Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
4.3.2005
Norbert Frei: "1945 und Wir - Das Dritte Reich im Bewusstsein der Deutschen"
C.H. Beck-Verlag, München 2005
Rezensiert von Jürgen Busche

Norbert Frei: "1945 und Wir", Coverausschnitt (Bild: C.H. Beck-Verlag)
Norbert Frei: "1945 und Wir", Coverausschnitt (Bild: C.H. Beck-Verlag)
Zehn Aufsätze hat der Zeithistoriker Norbert Frei in diesem Band versammelt. In ihnen setzt er sich mit der Erforschung des Nationalsozialismus und seinem Weg in die Geschichte auseinander. Sein Anliegen ist es auch, blinde Flecken in der Wahrnehmung der Gegenwart zu entdecken.

Wann beginnt Vergangenheit? Wann endet unsere Zeit, jene Zeit also, von der wir als Gegenwart sprechen? Das scheint eine philosophische Frage zu sein und war das wohl auch meistens. Heute aber ist das eine politische Frage.

Als vor zwanzig Jahren unter deutschen Historikern ein Streit darüber begann, ob Hitler, der Nationalsozialismus, die Verbrechen vieler Deutscher in den Jahren der Diktatur und des Zweiten Weltkriegs nun schon so weit zurücklägen, dass man darüber kühlen Kopfes in historischer Perspektive reden könne, wurde der Ausgang dieses Streits letztendlich durch die Tatsache entschieden, dass noch etliche Opfer und nicht wenige Täter aus jenen fernen Jahren unter uns waren.

Von der Entsorgung der Vergangenheit sprach man vorwurfsvoll. Wie Müll sollte beiseite geschafft werden, was in der Erinnerung störte. Das war nicht ganz gerecht. Die Objektivität des Historikers verlangt keineswegs den Verzicht auf ein moralisch begründetes Urteil über das Gewesene. Und wenn die Geschichte ihr Grau in Grau malt, liegt darin die Chance zur Differenzierung, was nicht gleichbedeutend ist mit Entlastung.

Gleichviel: Gegenwart plädiert für Mitleid mit den Opfern, es ist nicht falsch, wenn solches Mitleid zum alles beherrschenden Gefühl angesichts eines unfasslichen Verbrechens wird und bleibt. Wie lange kann das währen?

Tatsächlich, sagt der Zeithistoriker Norbert Frei, geht eben eine Epoche zu Ende.
Die Zeit des "Dritten Reiches" entschwindet der Zeitgenossenschaft, der Nationalsozialismus verabschiedet sich aus dem in unserer Gesellschaft präsenten Vorrat persönlicher Geschichtserfahrung. Gegen dieses Faktum postulieren viele, als ließe Unabwendbares sich aufhalten, mehr denn je die Pflicht des Erinnerns. Aber darin liegt ein Element der Selbsttäuschung, denn die Wahrheit ist, dass fast niemand mehr sagen kann: "Ich erinnere mich!" Für die allermeisten von uns ist die Hitler-Zeit keine erlebte Vergangenheit, sondern Geschichte.


So steht es im Eingangs-Essay des jetzt im C. H. Beck Verlag erschienenen Sammelbandes "Die Deutschen und das Dritte Reich". Dieser Essay ist überschrieben "1945 und wir", der Untertitel formuliert das Problem als Behauptung: "Die Gegenwart der Vergangenheit". Jedoch so, wie sie der Autor zunächst vorstellt, ist diese Gegenwart vor allem ablesbar an dem, was die Medien, Rundfunk, Fernsehen, Zeitungen, Buchverlage produzieren. Und da stimmt gewiss Freis etwas salopper Einleitungssatz: Soviel Hitler war nie.
Etwas nüchterner heißt es wenig später:

"Richtig ist ganz sicher, dass nach wie vor kein anderes historisch-politisches Thema dieses Land in vergleichbarer Weise zu erregen vermag."

