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Signale • Gedanken zur Zeit
Sonntag • 12:10
27.4.2003
Am Tisch des Friedens, mit dem Rücken zur Welt
Die Post-Irak-Intellektuellen
Hans Ulrich Gumbrecht

Noch nie zuvor vielleicht waren sich die Intellektuellen - ich meine Leute ohne Lippenstift oder mit Bärten, die den Mammon verachten und alle Arten von dietätischem Essen ebenso schätzen wie komplizierte Philosophen; nie zuvor vielleicht waren sich die Intellektuellen in den verschiedenen westlichen Ländern so einig wie zu der Zeit vor, in und nach dem Krieg, den die Streitkräfte der Vereinigten Staaten und des Vereinigten Koenigreichs gegen den Irak Saddam Husseins gewonnen haben. Sie waren und sie sind sich einig in der bedingungslosen Ablehnung dieses Kriegs, den sie immer noch 'illegitim' und 'menschenverachtend' nennen. Darin allerdings liegt kaum etwas Neues, denn für Kriege waren Intellektuelle auch früher nur in jenen eher seltenen Fällen, wo es um ihr eigenes Überleben als Klasse ging (wie in der Endphase des Zweiten Weltkriegs) oder wo eine der kriegführenden Parteien ihren Vorzugs-Ideologien nahe zu stehen schien (wie im Vietnamkrieg).

Neu - neu auf der Ebene eines einschneidenden sozialgeschichtlichen Ereignisses - war am zweiten Irak-Krieg, dass seine Ablehnung, wenigstens in Europa, einen wahren Solidaritätstaumel zwischen der Intellektuellen-Mehrheit, der Bevölkerungs-Mehrheit und den Mehrheits-Regierungen auslöste. In Deutschland ging dieses Liebesfest ja meilenweit über den altbekannten Sachverhalt hinaus, dass die SPD eine 'Studienratspartei' ist. Diesmal schloss die Anhängerschaft des führungsstarken Kanzlers Gerhard Schröder auch den Klerus, die Professorenschaft und viele Freiberufler ein. Derweil drucksten sich in Frankreich sonst Mitterand-nostalgische 'Sozialisten' kleinlaut das Geständnis ab, dass sie Jacques Chiracs Affinität mit Charles de Gaulle, dem Präsidenten-Denkmal, doch wohl unterschätzt hatten. Und um ein Haar hätten sich auch noch die bis heute marxistisch gebliebenen Latein- und Literatur-Lehrer Italiens zu Berlusconi bekennen müssen.

Allein in Spanien - und in den Vereinigten Staaten natürlich - durften sich die Intellektuellen weiterhin inbrünstig regierungskritisch fühlen; und allein in Amerika bedeutete Gegen-die-Regierung-sein auch weiterhin, sich in einen Gegensatz zur Mehrheit der Bevölkerung zu setzen. Aber dass die Intellektuellen zum erstenmal so warmherzig für Politiker ausserhalb ihres Landes schwärmten, die nie für sich in Anspruch genommen hatten, Sozialisten oder Marxisten zu sein, nämlich vor allem für den heldenhaften Kanzler Schröder und seinen - nur vom Aussehen her weniger - heldenhaften Aussenminister, diese Begeisterung für Regierungspolitiker (zumal für Regierungspolitiker aus Deutschland) sorgte dafür, dass der Irak-Krieg auch in der amerikanischen Kulturgeschichte als ein einschneidendes Ereignis zu bewerten ist.

Vielleicht sollte man diesen Krieg deshalb nicht einfach und primär als einen Sieg des britischen und des amerikanischen Militärs abbuchen - sondern ihn vor allem feiern als den demographischen Triumph der westlichen Intellektuellen. In einem langen Marsch - oder vielleicht eher: in einem langen Prozess der Durchdringung aller Gesellschaftsschichten - ist es ihnen gelungen, ihre früher einmal elitären Weltbilder und Wertvorstellungen zu denen der politischen Klasse und vor allem zu denen der Bevölkerungsmehrheit zu machen. Die Professorin und der Studienrat verkörpern heute die Mehrheitsmeinung, so wie das früher einmal der Angestellte, der Arbeiter oder vielleicht sogar der Unteroffizier taten: als (heute meist beamtete) Buchleser haben Intellektuelle wenig Verständnis für Leute, die Gewalt als Instrument der Politik nicht kategorisch ausschliessen; als selbsternanntes Gewissen ihrer Nationen fühlen sie sich dazu berufen, diesen Nationen jeweils ein kollektives gutes Gewissen - immer noch das sanfteste Ruhekissen - durch Politik-Verzicht aufzuschwatzen; und als Diskussions-Profis, die nur selten unter dem Druck stehen, eine Debatte abschliessen zu müssen, haben sie den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zu ihrer Lieblingsinstitution erkoren. Wo je die unbequeme Frage auftrat, ob nicht vielleicht ein Verdienst oder gar eine Verpflichtung darin liegen könne, einem Regime wie dem Saddam Husseins - und darüber hinaus einem bestimmten Typ von islamischem Fundamentalismus - weltpolitische Macht-Grenzen zu zeigen, da liess sich solche Widerstrebigkeit ganz schnell deckeln mit der intellektuellsten aller Reaktionen: nämlich mit dem Anspruch, dass verschiedene Kulturen ein Recht auf verschiedene Regierungsformen haben sollten.

So sitzen die nach dem Ende des Irakkriegs immer noch in ihrem Selbstwertgefühl aufgekratzten Intellektuellen am multikulturell und makrobiotisch gedeckten Tisch und trauern über jedes zivile Todesopfer, das ihre unmerklich gleichgeschalteten Fernsehprogramme aufzählen. Zugleich kehren sie ihre breiten (und in einigen Fällen: ganz dringend der Physiotherapie auf Kassenkosten bedürftigen) Rücken jenen israelischen Kindern zu, die von Selbstmordattentaten zerfleischt werden; jenen nordkoreanischen Dissidenten, die man gerade an Elektroden anschliesst; und jenen afrikanischen Frauen, die eben von Söldnern - im Namen des Sozialismus oder auch im Namen des Kapitalismus - vergewaltigt werden.

Denn solange man vor der amerikanischen Botschaft protestiert und dem guten Kanzler seine Solidarität bekundet hat, bleibt die Welt - die eigene Mehrheits-Welt jedenfalls - bis auf weiteres in Ordnung - und das väterlich Abendland mag ruhig sein.
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