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Signale • Gedanken zur Zeit
Sonntag • 12:10
9.6.2003
Die Freuden des Alters
Cora Stephan

Es gibt eine immer größer werdende Gruppe von Menschen, die alles haben, was man in einer modernen Industriegesellschaft braucht: Fachliche Qualifikationen, menschliche Qualitäten, Lernbereitschaft, Flexibilität und Mobilität. Merkwürdigerweise will sie niemand einstellen. Es gibt eine immer größer werdende Gruppe von Menschen, denen es rundum gut geht. Sie sind selten krank, haben die schlimmsten Lebenskrisen wie Liebeskummer und Ehescheidung bereits hinter sich, die Kinder sind aus dem abbezahlten Haus und ihr Kopf ist frei für neue Dinge. Aber eher trifft man diese strotzend energiegeladenen älteren Herrschaften auf dem Rennrad in den Bergen oder auf der Harley Davidson und der Route 66 an, als in den Dienstleistungswüsten und Industriebrachen Deutschlands. Wir haben nichts besseres zu tun hierzulande, als all die ungeheuren Investitionen zu verschwenden, die Menschen in Ausbildung und Erfahrung gesteckt haben und wundern uns, wenn dieses Land ergrauter wirkt als seine sogenannten Senioren.

Nichts hat die Welt so stark verändert wie die steigende Lebenserwartung der Menschen, die ihnen weit über die Pensionsgrenze beste Gesundheit und anhaltende geistige Kraft beschert. Machen wir was draus? Im Gegenteil. Als weitaus zäher erweisen sich die Wahrnehmungsmuster und die auf das 19. Jahrhundert zugeschnittenen sozialen Systeme. Dass die Wahrnehmungsfähigkeit insbesondere Jüngerer gestört ist, was andere Altersgruppen betrifft, ist noch am ehesten verständlich. Sie haben es schon immer von Vorteil gefunden, wenn die Altvorderen möglichst schnell und unauffällig das Altenteil beziehen. Auch die Wahrnehmungsträgheit der Politiker mag nachvollziehbar sein: sie haben ein Menschenbild, das von kurzsichtigem Stimmvieh abgeleitet ist, und das gewinnt man nicht, wenn man gegen seine Interessen verstößt. Kurz: in ihren Augen darf man den Älteren nichts zumuten und nichts abverlangen, erst recht nichts, was den ihnen unterstellten bornierten Interessenshorizont überschreitet.

Die Älteren, so glaubt man und so propagiert es die Werbung, streben Frühpensionierung ab 57 mit goldenem Handschlag an und sehen den Sinn des immer länger währenden Lebens im immer längeren Verzehren von üppigen Renten und Pensionen. Dafür aber sind unsere sozialen Sicherungssysteme nicht konzipiert, zumal nicht dafür, daß dem längeren Ruhestand auf der einen Seite kürzere Lebensarbeitszeiten auf der anderen Seite entgegenstehen: durch die oft langen Schul- und Ausbildungszeiten.

Wer ist schuld? Die gierigen Mallorca-Alten, sagen die Jungen, die sich einem wachsenden Rentnerberg gegenübersehen. Einige 'Querdenker' sehen das ebenso und versuchen die Macht der Alten, die sie ihrer numerischen Überlegenheit verdanken, durch Taschenspielertricks wie mehr Stimmen für Kinder und Eltern auszuhebeln. Dabei genügte es völlig, wenn Politiker endlich begriffen, dass sie keineswegs dazu da sind, lediglich den Mehrheitswillen abzubilden und dass ihr Menschenbild, was die angebliche Interessensborniertheit der Älteren betrifft, womöglich falsch ist. Die Älteren jedenfalls können nichts dazu, dass Politiker sie für beschränkter halten als sie wahrscheinlich sind.

Es ist absurd, wie schwer es einer immer unbeweglicher werdenden Gesellschaft zu fallen scheint, ihre Ressourcen zu erkennen und entsprechend zu pflegen. Da ist sogar die Wissenschaft weiter: nachdem es jahrelang hieß, eine älter werdende Gesellschaft sei eine vergreisende und daher weniger produktive, weiß man heute doch immerhin, dass mit dem Verzicht auf Menschen über 55 der Volkswirtschaft eine unschätzbare intellektuelle, kreative, mobile Ressource verlorengeht. Und längst nicht für alle ist Arbeit eine Fron, von der man sich wünscht, daß sie bald vorüber ist. Der vielberufene Abbau der Älteren wird oft erst durch das Ausscheiden aus dem Berufsleben provoziert. Nichtstun ist nicht gut für den Kopf.

Was also spräche dagegen, die unsinnige Politik der Frühverrentung auf Kosten der Steuerzahler zu beenden, ja sogar das Rentenalter anzuheben? Was spräche gegen Nullrunden bei Renten und Pensionen, die ja schon lange nicht mehr auf dem erbärmlichen Niveau sind, auf dem sie vor der Rentenreform waren?

Nicht viel, noch nicht einmal die Betroffenen selbst. Außer eben jene Verblendung, die noch heute der Wahrnehmung des Offensichtlichen im Wege steht: eine älter werdende Gesellschaft ist eine reifere, selbstbewusstere, vielleicht auch risikoärmere, aber sicherlich weniger gewalttätigere und kriegerische Gesellschaft. Für Konflikte sorgen die Gesellschaften mit kräftigem Geburtenüberschuss, von dort droht Gefahr.

Ein Lob dem Alter. Wir sollten die Chance ergreifen.
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