Die Worte "nach wie vor" in diesem Satz deuteten auf das, was den Autor in den meisten hier abgedruckten Aufsätzen umtreibt: Die Erregung der Bewohner dieses Landes angesichts der nationalsozialistischen Vergangenheit hat selber bereits eine Vergangenheit als Geschichte. Einmal schreibt Frei über die "Generationsfolge seit 1945": "Deutsche Lernprozesse". Dann über den "20. Juli 1944 in den Bonner Anfangsjahren": "Erinnerungskampf". "Justiz und Zeitgeschichte nach dem Holocaust" begegnen sich in der Betrachtung der "Rückkehr des Rechts". Zehn Aufsätze sind es insgesamt, die hier versammelt sind, und für die meisten gilt, das der dritte in seinem Titel annonciert: "Abschied von der Zeitgenossenschaft - der Nationalsozialismus und seine Erforschung auf dem Wege in die Geschichte".

Wir verfügen inzwischen über eine vordem unbekannte Nahsicht auf die Geschichte des "Dritten Reiches" und vor allem des Zweiten Weltkriegs. Unser Augenmerk hat sich dabei verlagert. In den Mittelpunkt der Geschichte sind die Geschichten der Menschen gerückt, im Zentrum des Interesses stehen die Erfahrungen des einzelnen, aber auch die Schicksale von Familien und Gruppen. Politische und gesellschaftliche Zusammenhänge treten demgegenüber in den Hintergrund. Was fasziniert, sind Fragen nach Schuld und Verhängnis, und Antworten werden eher auf der Ebene des persönlichen Verhaltens gesucht denn im Funktionieren des Regimes. Gesellschaftlich attraktiv geworden ist, kurz gesagt, die Moral in der Geschichte.

Vielleicht zu kurz gesagt. Die Moral in der Geschichte war von Anfang an der entscheidende Aspekt bei der Annäherung an das, was geschehen war. Nur wurde in den fünfziger Jahren das eine oder andere zur moralischen Frage hinzugerechnet, was heute dort keinen Platz mehr hat. Es war ein Erbe wenigstens des 19. Jahrhunderts, dass die Nation, zumal, wenn sie bedroht war, von ihren Bürgern Dinge verlangen durfte, die dem Einzelnen in seiner Rolle als Mitbürger strikt verboten waren. Kein Geringerer als Max Weber hatte nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg geschrieben:

Zur Wiederaufrichtung Deutschlands in seiner alten Herrlichkeit würde ich mich gewiss mit jeder Macht der Erde und auch mit dem leibhaftigen Teufel verbünden, nur nicht mit der Macht der Dummheit.

Eben die "Macht der Dummheit" könnte man sagen, war es, was die Macht des Nationalsozialismus verkörperte. Das wäre zwar zutreffend, aber nicht das, was die Deutschen vor und nach 1945 umtrieb. Was bedeutet es, sich "mit dem leibhaftigen Teufel" zu verbünden? Vielen war vor 1945 klar, dass sie im Dienst für Volk und Vaterland, wie es damals noch vermeintlich unschuldig hieß, dabei waren, das zu tun. Und die meisten waren nach 1945 bereit zuzugeben, dass sie das getan hatten. War das eine moralische Frage oder war das ein Hinweis auf übermächtige Verhältnisse, in denen für den Einzelnen die moralische Frage oder war das ein Hinweis auf übermächtige Verhältnisse, in denen für den Einzelnen die moralische Frage entschieden war? Für Norbert Frei ist solches Dilemma längst erledigt.

Fragen, die den Generationen der Mitläufer und Täter jahrzehntelang nur um den Preis zu stellen waren, dass diese sie als Schuldbezichtigungen verstanden, sind inzwischen kaum mehr ein Problem.

