Signale
Signale • Gedanken zur Zeit
Sonntag • 12:10
4.5.2003
Ungeliebte Sieger. Stimmungen nach der Eroberung
Wolfgang Sofsky

Kaum sind die Städte von dem alten Regime befreit, versammeln sich die Einwohner auf den Straßen. Hunderttausende pilgern zu den Heiligtümern, loben ihren Gott und schlagen sich Brust und Rücken blutig. Andere protestieren gegen die Besatzungsmacht und fordern Schutz vor ihren plündernden Landsleuten. Eine lautstarke Minderheit besteht darauf, daß die fremden Eindringlinge sofort wieder verschwinden. Die Mehrzahl jedoch verlangt Nahrung, Wasser, Strom und Sicherheit. Die Bevölkerung des Irak nutzt die neue Freiheit ausgiebig. Ihre Forderungen sind vielstimmig und wechselhaft. Nicht wenige wünschen die Ungläubigen zum Teufel und erwarten zugleich, von ihnen versorgt zu werden.

In der Geschichte der Kriege waren Eroberer selten willkommen. Nach den Kämpfen entschädigten sie sich meist mit Plünderun-gen und Vergewaltigungen für die Strapazen des Feldzuges. Dann folgte das älteste Reglement von Sieg und Niederlage. Die neuen Herren bezogen die Villenviertel am Stadtrand. Privater Umgang mit der Bevölkerung wurde untersagt, Verordnungen mit drakonischen Mitteln durchgesetzt. Doch manchmal kamen die Eroberer als Befreier. Sie beseitigten eine Diktatur und halfen den Einheimischen beim Wiederaufbau - gewiß nicht ohne eigene Interessen, aber auch geleitet von der Mission, die Welt vom Joch der Despotie befreien zu müssen.

Die Unterlegenen wollen solchen Versprechen nicht glauben. Wie schwer das Joch auf ihnen lastete, die Jubelrufe verklingen rasch. Die Begeisterung schlägt in Mißtrauen und Aggressivität um. Freiheit ist ein riskanter Gewinn. Sie zerstört gewohnte Si-cherheiten und verlangt von jedermann Initiative. Sie toleriert Dummheiten und Bosheiten, und sie fördert Konkurrenz und Rivalität. Die Friedhofsruhe der Repression ist vorüber, Rationen werden bald nicht mehr verteilt. Die Menschen müssen ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Von nun an müssen sie ihr Leben tatsächlich führen. Vor dieser Last haben nicht wenige Angst. Lieber vertrauen sie alten Autoritäten als dem eigenen Mut und Verstand.

Die Gefolgsleute des gestürzten Regimes sind besonders schlecht auf die Sieger zu sprechen. Sie fürchten um ihre Privilegien und nutzen jede Gelegenheit zu lautem Protestgeschrei. Noch immer glauben sie an ihr Idol und träumen von seiner Rückkehr. Sie verbergen sich in der Menge, streuen Gerüchte, betätigen sich als Einpeitscher des Protestes.

Aber auch manche Gruppen, die zuvor unterdrückt wurden, wollen die Zeit der Freiheit möglichst rasch wieder beenden. Die Vielfalt der Meinungen und Strömungen ist ihnen unheimlich. Sie fürchten die Freiheit der Gedanken und den Zorn Gottes. Die Schriftgelehrten und Gottesdiener nutzen die Freiheit, um sie sofort wieder abzuschaffen. Unter der Fahne der Rechtgläubigkeit wollen sie eine Theokratie errichten, eine Despotie der Kleriker. Sie finden Zulauf, weil der Gottesstaat einen Ausweg aus der Malaise der Niederlage verspricht.

Sieger sind unbeliebt, weil sie die Sieger sind. Auch wer von den Unterlegenen die neuen Verhältnisse als Gewinn empfindet, spürt das bohrende Gefühl der Niederlage. Die Freiheit hat gesiegt, aber die Nation hat verloren. Die Opposition war außerstande, selbst die Ketten zu sprengen. Sie bedurfte fremden Beistands. Aber Hilfe fordert Dank. Und wenn der Unterlegene nichts zurückzahlen kann außer dürftigen Bekundungen seiner Dankbarkeit, hinterläßt die Befreiung das Gefühl einer Verpflichtung, der man nicht entkommen kann. Wer nichts erwidern kann, bleibt alles schuldig.

Geschenkte Freiheit ist lediglich eine halbe Freiheit. Viele Franzosen und Belgier haben es den USA niemals verziehen, daß sie amerikanischen GI's die Freiheit von der deutschen Okkupation verdanken. Viele Deutsche werden es den Vereinigten Staaten niemals nachsehen, daß sie ihre Freiheit von einer Siegermacht erhielten, deren Schutzschirm ihnen jahrzehntelang ein komfortables Leben sicherte. Viele Iraker können es nicht ertragen, daß sie ihre Stimme erst erheben können, seitdem die Ungläubigen ihr Land besetzt halten.

Das Ressentiment entspringt der Ohnmacht. Wie immer man zu dem gestürzten Regime gestanden hat, dem Eroberer hat man nichts entgegenzusetzen. Den Besiegten bleibt, wie man weiß, lediglich eine Sicherheit, nämlich keine Sicherheit erhoffen zu können. Es liegt in der Willkür des Siegers, was mit den Unterlegenen geschieht. Ihr Leben liegt ganz seiner Hand.

Die Niederlage ist eine bittere Realität. Sie ist weit mehr als eine physische Schwäche. Sie konfrontiert den Besiegten mit seinem eigenen Unvermögen. Die Niederlage demütigt, demoralisiert, erniedrigt. Aus dieser Schmach rührt die Wut auf den Sieger. Sie entsteht nicht aus Vergeltungsgier oder aus der Trauer über die Toten. Es ist die Wut über sich selbst, die sich in die Seele frißt. Nach der Niederlage haben Stolz und Ehre keine Basis mehr. Dem Besiegten ziemt nur noch Bescheidenheit.

Doch sucht die Wut nach Entladung. Es genügt irgendein Zwischenfall, eine Explosion in einem Munitionsdepot, eine Schießerei, eine Ungerechtigkeit bei der Verteilung der Hilfsgüter, ein säumiger Ordnungsdienst. Man erregt sich über die Verhaftung und Bestrafung der besiegten Machtelite, man beschimpft die vermeintliche 'Siegerjustiz' und beschönigt die vergangene Gewaltherrschaft. Zumindest die moralische Niederlage will man wettmachen, indem man die Eroberer zu diskreditieren sucht. Moral ist die letzte Waffe der Ohnmacht. Auch sie ist stumpf. Gegen die Besatzungsmacht ist nichts auszurichten. So wird es Jahre dauern, bis der spontane Freiheitsjubel der ersten Stunden in der gelassenen Einsicht wiederkehrt, daß die Niederlage zuletzt doch ein Gewinn neuer Freiheiten war.
-> Signale
-> weitere Beiträge