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Sonntag • 12:10
15.6.2003
Projekt 'Europäer über Europa' ( 3 )
Meine europäischen Träume
Bronislaw Geremek

Wenn ich den Satz 'Ich bin ein Europäer' ausspreche, habe ich das Gefühl, mutig zu sein. Aber ich zögere dennoch nicht, ihn zu sagen, denn viele Jahre lang war dies für die Menschen meiner Generation ein Traum. Zu den Zeiten, als Polen zu jenen Staaten gehörte, die gegen ihren Willen dem Kommunistischen Block angehörten, war die Aussage, wir seien Europäer, auch eine Form des Widerstands gegen den Totalitarismus.

Gleichzeitig bedeutete der Hinweis auf Europa auch eine ständige Erinnerung an unsere schmerzliche Geschichte im 20. Jahrhundert. Daher war das Gefühl der Zugehörigkeit zu Europa in der polnischen Kultur nicht nur Traum, sondern auch Anspruch. Und so haben die Worte 'Ich bin Europäer' für mich eine höchst persönliche Bedeutung. Sie erinnern mich daran, wie unverzichtbar es ist, dass der Wert Freiheit zum europäischen Kulturerbe gehört und dass der anti-totalitäre Charakter der europäischen Kultur auch in Zukunft bewahrt wird.

Als Europäer und Historiker denke ich an die langen geschichtlichen Prozesse, die Europa geformt haben. Die erste war die christliche Gemeinschaft des Mittelalters. Sie war in gewissem Sinne ein vereinigtes Europa der Eliten, die sich um das Gefühl des Glaubens und der Zugehörigkeit zu einer gemeinsamen Tradition scharten. Dies war der Kern der damaligen europäischen Kultur und es war die erste Erfahrung mit einem 'geeinten Europa.'

Wenn ich versuche, den Entwicklungsprozess Europas zu verstehen, muss ich auch die Literatur erwähnen, die man seinerzeit Res Publica Literaria nannte. Hier geht es um das Erwachen des europäischen Bewusstseins. Nun allerdings nicht auf der Grundlage des Glaubens an Gott, sondern auf der Grundlage des Zweifels und des Glaubens an die Vernunft.

Und schließlich denke ich, dass der europäische Gedanke vor allem aus Angst entstanden ist. Die Furcht vor den Sarazenen bewirkte im Jahre 732, dass der Ausdruck 'wir Europäer' auftauchte, der bisher unbekannt gewesen war. Die Angst vor den Tataren und Mongolen im 13.Jahrhundert, vor den Türken im 17. Jahrhundert und schließlich im 20.Jahrhundert die Angst vor totalitären Systemen - besonders vor dem Kommunismus - war eine Art 'Erbe', mit dem das Nachkriegs-Europa sich konfrontiert sah.

Damals - um das Jahr 1950 - wurden dank der Vorstellungskraft der großen europäischen Politiker in dieser Epoche die Grundfeste des geeinten Europa gelegt: Montan-Union, dann die Europäische Wirtschafts-Gemeinschaft, die Europäische Gemeinschaft und schließlich die Europäische Union. Ich glaube, dass man diesen Weg als eine der größten Errungenschaften des 20. Jahrhunderts begreifen kann. Ein Erfolg, der errungen wurde trotz der Erfahrung des schrecklichsten Krieges, den Europa je erlebt hat - vom Zaune gebrochen durch Hitler-Deutschland.

Heute stehen wir vor der neuen Herausforderung, dass der wirtschaftliche Riese Europäische Union nicht länger der politische Zwerg bleiben kann. Europa muss zu einer politischen Einheit werden.

Und da ich mit einem Traum begonnen habe, möchte ich auch damit enden: Europa als ein Akteur der Weltpolitik und großer Partner der USA, die mit Europa nicht nur ein Bündnis haben, sondern auch durch gemeinsame Werte und ein gemeinsames Erbe verbunden sind.

Ein Europa, das über eine gemeinsame Außenpolitik verfügt, dessen Verteidigung auf dem Nordatlantik-Pakt gegründet ist - solch ein Europa ist auch ein Europa der Bürger. Ich träume von einem starken Europa, für das die Werte Gerechtigkeit und Freiheit eine Herzensangelegenheit sind, die wir notfalls auch militärisch verteidigen können. Und ich träume von geistigen Architekten, die in Europa das schaffen, was Immanuel Kant einmal als Programm der Menschlichkeit bezeichnet hat: Ewigen Frieden, der die gesamte Welt umfasst.
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