Das heißt nichts anderes, als dass die Rechtfertigungssprüche der Soldaten, Beamten oder Parteigänger Hitlers inzwischen als Ausreden abgebucht sind. Zweifellos: Nationalbewusstsein, Pflichterfüllung, Eidestreue bedeuten wenig gegenüber Mord, Unerdrückung, Entrechtung anderer. Das hätte die Generation der Hitler-Folgenden bedenken müssen Meint das Frei? Er sagt es indirekt. Die heute, sechzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Ämtern und Pflichten Stehenden haben wenig mit den alten, das Individuum bedrängenden oder entlastenden Verhaltensnormen im Sinn. Diese spielen in Deutschland seit den 60er Jahren allenfalls noch eine negative Rolle, seit gut zwanzig Jahren wohl überhaupt keine Rolle mehr. In den wichtigsten moralischen Fragen geht es nur noch um den Einzelnen. Norbert Frei sieht allerdings eine Gefahr, zumindest ein Defizit, einen nicht unbedenklichen Mangel in dem unbefragten Absehen von Mangel in dem unbefragten Absehen von der alten Herden-Moral:

Das verschafft den Nachgeborenen Raum für genaueres Hinsehen, erlaubt es in gewisser Weise sogar erst - verleitet jedoch auch zu jenem kostenlosen Bekennermut, der sich der historischen Reflexion gerne in den Weg stellt: "Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten hätte." In der Tat, das können wir nicht wissen, doch heißt das ja nicht, dass wir nicht wüssten, wie wir uns hätten verhalten sollen.

Zum Abschluss des Aufsatzes über den "Mythos Stalingrad" bemerkt Frei zur Konkurrenz von lebendiger Erinnerung, wie sie die Gegenwart im Gespräch hält, und entfernter Vergangenheit, wie sie dem Historiker als Arbeitsfeld vorliegt:

Vielleicht müssen wir verstehen, dass ein traumatisches Ereignis, wie Stalingrad es zweifellos war, Geschichte erst werden kann, wenn Erinnerung, die auf persönlicher Erfahrung beruht, nicht mehr gegenwärtig ist.

Das kann, wer will, als Warnung für die Zeitgeschichtler lesen, sich nicht zu früh auf die Ereignisse zu stürzen, die, obwohl vergangenen Zusammenhängen angehörend, immer noch vor vielen von uns stehen, als seien sie gestern passiert. Norbert Frei fährt allerdings an dieser Stelle fort:

Was in diesem Sinne die Gegenwart betrifft, so erscheint es gleichwohl geraten, dass die Historiker die Entwicklung der kollektiven Erinnerungsverhältnisse kritisch begleiten: Gerade mit Blick auf die Konjunktur der Erinnerung an Stalingrad - die insofern in einer Reihe zu sehen ist mit der Erinnerung an den jetzt breit diskutierten alliierten Bombenkrieg oder die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten - entsteht der Eindruck, dass es manchen Zeitzeugen, Buchautoren und Filmemachern darum zu tun ist, so etwas wie ein vermeintliches moralisches Recht zu postulieren: das Recht und die innere Freiheit der Deutschen, nach Jahrzehnten der selbstkritischen Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit nun auch deutlich über das eigene Leid und die eigenen Opfer sprechen zu können. Die innere Freiheit des Sprechens mag uns inzwischen zugewachsen sein, ein Recht auf Gehör jedoch gibt es nur vor Gericht.

Das ist schon recht massiv. Aber es stimmt. Zwar gehört es in das Reich der Fabel, dass die Sieger die Geschichte schreiben. Indes: Richtig ist, dass nur der, der die Geschichte zu schreiben versteht, eine Chance hat, über die bloße Beherrschung irgendwelcher Vorgänge hinaus, als Sieger über die flüchtige Gegenwart hinaus in Ansehen zu bleiben. Das moralische Recht, in den Gesprächen über Vergangenes mit Hinweis auf eigene Erfahrungen zu intervenieren, wird von Frei auch hier betont - allerdings mit dem Hinweis, dass es sich dann und wann auch um ein vermeintliches Recht handeln kann.

Zeitgeschichte ist immer auch in eminenter Weise aktuelle Wissenschaftsgeschichte - Geschichte der Wissenschaft von der Zeitgeschichte. Es ist das kontinuierliche Bemühen, blinde Flecken in der Wahrnehmung der Gegenwart zu entdecken. Die Frage, wie über ein Ereignis geredet und gestritten worden ist, gehört für den Zeithistoriker in den Kernbereich seines Forschungsinteresses. Dies zeigen die Essays und Aufsätze Norbert Frei sehr überzeugend.

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