Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
25.2.2005
Helga Hirsch: Schweres Gepäck. Flucht und Vertreibung als Lebensthema
Edition Körber-Stiftung, Hamburg 2004
Rezensiert von Ulrike Ackermann

Helga Hirsch: Schweres Gepäck (Bild: Edition Körber-Stiftung)
Helga Hirsch: Schweres Gepäck (Bild: Edition Körber-Stiftung)
"Die Geschichte mit dem großen "G", die aus den Geschichtsbüchern, ist immer unpersönlich wie ein strategisches Computerspiel. Man erfährt viel über Bewegungen an den Kriegsfronten, über Verträge und Friedensabkommen, man lernt die Jahreszahlen von Gesetzen und die Namen von Führern kennen. Über die Menschen aber erfährt man wenig",

schreibt die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk in ihrem Vorwort zu Helga Hirschs Buch über Flucht und Vertreibung als Lebensthema. "Schweres Gepäck" - so der Titel - tragen die Protagonisten des Buchs bis heute mit sich herum. In sieben Einzelschicksalen zeichnet Helga Hirsch auf der Grundlage von autobiographischen Interviews die Lebens- und Familiengeschichten der aus ihrer Heimat vertriebenen Deutschen nach. Es geht ihr dabei um die Folgen, die Flucht und Vertreibung in der zweiten und dritten Generation hinterlassen haben, Traumatisierungen der Eltern, die die Lebenswege der Kinder entscheidend geprägt haben.

Zum Beispiel die beiden Töchter Christel und Dagmar einer entwurzelten Mutter aus Zdunska Wola, oder Günter, der 1944 als sechs Monate altes Kind mit seiner Mutter Lodz (Litzmannstadt) verlassen musste und bis heute auf der Suche nach Heimat ist. Oder Josef aus Böhmen, dessen Eltern vor der Tschechisierung flohen, die mit den berüchtigten Benes-Dekreten eingeleitet wurde. Später in der DDR, seiner zweiten Heimat, war die Arbeit das Wichtigste im Leben dieses zurückhaltenden Manns, der niemals wieder auffallen wollte.

Die Protagonisten des Buchs erlebten die Flucht als Kinder - der Älteste mit 15, die jüngste mit zwei Monaten - oder kennen sie als Nachgeborene aus den Erzählungen der Mütter, Väter und Geschwister. In jedem Fall hat diese Erfahrung das Leben dieser und anderer Kinder bis heute tief geprägt. Auch wenn die Geschichten über Flucht und Vertreibung der Deutschen bis vor einigen Jahren im öffentlichen Bewusstsein verdrängt und tabuisiert waren. Helga Hirsch, deren eigener Vater aus Breslau stammt, räumt deshalb ein:

"Ja, es mag vor allem unser Problem sein, das Problem der zweiten Generation, die wir die Eltern in den sechziger und siebziger Jahren als Ewiggestrige und Entspannungsfeinde stigmatisierten. Die wir von ihren tragischen Erlebnissen nichts mehr hören wollten, weil wir sofort deren Instrumentalisierung für eine Politik des Revanchismus unterstellten. Aber es ist auch das Problem der gesamten deutschen Gesellschaft, deren Wissen über die Schicksale jeder fünften Familie unserer Bevölkerung marginal ist und die in ihrer Mehrheit glaubte, die Trauer dieser Menschen über den Verlust ihrer Heimat mit dem Verweis auf die Schuld des NS-Regimes unterdrücken zu müssen."

Angesichts des Kriegs in Bosnien in den 90er Jahren, der Konfrontation mit Massenmord, Vertreibungen und Vergewaltigungen in unmittelbarer geographischer Nachbarschaft, begann in ganz Europa eine Auseinandersetzung über die jeweiligen nationalen Erfahrungen während des Zweiten Weltkriegs; so auch in Deutschland.

Parallel zu dieser öffentlichen Debatte beobachteten Ärzte, Therapeuten in psychosomatischen Kliniken und Psychoanalytiker, wie sich seit dieser Zeit die Themen ihrer fünfzig- bis siebzigjährigen Patienten auffällig veränderten. Vor allem die Frauen sprachen plötzlich über Kriegserlebnisse, Bombennächte, Vergewaltigungen und Fluchterlebnisse. Angesichts der Kriegsbilder aus Ex-Jugoslawien kamen offensichtlich jahrzehntelang verdrängte Erinnerungen an die Oberfläche.

Lange Zeit hatte man sich nicht mit der eigenen Erfahrung der Ohnmacht und Hilflosigkeit, mit Todesängsten und Gefühlen der Überlebensschuld konfrontieren wollen. Obwohl diese Erlebnisse zwölf bis 14 Millionen Menschen gemacht hatten, als sie ihre Heimat im Osten verloren und als ungeliebte Neuankömmlinge im Nachkriegsdeutschland eine neue Existenz aufbauen mussten.

