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Signale • Gedanken zur Zeit
Sonntag • 12:10
13.4.2003
Nur die Armut gebiert Großes - Gedanken zur Kulturpolitik
Eva Demski

Ein Jammer durchtönt das Land, und wie ein leiser, beharrlicher Oberton die Beteuerung, es läge den Jammernden nichts ferner als Jammern. Vielstimmigkeit ist zu hören: Bibliothekare und Musiker, Intendanten, Museumschefs, die gar nicht so freien Freien Gruppen, Kindertheatermacher, Jazzkellerbetreiber - Verleger natürlich, mit mächtigem Crescendo die Zeitungsmenschen, Reporter, Redakteure, Photographen - kurz alle, die das Volk braucht, damit es sich vor dem Verblöden schützen kann, sehen sich am Ende ihrer Möglichkeiten. Sie reißen andere mit in den Abgrund:

Jene Helfer, die nie berühmt werden, ohne die aber die Großen auch nicht berühmt würden: Beleuchter, Maskenbildner, Tonleute, Drucker, Kantinenwirte, Plakatkleber: Und das, beides, die vorgenannte Elite und ihre Steigbügelhalter sind nur eine winzige Auswahl der Gefährdeten. Es wird einem schwindelig: Dirigenten gehen betteln, berühmte Verlage versinken in Krisensitzungen, Schreibende werden ihr Geschriebenes nicht mehr los. Und über allem schwebt die nicht gestellte Frage: Wie haben wir das früher bloß gemacht? Es war doch auch nicht so viel mehr Geld da? Ich möchte jetzt nicht die entzückten und verklärten Erzählungen der Großeltern über das aus den Nähten berstende Kulturleben nach dem Krieg bemühen - alle Theater voll und die Würgegriffe der Orchestergewerkschaft noch in weiter Ferne! Und natürlich kein Fernsehen. Und kein Internet.

Von diesem fernen Goldenen Zeitalter hat sich vor allem eins nicht erhalten: Der Hunger. Nicht nur der der Produzierenden nicht: Nach Ideen, Entzücken, Rettung, Erleuchtung - sondern auch nicht der des Publikums nach demselben Glück. Vielleicht glaubt es nicht mehr dran, daß seine Künstler ihm Glück und Wahrheit, von Schönheit gar nicht zu reden, schenken wollen. Vielleicht bleibt es deswegen so oft weg. Vielleicht ist der Hunger des Publikums noch da, aber wagt nicht, sich offen zu zeigen. Vielleicht ist es von seinen ziemlich gut gefütterten Künstlern zu oft verachtet, erzogen und erschreckt worden. Vielleicht will es nicht mehr hilflos sein. Vieles wird jetzt eingeschrumpft, kleiner gemacht, gestrichen: Das ist in manchem Fällen traurig, aber längst nicht in allen. Noch immer aber wagt keiner, die Institutionen der Kultur auf den Prüfstand zu stellen:

Das kann man verstehen, denn dazu gehörte Löwenmut und eine unvorstellbar große Portion Selbstbewusstsein und Gelassenheit. In den Jahren der Selbstinstitutionalisierung der Kultur ist es nämlich auch noch dem mediokersten Artisten gelungen, eine Lobby aufzubauen. Und sich immer wieder bestätigen zu lassen, die Gesellschaft habe den zu alimentieren, der beschlossen hat, sich Künstler zu nennen. Auch und grade dann, wenn ihr, der Gesellschaft, seine Hervorbringungen unangenehm oder unverständlich sind. Kulturdezernenten und Kritiker, Katalogdichter und Galeristen tun das Ihre, damit das Volk, der Zahler, sich nicht muckst. Was es begreift, kann nichts taugen, was es freut, ist seicht, wovon es sich glücklich fühlt, kann nur Kitsch sein.

Ja, so hat das ziemlich lang funktioniert, man war auf der documenta, und wenn einem die nichts gegeben hatte, hielt man den Mund und ließ sich von hochfahrenden und mißlaunigen Ausstellungsmachern herunterputzen. In den Theatern war's ähnlich, und deswegen hat sich eine Parallelkultur entwickelt, Musical-Event, Sechsgängefressen mit eingebauter Oper, na, Sie kennen das ja. Das geht jetzt auch Stück für Stück pleite, und das Publikum, das sich nach etwas sehnt, wenn es auch nicht mehr genau weiß, wonach, sitzt traurig da und schaut den verschiedenen Irrwegen hinterdrein.

Ich glaube nicht, daß im allgemeinen Niedergang gefragt werden sollte: Was muß gerettet werden? Viel interessanter ist: Was wird sich retten? Was wird den Weg in Hirne und Herzen finden und sich drin einnisten? Vielleicht fängst es mit so harmlosen Kindlichkeiten wie Matisses Scherenbildern an, die verblüffend viele Menschen sehen wollten. Große , auch sperrige Musik hat keinen Mangel an Zuhörenden. Vielleicht wird irgendwann auf einer Bühne ein Junggenie auftauchen, das nicht versucht, die allfällige Widerwärtigkeit des Lebens auf den Brettern zu toppen.

Wenn etwas schief geht, sagte der wunderbare Philosoph und Anarchist Leopold Kohr, ist das ein Zeichen dafür, daß es zu groß geworden ist. Die Menschen brauchen Kultur! Selbst der dusseligste Formel-1-Fanatiker wird diesem Satz nicht widersprechen. Die Kultur braucht Menschen! Haben Sie den Satz mal gehört? Ich auch nicht. Stimmt aber trotzdem. Es hat was mit Liebe zu tun. Die nämlich ist jener Prüfstand, den ich vorhin gemeint habe. Die Künste werden sich ihn gefallen lassen müssen, Unverstandensein als Qualitätsnachweis ist hoffnungslos überaltert, reinstes zwanzigstes Jahrhundert. Ebenso wie das Potentatengehabe mancher Intendanten, die sich selber ähnlich geldwertschätzen wie die Vorstandsmitglieder mancher Konzerne.

Geld ist nicht mehr so blindlings verschüttbar wie viele Jahre lang. Was aber geliebt wird, kann nicht untergehen. Wer das mit populistischem Beifallsschielen verwechselt, hat nichts verstanden. Das Volk hat ein ziemlich gutes Gespür für das Authentische, es erkennt Lügen schnell, auch wenn es gelernt hat, das zu verbergen. Vielleicht führt die Neue Armut ( der Begriff bleibt einem im Halse stecken angesichts des Reichtums, der noch immer hier wohnt ) - also, vielleicht führt die Neue Nachdenklichkeit zu einer Art Justierung: Der Künstler auf Augenhöhe mit seinem Publikum.

Im übrigen kann man Kultur auch fast kostenlos herstellen: In Rumänien habe ich letztes Jahr einen Abend erlebt, in einer Wohnung, es gab Wein, Brot und Fischsalat, den ganzen Abend Streit über Dostojewskij und einen pensionierten Tenor, der ein ganzes Opernensemble ersetzte. Einer der schönsten und lehrreichsten Abende meines Lebens. Und voller Liebe zur Kunst.
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