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Sonntag • 12:10
6.4.2003
Nach dem Krieg
Cora Stephan

Wer Krieg führt, muss wissen, was danach kommt. Wer ihn den Amerikanern überlässt und auf Friedensbewegung macht, auch. Die friedens- und frauenpolitischen Verlautbarungen aus der Bundesregierung aber lassen nichts Gutes erahnen. Gegen George Bush sein ist ja noch keine Außenpolitik. Und die mütterliche Mahnung von Heidi Wieczorek-Zeul, wer kaputtmache, müsse schon selbst wieder aufbauen, zeugt von einer politischen Weitsicht, wie man sie keinem Frauenstandpunkt unterstellen möchte.

Was also wird sein nach dem Krieg im Irak - in Deutschland, in Europa? Die europäischen Einwände gegen den Krieg sind dank der raffinierten diplomatischen Finte, die Karten bereits auf den Tisch zu legen, bevor man noch gereizt hat, erledigt - und damit auch die durchaus berechtigten Vorbehalte gegen die Etablierung einer neuen Weltordnung als einer pax americana, die jene völkerrechtlichen Einhegungen beseitigt, auf die man im alten Europa mit seinen bitteren Kriegserfahrungen zu Recht Wert legt, ja: stolz sein kann. Deutschland vor allem hat seine Vetomacht preisgegeben, bevor es sie noch hätte ausüben können.

Damit hat die Bundesregierung ihr Soll übererfüllt, was die Verwirklichung der Kriegsziele ehemaliger Gegner im Ersten und Zweiten Weltkrieg betrifft: Auch das wiedervereinigte Deutschland ist, trotz demographischer und noch immer auch ökonomischer Stärke, europa- und weltweit marginalisiert. Der Wunsch manch amerikanischer Strategen, die Deutschen an der Spitze Europas zu sehen anstelle Frankreichs, dessen nicht nur außenpolitische Provinzialität beim großen Verbündeten sprichwörtlich ist, hat sich erledigt. Deutschland ist heute auf dem Niveau der kurzsichtigsten, verbohrtesten und provinzstolzesten Kräfte Frankreichs angelangt.

Nun, natürlich hat die Verweigerung der zwei Kernländer Europas gegenüber dem einsamen Ratschluss der amerikanischen Regierung, jetzt - erst jetzt? Schon jetzt? - Krieg gegen den Irak zu führen, auch etwas zu tun mit der gemeinsamen Geschichte, die sie verbindet - übrigens auch mit Italien, in der die Friedensbewegung besonders stark zu sein scheint. Da ist zum einen, wie schon gesagt, die Tradition der europäischen Staatenkriege, derzufolge Kriege mäßig zu sein haben, die Zivilbevölkerung schonen und die Rechts- und politische Ordnung des Gegners respektieren sollen. Man musste im engen Europa morgen wieder mit denen Handel treiben, mit welchen man heute Händel hatte. Die moralische Inbrunst, mit der die US-Regierung dem irakischen Volk die Befreiung von seinem Tyrannen abnehmen zu wollen behauptet, der Sendungsanspruch, mit dem von einer Welt die Rede ist, die im Sinne President Wilsons "fit for democracy" ist, passt nicht in die europäische Rechtstradition, die weit älter ist als die Haager Landkriegsordnung, älter sogar als die Lehren aus dem 30jährigen Krieg. Die USA sind hingegen in ihrem Kriegsbild nicht unwesentlich geprägt von den Erfahrungen des amerikanischen Bürgerkriegs. Dort aber haben alteuropäische Einhegungen in der Tat keinen Platz: im Bürgerkrieg kann nur einer, muss eine Seite siegen und zwar vollständig, sonst hat man sich den irischen oder baskischen Konflikt eingehandelt.

Da ist aber noch etwas anderes, was die drei Länder an historischer Erfahrung teilen, seit dem Zweiten Weltkrieg, auch wenn Italien und Deutschland auf der einen, Frankreich auf der anderen Seite standen: das Erlebnis einer tiefen Demütigung, das noch heute, politisch längst nicht mehr an klar unterscheidbare Lager gebunden, untergründig im kollektiven Gedächtnis der Nationen eine Rolle zu spielen scheint. Während Italien und Deutschland damals vom die Moral auf seiner Seite behauptenden Kriegsgegner zu Barbaren erklärt und entspechend behandelt wurden, war Frankreich passives Objekt seiner Befreiung, was manche Amerikaner, die heute politisch korrekt statt french fries freedom fries essen, die Franzosen neuerdings wieder laut und deutlich wissen lassen.

Das ist nicht nett, aber unschön ist auch das Ressentiment, das hierzulande bei vielen Meinungshabenden nicht nur den Ton bestimmt. Über kaum etwas scheint man sich dort lieber zu echauffieren als über die Stümperhaftigkeit der Amis, die den Gegner unterschätzten, Soldaten mit Frauen und Kinder verwechselten und vorzugsweise die eigene Seite unter friendly fire nähmen. Das klingt verdammt nach dem Ressentiment der Gedemütigten, die sich noch heute, wie schon 1991, lieber mit den leidenden Irakern identifizieren als mit der arroganten Supermacht Amerika.

Dem politischem Durchblick ist Ressentiment bekanntlich im Weg. Und wer die Übermacht der Amerikaner beklagt, hat die Position des wehrlosen Unterlegenen längst verinnerlicht. Doch wer die eigenen Vorstellungen politisch geltend machen will, braucht Macht, ohne die es im außenpolitischen Geschäft keine Verhandlungsposition gibt. Insofern ist die Idee gar nicht verkehrt, mit dem Aufbau eines europäischen Heers der Einschätzung entgegenzutreten, Europa beklage sich nur, überlasse das Geschäft der machtgestützten Sicherheitspolitik aber gerne den Amerikanern. Nur: dazu müsste man auch wissen, was man will. Gegen George Bush sein ist, wie gesagt, keine Außenpolitik.

Aber das wird einen deutschen Bundeskanzler wohl nicht weiter interessieren, der, ganz im Geiste des Primats der Innenpolitik, mit populistischer Friedensbewegtheit die nächsten Wahlen gewinnen will. Bis dahin aber ist das europäische Spiel gelaufen.
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