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Signale • Gedanken zur Zeit
Sonntag • 12:10
21.4.2003
Die neue Welt-Unordung
Claus Koch

Wir Zeitgenossen haben in den vergangenen drei Monaten so viel erlebt, daß es für den Rest dieses Jahres reichen sollte, um es zu einem Jahr des Schreckens, der Umwälzungen, der großen Auflösungen zu machen. Aber wissen wir schon, was wir da erlebt haben? Waren wir wirklich Zeitgenossen dieser Geschehnisse? Daran darf man zweifeln. Die meisten Europäer können keine neue Ordnung, sondern nur weitere Unordnung erwarten. Auch wir, die professionellen Erklärer in den Medien, stecken ebenso wie alle Politiker mitten im Wirrwarr. Es ist noch zu viel alte Ordnung da, die zerfallen kann, und es sind noch kaum Inseln einer neuen Sicherheit zu erblicken.

Da wünscht man sich manchmal, man könnte mit künftigen Historikern in 25 oder 30 Jahren Rückschau halten auf unser großes Durcheinander. Wie kam es, müßten die Historiker fragen und zugleich erklären, daß in so kurzer Zeit das große Bündnis des Westens, das mehr als ein halbes Jahrhundert gehalten hatte, auseinander fiel. Auf einmal gibt es diesen Westen nicht mehr - ebenso wie es schon seit einem Jahrzehnt keinen Osten mehr gibt. Wie kam es, daß Frankreich und Deutschland, ohne recht zu wissen wie, sich in einer Fronde gegen die Kriegspläne Amerikas zusammenfand, um mit diesem gemeinsam die Zerrüttung des Bündnisses in Gang zu setzen? Noch im Sommer zuvor hatten ihre leitenden Staatsmanager keine Ahnung davon, in welcher Rolle sie bald hineingeraten würden. Der Franzose, wahrlich kein Napoleon-Enkel und ziemlich blass im Schatten von de Gaulle, war kaum mehr als ein listen- und fintenreicher Durchschnittspolitiker, ruhmsüchtig und ohne großes politisches Wollen. Der deutsche Kanzler, auch in seinem fünften Amtsjahr ohne außen-, gar weltpolitische Ambitionen und ohne eine Strategie für Europa, hatte bis dahin oft Fortune bewiesen. Aber es war noch immer nicht klar, ob er auf dem Weg zum Staatsmann war. Der Amerikaner, der 'Präsident aus Zufall', kein eigenständiger Charakter, unerfahren in der Weltpolitik und abhängig von der schillernden Clique seiner Berater. Dazu noch der Brite, ein taktisch erfahrener Vollblut-Politiker, der mit einmal sich ins Abenteuer stürzte, alles auf die eine Karte Bush setzte und sich damit der großen Mehrheit seiner Landsleute entfremdete. Ebenso gerieten plötzlich die Polen, die Italiener, die Spanier, die Litauer, die Ungarn in Distanz zu ihren Regierungen, die sich ohne Not auf die amerikanische Seite geschlagen hatten.

Zeithistorisch einer Persönlichkeitskonstellation der Mittelmäßigkeit, ohne starke politische Ideen. Der französische Staatspräsident und der deutsche Kanzler ließen sich von ihrem Instinkt für das gebotene Verhalten in der gegebenen Lage leiten. Ein Navigieren höchstens auf mittlere Sicht. Handfest allein das französische Interesse am Anteil des Öl-Kuchens. Nur auf der amerikanischen Seite, in den führenden Clans, eine Energie, die sich als politische Leidenschaft verstehen ließ. In ihrer Überzeugungsstärke war sie jedoch allzu illusionsbereit, verlor den Weltkompass und die Aufgaben ihres Imperiums aus der Sicht. Das sollte sich schon im selben Jahr 2003, in dem die Weltwirtschaft in die Rezession abglitt, schmerzhaft zeigen.

Ohne politische Leidenschaft aber auch die Völker Amerikas und Europas. Sie ließen sich von den Politikern und den Medien zum Krieg und zur Zerstörung der Bündnisse nur schieben und ziehen. Zu politischen Überhebungen gegeneinander hatten sie alle keine Lust. Selbst die von heute auf morgen chauvinistisch hysterischen Amerikaner kamen zu ihrer Erregung erst nach der dröhnenden Kriegserklärung ihres Präsidenten.

War, so werden sich die Historiker in 25 Jahren fragen müssen, dieses Desaster nur das Ergebnis, die Kumulation von vielen nationalen Schwächeanfällen? Eine politische Entglobalisierung als das Resultat von politischer Faulheit, Geltungssucht, Sendungsbewusstsein und Erfahrungsverlust, die sich alle in einem Punkt versammelten, um die Implosion herbeizuführen? Das war nicht unähnlich der Selbstzerstörung des sowjetischen Imperiums mehr als ein Jahrzehnt zuvor.

Die Zeitgenossen konnten in dem chaotischen Vorgang keine Geschichtsnotwendigkeit erblicken. Die Historiker werden diese Notwendigkeit einmal entdecken, wenigstens konstruieren müssen, das verlangt ihr Beruf. Bis dahin kann sich noch ein größerer oder kleinerer Weltbürgerkrieg entfalten. Der bringt dann neues Material für die Erklärung. Unser Dilemma: Wir können auf die Historiker nicht warten. Wir müssen jetzt urteilen, um wenigsten die Chance zur Vermeidung des wahrscheinlichen Unheils zu gewinnen.
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