Erst Ende der 90er Jahre begann man mit der Untersuchung der Traumafolgen von Vertriebenen. Häufig fand sich das Krankheitsbild des so genannten Posttraumatischen Belastungssyndroms: d.h. unwillkürliches Wiedererleben der lebensbedrohlichen Situation, dauererregte Zustände, Schlaflosigkeit, Reizbarkeit und Albträume. Es verwundert deshalb nicht, dass überproportional viele Vertriebene und ihre Kinder in schmerztherapeutischer oder psychoanalytischer Behandlung sind.

In vielen Familien fehlte der Vater, der gefallen oder in Kriegsgefangenschaft war. Die Mütter kämpften ums Überleben der Familie und hatten deshalb wenig Kraft und Empathie für ihre Kinder übrig. Häufig blieben diese Kinder noch als Erwachsene stark an ihre Mütter gebunden, weil sie sie mit deren unbewältigten Problemen nicht alleine lassen wollten.

Ein weiteres, oft anzutreffendes Charakteristikum der Vertriebenenkinder ist ihre Leistungsorientierung, so Helga Hirsch in ihrem Buch. Die Heimat hatten sie verloren, aufgewachsen sind sie in unvollständigen Familien, konfrontiert mit instabilen Müttern in einer sozialen Umgebung, die die Flüchtlinge keineswegs willkommen hieß.

Ihr Selbstwertgefühl stabilisierten sie nicht über Herkunft oder Besitz, sondern über Wissen, Können und Erfolg. Doch dieser Ehrgeiz - beobachteten Psychoanalytiker - war seltsam gebremst, nach dem Motto: nur nicht auffallen. Eine wesentliche Eigenart der Vertriebenenkinder ist ihr Gefühl der Wurzellosigkeit. Sie sind unruhig, fühlen sich getrieben, scheuen sich, sich langfristig niederzulassen. Diese hohe Mobilität nimmt zuweilen die gegenteilige Gestalt an: sie bauen ein Haus, um sich an der Erde geradezu festzuklammern, weil sie kein Vertrauen haben, dass ihre neue Lage stabil bleiben könnte.

Helga Hirsch resümiert in ihrem Buch hoch plausibel die Gründe für die jahrzehntelange Verdrängung der Erfahrung der Flucht und Vertreibung. Die politisch motivierte Furcht, der Hinweis auf das deutsche Leid könne als Versuch der Relativierung deutscher Schuld interpretiert werden, ist für sie allerdings keine hinreichende Antwort für die Ausblendung des Themas in den siebziger und achtziger Jahren. Denn in Deutschland gibt es keine ernst zu nehmende politische Kraft mehr, die Schuld und Verantwortung unseres Landes für die nationalsozialistischen Verbrechen in Frage stellen würde.

Auffällig ist stattdessen, dass privates Erinnern und offizielle Gedenkkultur weit auseinander fallen. Die Verbrechen der NS-Diktatur und der Holocaust werden zwar realisiert. Doch die eigenen Eltern und Großeltern will man aufgrund der Loyalitätsgefühle gegenüber der Familie nicht als Täter sehen. Darin sieht Helga Hirsch den Hauptgrund für die Verdrängung:

"Es macht Angst, wenn eindeutige Zuordnungen verloren gehen und die Grenzen zwischen Gut und Böse, Tätern und Opfern, verachtenswerter Vergangenheit und geläuterter Gegenwart zu verschwimmen drohen. Deswegen gibt es eine Neigung zu eindimensionalen Urteilen und Weltbildern, wonach zwischen der schuldigen Nation und der unschuldigen Familie genauso scharf getrennt wird wie zwischen den schuldigen (deutschen) Tätern und den unschuldigen (polnischen, jüdischen, russischen) Opfern."

Die Kritik in den sechziger Jahren am Schweigen der Eltern über ihre Verwicklungen in das NS-Regime war zwar moralisch legitim und politisch berechtigt. Doch mit diesen pauschalen Verurteilungen haben sich die Söhne und Töchter auch vom Erbe des Bösen abgekoppelt und sich in der abstrakten Identifikation mit den Opfern auf die Seite des Guten geschlagen, betont Helga Hirsch.

Verstanden sich die Väter und Mütter als Opfer der Umstände und Politik der Alliierten, so sahen ihre Söhne und Töchter die Deutschen vornehmlich als Täternation. Helga Hirsch plädiert in ihrem Buch deshalb dafür, sich endlich von den eindimensionalen Sichtweisen zu verabschieden und Ambivalenzen auszuhalten:

"Heute wächst das Bedürfnis nach einer Aneignung der Geschichte als untrennbarer Einheit von Verbrechen und Leiden. Und solange der gewaltsame Heimatverlust eines Fünftels unserer Bevölkerung ausgeklammert blieb, war die Aufarbeitung der Vergangenheit nicht abgeschlossen."
-> Das Politische Buch
-> weitere Beiträge