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Sonntag • 12:10
25.5.2003
Seuchen und die öffentliche Phantasie
Eva Demski

Seuchen entstehen heute nicht mehr in Sümpfen, Slums oder sonstigen Gefahrenzonen: Sie entstehen in den Medien. Natürlich stimmt das nicht: Aber was ist eigentlich eine Seuche? Das zu entscheiden obliegt einzig und allein der veröffentlichten Meinung. Millionen Malaria - oder hunderttausende Tbc-Tote bringen offenbar keinen aus der Ruhe. Auch die ordinäre, publizistisch unergiebige, aber lebensgefährliche Grippe scheint nicht mehr viel herzugeben. Überhaupt ist nur noch Abgekürztes in Großbuchstaben richtig seuchenfähig. SARS. Das hat was bündiges.

Was macht eigentlich eine brauchbare Seuche aus? Exotisch muß sie sein, also nicht in unmittelbarer Nähe spielen - aber doch so nah, daß eine gewisse Vertrautheit beim Gruseln erzeugt werden kann. All die schrecklichen afrikanischen Seuchenzüge, die das Land immer wieder beuteln, können nicht mit andauernder Aufmerksamkeit rechnen. Nur was die andere bedrohliche Abkürzung betrifft, AIDS - damit darf Afrika nach wie vor in die Schlagzeilen. Ganz vom Schrecken der Krankheit abgesehen, war AIDS die erste echte medial gestützte und ausgebeutete Seuche. Die unheimlich Krankheit brachte alles notwendige mit, um für eine lange und lustvoll schaudernde Aufmerksamkeit zu sorgen. Sünde wurde endlich bestraft, die Glamour-Hochburgen in Europa und Übersee versanken in Angst und Düsternis. Im New York der Achtziger lichteten sich die Freundeskreise, es traf die Schönen, Reichen und Beneideten. Jene afrikanischen Dörfer, die sich noch immer entvölkern, zehntausende von hinterlassenen Aidswaisen haben keine vergleichbare Medienpräsenz. Und wie lange ist es her, daß Sie das letztemal von Lepra gehört haben?

Seuche ist, was die öffentliche Phantasie kitzelt. SARS hat diesbezüglich nicht gehalten, was es versprach - natürlich kann sich das wieder ändern. Die Berichte über den Vormarsch der Geflügelpest könnten empfindliche Gemüter wieder an etwas erinnern, das man sonst gern verdrängt: Bei AIDS wollte die Vermutung lange nicht verstummen, daß es sich um einen von Tieren auf Menschen übergesprungenen Virus handeln könnte. Der gleiche Verdacht wurde SARS betreffend geäußert. Und Virologen warnen davor, daß die grassierende Vogelpest aufnahmebereite menschliche Viren treffen könnte.

Erinnert sich noch jemand an BSE? An die riesigen Scheiterhaufen mit toten Rindern, die geopfert worden waren, weil einige Fälle von Creutzfeld-Jacob für Panik gesorgt hatten? Fingerzeige der Mitgeschöpfe, mit denen wir grausam und naturwidrig umgehen? Eine Rache der Tiere in Gestalt tückischer Halblebewesen, die sich schneller wandeln als man ihnen beikommen kann? Gibt es nichts drittes zwischen einer mechanistisch-gentechnisch zugerichteten Welt, die einen das Fürchten lehrt und jener unerträglichen Hausfrauen-Esoterik, mit der man nichts zu tun haben will?

Es gibt Zeitgenossen, ich kenne nicht wenige von ihnen, die auf die reinigende Kraft von Seuchenzügen hinweisen, sie sagen, die Natur wehre sich durch sie gegen Überpopulation, bei Mensch und Tier. Myxomatose bei Kaninchen, VIP bei Katzen, die verschiedenen Pestsorten von Schweinen und Federvieh. Das klingt vernünftig und einleuchtend, es hilft aber überhaupt nichts, wenn einem ein aus den Augen blutendes blindes Kaninchen vor die Füße torkelt oder man Schweine vor Schmerz schreien hört. Übrigens sind diese vernünftigen und das Große Ganze bedenkenden Zeitgenossen in den seltensten Fällen dazu bereit, selbst einer von den Spänen zu sein, die da fallen, wo gehobelt wird. Für sie und ihre Kinder gilt die Regel der Verzichtbarkeit nie.

Seuche, das ist Abstraktion, etwas, das anderen geschieht und sie ihrer Individualität beraubt. Deswegen war das öffentliche Interesse an AIDS so gierig: Die Nicht-Individuellen, die Angepaßten schauten zu, wie die Nicht-Angepaßten, die Individualisten ihren schrecklichen Preis bezahlten.Die Immunschwäche - die eigentlich keine Seuche ist - entsprach einem mittelalterlichen manichäischen Weltbild.

Was ist Seuche wirklich? Vielleicht in Wahrheit der massenhafte Konsum von sehr dummen Büchern, diktiert von Fußballspielern und Schlagerproduzenten, von Zynikern aufgeschrieben, von Marktstrategen unters Volk gebracht? Priester, Ärzte oder Philosophen sind längst machtlos gegen die neuzeitlichen Seuchen. Wo einst Bittprozessionen und Askese regierten, tun es heute Auflagenhöhen und Renditen. Gebeichtet wird nicht mehr in der Kirche, sondern in BILD.

Manchmal könnte man denken, Fortschritt sei eine bloße Behauptung.
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