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Sonntag • 12:10
1.5.2003
Heraus zum 1.Mai! Oder: Maikäferplage in Deutschland
Cora Stephan

Heraus zum 1. Mai! Solidarisieren! Mitmarschieren! Ach, waren das Zeiten, als man sich innerlich noch vom Mantel der Geschichte gewärmt fühlen durfte, während man am Kampftag der deutschen Arbeiterklasse draußen bei meist ziemlich steifer Brise den Zusammenschluss mit derselben probte! Aber so waren sie, die siebziger Jahre mit ihrem linksromantischen Nostalgietrip, der selbst so hausbackenen und ehrwürdigen Institutionen wie den Gewerkschaften plötzlich wieder Flair verlieh. Sogar Intellektuelle und Schriftsteller zog es in die Arme der Arbeiterklasse, die heißt mittlerweile Ver.di, wo die Organisation der Kopfarbeiter sang- und klanglos untergegangen ist.

Lang ist's her? Stimmt. Die Bundesbürger insgesamt jedenfalls vertrauen heute dem ADAC, der Polizei und der Bundeswehr weit mehr als den Gewerkschaften. Nur bei der größeren der beiden Regierungsparteien genießen die Institutionen der Arbeiterbewegung noch hohe Wertschätzung. Verdankt sich das alter Liebe, also mehr als hundertjähriger Tradition, die Sozialdemokratie und Gewerkschaftsbewegung, nicht immer zum Besten der Allgemeinheit, seit jeher verband?

Oder muss man das heutzutage verzerrte Wirklichkeitswahrnehmung nennen? Denn die Lobbys der organisierten Arbeitnehmer sind für alles mögliche zuständig, nicht aber für das, was sie noch immer auf den Fahnen tragen: für den Fortschritt. Für die Solidarität. Für die soziale Gerechtigkeit. Und ganz gewiss repräsentieren sie kein wichtiges Segment der Gesellschaft mehr, das man als pars pro toto nehmen könnte. Die Gewerkschaften stehen nicht für die allgemein menschlichen, für die Gattungsinteressen, etwas, das auch Frauen und Umweltschützer gern für sich reklamieren, es macht so schön unangreifbar.

Im Gegenteil: die Gewerkschaftslobbyisten stehen auf durchaus egoistische Weise für Partikularinteressen.

Das allerdings ist nichts neues. Gewerkschaften als Vertreter der Industriearbeiterschaft repräsentierten schon in den boomartigen Gründungsjahren nicht alle arbeitenden Menschen, wie man so gerne glaubte. Den Vorhersagen von Karl Marx zufolge mussten ja irgendwann alle, Bauern, Handwerker, Kleingewerbetreibende, ins Proletariat hinabsinken und dessen Bataillone verstärken. Eine Zeitlang entsprach das dem Trend - zur Großindustrie mit ihrer massenhaften Versammlung von Menschen. Doch selbst im realexistierenden Sozialismus war die Vergesellschaftung nie so weit gediehen, dass sie alle erfasst hätte.

Ganz zu schweigen von einer Wirtschaft unter modernen Bedingungen, wo der Trend zu großen Agglomerationen schon lange konterkariert wird von vielen schlagfertigen kleinen Inseln der Produktivität, wie sie moderne Technologien ermöglicht haben. Daß die Kernbataillone der Gewerkschaften auch heute noch den Kern des produktiven Sektors repräsentierten, gehört zur zähen Legendenbildung, die in der größeren der beiden Regierungsparteien offenbar noch immer gehätschelt wird. Vielen Genossen fällt es noch heute schwer, die Vielfalt des Mittelstandes wahrzunehmen, der die deutsche Wirtschaft weit mehr prägt als die Großindustrie.

In Wirklichkeit nämlich liegt der Kern des produktiven Sektors in Deutschland bei den mittelständischen Betrieben. Sie besorgen 45 Prozent aller steuerpflichtigen Umsätze, beschäftigen 70 Prozent aller Arbeitnehmer, bilden 80 Prozent aller Lehrlinge aus, tätigen 46 Prozent aller Investitionen und entwickeln 75 Prozent aller Patente. Für sie ist der durchreglementierte deutsche Arbeitsmarkt mittlerweile die Achse des Bösen, die Risiko- und Innovationsfreude stranguliert.

Die Gewerkschaften aber stehen für eine Beamtenmentalität, wie sie sich wohl ziemt für eine 'Bewegung', in der der öffentliche Dienst an der Spitze steht. Solidarität? Nur unter Gewerkschaftsmitgliedern. Allen anderen will man durch hohe Einstiegskosten den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt vermasseln. Soziale Gerechtigkeit? Auch die wiederum bleibt exklusiv. Lieber kämpft man für die Subvention von Arbeitslosigkeit und die Frühverrentung der über 50jährigen, was als Fürsorge für die Ärmsten der Armen verkauft wird, statt anzuerkennen, dass viele das Entree in die Gemeinschaft der Arbeitenden mit Abstrichen am Materiellen bezahlen würden, bloß um an dem teilzuhaben, was eben nicht nur notwendige Last ist, sondern auch Vergesellschaftung und Selbstverwirklichung sein kann.

Und 'Fortschritt'? Nichts könnte irreführender sein, als die Bataillone der Unbeweglichen einer strahlenden Zukunft zuzuschlagen. Besitzstandswahrung und Verhinderung sind das Markenzeichen der gewerkschaftlichen Lobbyisten und Funktionäre.

Vergangene Verdienste mag man rühmen. Aber heute geht keine Strahlkraft mehr aus von einer Bewegung, der Kanzler Schröder hoffentlich nicht ein zweites Mal Ohr, Herz und Verstand anvertrauen wird. Heraus zum 1. Mai.
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