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Signale • Gedanken zur Zeit
Sonntag • 12:10
11.5.2003
Erinnerungs-Banausen oder: Brauchen wir Anleitungen zum Erschüttertsein?
Henryk M. Broder

Drei- bis viermal im Jahr halten die Deutschen inne und erinnern sich an ihre Geschichte. Am 27. Januar, zur Erinnerung an die Befreiung von Auschwitz, am 17. Juni zur Erinnerung an den Aufstand der Ost-Berliner Arbeiter, am 13. August zur Erinnerung an den Bau der Mauer, am 9. November zur Erinnerung an den Fall der Mauer und das Ende der DDR. Es gibt noch ein paar informelle Gedenktage, wie den 8. Mai 1945, den Tag der Kapitulation, und den 1o. Mai 1933, den Tag der Bücherverbrennung, als die Nazis überall im Reich die Werke jüdischer, liberaler und sozialistischer Autoren 'dem Feuer übergaben', von Freud bis Marx, von Thomas und Heinrich Mann bis Lessing und Kafka. Die 'zentrale' Bücherverbrennung fand natürlich in Berlin statt, gleich neben dem Stadtschloß, wo 2o.ooo Bücher auf den Scheiterhaufen kamen.

Zum 6o. Jahrestag der Bücherverbrennung, 1993, schrieb der Berliner Senat einen internationalen Wettbewerb für ein Mahnmal zur Erinnerung an dieses Ereignis aus. Ein Jahr später, für Berliner Verhältnisse erstaunlich schnell, wurde es eingeweiht: An der Stelle, an der das Feuer gebrannt hatte und die heute 'Bebelplatz' heißt, entstand eine virtuelle Bibliothek, ein unterirdischer, etwa zehn auf zehn Meter großer Raum, gefüllt mit leeren Regalen, die Platz für etwa 2o.ooo Bücher bieten. Der Raum ist nicht begehbar, man kann ihn nur durch eine Glasplatte im Pflaster von oben einsehen. 'Die Bibliothek' des israelischen Künstlers Micha Ullman ist vermutlich das beste Mahnmal, das in den letzten Jahren, nicht nur in Berlin, zum Gedenken an die Taten der Nazis gebaut wurde. Es nimmt dem Betrachter den Atem, ohne ihn emotional oder intellektuell zu entmündigen. Aber es hat drei erhebliche Mängel: Es ist zu einfach, es ist zu durchdacht, es hat nicht genug gekostet.

Die den Ton angebenden Banausen im Senat und in der Verwaltung von Berlin haben es gerne bombastisch, mythengetränkt und teuer. Erst wenn man zehnmal hinschauen muß, bevor man ahnt, was es sein könnte, dann ist es gut. Dann dürfen die Macher in die Vollen greifen und werden von den Auftraggebern mit Respekt behandelt. Wie die beiden Architekten Daniel Libeskind und Peter Eisenman, der eine hat sich bereits in Berlin verewigt, der andere ist im Begriff es zu tun. Libeskind wollte ursprünglich eine Oper komponieren - hätte er es nur getan! -, hat sich dann aber umorientiert und das Jüdische Museum gebaut. Es steckt voller Metaphern und Symbole - schräge Böden, schiefe Wände, dunkle Räume -, die den Besuchern erklärt werden müssen, damit sie die angemessene Erschütterung empfinden. Das gilt auch für den Grundriß, einen auseinander gebogenen und in die Länge gezogenen Davidstern. Aber die 'Dekonstruktion' des alten Zeichens erkennt nur, wer in mindestens 3oo m Höhe über das Museum hinwegfliegt, ein Aufwand, zu dem nur wenige Besucher in der Lage sind. Lieber lassen sie sich in einen 'Holocaust-Turm' einsperren und frösteln bei der Vorstellung, so etwa muß es damals bei der Deportation auch gewesen sein. Dafür war der Bau ordentlich teuer, 12o Millionen Mark, und erst als er fertig war, hat man gemerkt, daß nicht genug Toiletten da waren und die Klimaanlage nicht genug Luft bekam. Also mußte für zehn Millionen Mark nachsaniert werden.

Das Holocaust-Mahnmal, das der New Yorker Peter Eisenman zwischen dem Brandenburger Tor und dem ehemaligen Führerbunker im Auftrag des Senats und einer Bürgerinitiative baut, soll nicht mehr als 27 Millionen Euro kosten, doch wer die Berliner Verhältnisse kennt, der weiß, daß man Baukalkulationen nicht ernst nehmen darf. Auch bei Eisenman gibt es eine wüste Symbolik, die von der Zahl der geplanten Steinquader abhängt. 2ooo Quader bedeuten etwas ganz anderes als 4ooo Quader, mal ist es ein Gräberfeld, mal eine begehbare Installation. Es kann aber auch etwas ganz anderes sein.

Da kann Micha Ullman nicht mithalten. Seine virtuelle 'Bibliothek' hat nur knapp 5oo.ooo
Mark, also fast gar nichts gekostet und jeder versteht gleich, wofür die leeren Regale stehen, kein Mensch braucht eine Anleitung zum Erschüttertsein. Die Bücherverbrennung wirkt bis heute nach, auch wenn die Regale in den Buchläden inzwischen wieder gefüllt sind. Anders als das Jüdische Museum oder das geplante Holocaust-Mahnmal taugt der Ort nicht als Kranzabwurfstelle, um Staatsgäste zu begrüßen oder Empfänge zu geben. Doch jetzt soll um das Mahnmal herum und drunter eine Garage gebaut werden. Was ist schon dabei, sagen die Befürworter des Projekts, irgendwo müssen die Leute ihre Autos doch abstellen, und ob sie es hier oder 1oo Meter weiter weg tun, ist doch egal. Aber niemand käme auf die Idee, eine Tiefgarage direkt unter dem Brandenburger Tor zu bauen. Und wer in Weimar vorschlagen würde, das Goethe-Schiller-Denkmal auf diese Weise zu unterkellern, mit Ab- und Auffahrten links und rechts, wäre sogar als Pförtner im Rathaus erledigt. Nicht einmal die Bremer Stadtmusikanten würden solches Banausentum hinnehmen.

Nur in Berlin führt es das große Wort, denn die Stadt ist pleite und man will die Investoren nicht vergrätzen. Was ist schon ein historischer Ort, wie der Platz der Bücherverbrennung, gegen eine Tiefgarage, mit der man Geld verdienen kann. Es genügt, daß drei-, viermal im Jahr, an den üblichen Gedenktagen, festliche Reden gehalten und Einsichten verkündet werden, wie z.B. die, daß man aus der Geschichte lernen müsse, wenn man die Zukunft meistern wolle. Aber: 'Nie wieder 33!' ist nicht einmal ein Lippenbekenntnis, unter den gegebenen Berliner Bedingungen bedeutet es nur: 'Freie Bahn dem Hoch- und Tiefbau!'
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