der Mann schreitet sehr langsam vorwärts, grüßt unter einem betäubenden Donnern rhythmischer Heil-Rufe mit langsamer, bischöflicher Geste (...) Es dauert sechs Minuten, das ist sehr lang (...) Sie stehen aufrecht, unbeweglich und im Takt brüllend, während sie mit den Augen auf diesen leuchtenden Punkt starren, auf dieses Gesicht mit dem ekstatischen Lächeln, und ihnen im Dunkel Tränen über die Gesichter rinnen (...) Ich hatte gedacht, an einer politischen Kundgebung teilzunehmen. Aber sie zelebrieren ihren Kult! Und dabei wird eine Liturgie abgehalten, die große sakrale Zeremonie einer Religion...

Die meisten Besucher empfanden auch im täglichen Leben das Monströse dieser menschenverachtenden Ideologie. Und man fragt sich beim Lesen, wie es nur möglich sein kann, dass die Eltern- oder Großelterngeneration darüber so gut wie nie ein Wort verloren hat. War es die spätere Scham oder war sie sich dessen gar nicht bewusst? Darüber gibt das Buch naturgemäß keine Auskunft. Doch vieles, bis zu den letzten Kriegstagen im Mai 1945 in Berlin, wird hier mit der Außenperspektive eindringlich geschildert.




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