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Signale • Gedanken zur Zeit
Sonntag • 12:10
18.4.2003
Ein Karfreitag in Zeiten des Krieges
Josef Schmid

Es wird sich kaum jemand des religiösen Ernstes entziehen können, der gerade an diesem Tag die Christen erfüllt. Der Menschensohn - so heißt es - vollendet sein Erdendasein auf qualvolle Weise. Die Karwoche erinnert eindringlich daran, dass einmal Religion den Jahresablauf bestimmt hat. Obwohl die moderne Welt scheinbar alles daransetzt, uns um den Rest von Andacht zu bringen, so erfüllt sie den Äther doch mit der Passionsmusik des Johann Sebastian Bach und zeigt uns den Papst betend in den Ruinen des Alten Roms. Sie stoßen uns moderne Europäer auf unser religiöses Erbe, das in dieser Woche und an diesem Tag unzerstörbar erscheint.

Doch diesmal stört die religiöse Besinnung nicht nur moderner Großstadtlärm, sondern Kriegslärm, der über die Bildschirme in unsere Wohnungen getragen wird. Das Aufblitzen einschlagender Bomben beschäftigt die Schreckensphantasie mehr als mancher Tote oder Verwundete am Rand der Vormarschwege. Wie viele würden wohl in dieser Sekunde sterben und angesichts der Feuertechnik der Marschflugkörper verkohlen oder nicht mehr auffindbar sein. In das Bild des leidenden christlichen Erlösers mischen sich an diesem Karfreitag die Bilder von tausenden, notleidenden und toten Muselmanen. Die Frage, ob dies dem Befreiungskrieg oder dem eigenen Despoten zuzuschreiben sei, sei hier einmal weggelassen. Vielmehr sei festgehalten, dass sich in die religiösen Gefühle eines abendländischen Karfreitags ein Zweifel einschleicht, ob sich dieser Krieg nicht in eine lange Reihe von Kämpfen zwischen Abendland und Morgenland einreiht, in eine Reihe von Kreuzzügen gegen den Islam, seine Vertreibung von der Iberischen Halbinsel bis zur Zerstückelung des Osmanischen Reichs in westlich-koloniale Einflusssphären. Der Irak ist ein solches Stück davon.

Ist es im Grunde nicht doch ein Religionskrieg, der nur ein zeitgemäßes Tarngewand angelegt hat? - ein Kampf einer Welt der Rechte, gegen eine Welt der Gebote, - ein Kampf von souveränen westlichen Völkern gegen eine 'Umma', eine Gemeinschaft aus gläubiger Demut - ein Kampf der nüchternen Rationalität gegen Glaubenseifer, der auf Bodengewinn aus ist? Passt es da nicht dazu, dass der westliche Kriegsherr seinerseits sich auf göttlicher Mission wähnt und uns eine manichäische Konstellation vor Augen führt? Das Gute bekämpft das Böse, Hell das Dunkel. Der inzwischen gestürzte orientalische Despot trat seinerseits wie ein Großwesir im Namen Allahs auf: er rief zum Heiligen Krieg auf, zum Religionskrieg, der zu allen Zeiten vorzeitige Versöhnung ausschloss.

Seit dem Dreißigjährigen Krieg wissen wir, dass Krieg im Namen einer geoffenbarten Religion etwas Unversöhnliches in menschliche Auseinandersetzungen trägt. Krieg ist nur möglich, wenn bei den Kriegführenden ein Glaube existiert, dass es Höheres als das Leben des Einzelnen gibt. Es hat etwas Widersprüchliches, wenn der westliche Mensch seit Wochen und Monaten nicht müde wird, seine aufgeklärte Fortgeschrittenheit, seine gelungene Trennung von Staat und Kirche hervorzukehren und sie wie ein Kontrastbild dem im Mittelalter verharrenden Morgenländern vorzuhalten. Denn der moderne Westen übersieht, dass ihm die Entzauberung von Religion nur zum Teil gelungen ist. Der Wille zum Glauben, der sich allein schon aus der zeitlichen Begrenztheit des Menschenlebens herleitet, hat auch im Diesseits Halt gefunden und anstelle des Jenseitsglaubens politische Überzeugungen hier auf Erden entstehen lassen. Die politischen Überzeugungen und Prinzipien werden mit ähnlicher Inbrunst und Ausschließlichkeit vertreten, missionarisch verfochten wie früher die reine, jenseitsgläubige Religion. Uns ist allen nicht wohl bei dem Gedanken, in orientalische Einflusssphären sofort Demokratie, Parteienstaat und Marktliberalismus transportieren zu müssen. Das Gefühl, dass hier Besiegte gezwungen werden, die Götter der Sieger anzubeten, verlässt uns nicht, wenn es heißt, es werde im Orient eine 'Neuordnung nach westlichen Vorstellungen' geplant. Je religiöser sich eine Auseinandersetzung gibt, um so mehr Unversöhnliches bleibt auch nach dem Friedensschluss zwischen Kriegsparteien bestehen. Das abendländische Individuum hat gelernt aufrecht zu stehen und zu bleiben gegenüber religiösen Forderungen, nicht so der Morgenländer: Allah ist wie ein Feuersturm, der den Stehenden umweht und verbrennt. Nur wer sich zu Boden wirft, darf leben.

Albrecht Dürer zeigt uns einen Heiland als Schmerzensmann, der mit beiden Händen sein 'Haupt voll Blut und Wunden' hält. Die eine Hand gilt jeder geschundenen Kreatur; die andere Hand gilt dem Unglück, dass Religion zum Gepäck für Kriegs- und Beutezüge hinzugeladen wird: sie kommt als Selbstmordbombe zum Vorschein und als zündender Treibsatz unter Marschflugkörpern und Abwehrraketen. Lernen wir endlich, Kriege nicht im Namen eines ansonsten unbeachteten Gottes zu führen!
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