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Sonntag • 12:10
6.7.2003
Projekt 'Europäer über Europa' (6)
Europa ohne Avantgarden? Führungs-Müdigkeit und Senioren-Lob
Hans Ulrich Gumbrecht

Mein akademischer Mentor, der sich - sehr unübersehbar - auch wie mein Boss aufführte, war damals ganz besessen von der Frage, wer denn die - national und international - 'führenden Vertreter' in den verschiedenen Disziplinen der Geistes- und Sozial-Wissenschaften sein sollten. Natürlich waren wir Assistenten und Doktoranden unmissverständlich angehalten, unseren Mentor vor allen anderen - aber auch seine Freunde aus den Nachbardisziplinen - als in solcher Führungsposition 'liegend' zu identifizieren. Heute, mehr als dreissig Jahre später, sagen freundlich gestimmte Kollegen eher und viel milder, dass es 'einer am weitesten gebracht hat in seiner Disziplin,' wenn sie auf herausragende Leistungen Bezug nehmen wollen.

Der Vergleich der beiden Ausdrucksweisen zeigt an, dass so etwas wie ein 'geschichtsphilosophischer Überdruck' in unser Sicht auf die Welt etwas nachgelassen hat in den vergangenen Jahrzehnten - und vielleicht ist es genau dieses Gefühl (und gar nicht viel mehr), das man legitimer weise mit dem inzwischen ja längst nicht mehr modischen Mode- und Stimmungs-Wort 'postmodern' assoziieren sollte. Jemanden in einer Führungs-Position zu identifizieren, wie es früher üblich war, machte es unvermeidlich, dass man ihn in Gedanken auf einen ziemlich gnadenlosen, vorerst noch nicht ans Ziel gekommenen Wettlauf mit den Konkurrenten aus seiner eigenen Generation und Profession schickte; und wenn man dieses Bild noch steigerte durch die Militär-Metapher der 'Avantgarde' (was ja wörtlich 'Vorhut' bedeutet), so wuchs der Konkurrenz-Druck noch deutlich wegen der Einschiebung der - sogleich zur moralischen Verpflichtung werdenden - Möglichkeit, 'seiner eigenen Zeit voraus' zu sein. Wo man dagegen heute liest oder hört, dass es einer 'am weitesten gebracht habe' in seiner kleineren oder grösseren Welt, da verräumlicht das Bild zwar immer noch einen Vergleich der Leistungen, aber wir stellen uns nun eher vor, dass die miteinander Konkurrierenden sich nicht in einer direkten Wettkampf-Situation einander antreiben, drängen und verfolgen. Eher scheinen sie nacheinander anzutreten, so wie bei den - vergleichsweise beschaulichen - technischen Disziplinen in der Leichtathletik; und vielleicht bewegen sie sich ja sogar in ganz verschiedene Richtungen, so dass man ihre Leistungen nur - ziemlich unanschaulich - je nach zurückgelegter Luftlinie vergleichen kann.

Jedenfalls belegt der in Europa grassierende Eindruck, dass es 'keine Avantgarden mehr gebe,' noch nicht gleich, dass es in Europa auch wirklich keine Eliten mehr gibt. Mit Gewissheit bedeutet dieser Eindruck allein, dass sich die Schemata und Bilder verändert haben, unter denen Europäer heute potentielle Eliten mit dem Fussvolk vergleichen. Diese Bilder sind während der vergangenen Jahrzehnte in der Tat etwas geruhsamer geworden -und so aggressiv wie die amerikanische Rede von der Elite als cutting edge, als 'schneidender Kante,' waren sie ja ohnehin (und vielleicht beruhigenderweise?) noch nie.

Allerdings bleibt die - vielleicht ja lästige - Frage, ob der Intensitäts-Verlust zwischen den Metaphern anzeigt, dass sich eine alte Schwäche des heute in seiner Mentalität flächendeckend sozialdemokratisierten Europa intensiviert hat: nämlich die Schwäche der - in Europa immer nur bestenfalls halbherzigen - Elite-Förderung. Wo sich in den europäischen Nationen der Staat der Elite-Förderung annimmt - und ganz ohne schlechtes Gewissen ist das wohl nur in Frankreich der Fall - da gerät Eliteförderung immer allzu bürokratisch. Um in die Ecole Normale Supérieure (rue d'Ulm) zugelassen zu werden, was das Non-plus-ultra europäischer Elite-Zugehörigkeit markiert, muss man zwischen dem Abschluss des lycée und dem Beginn des Universitätsstudiums ungefähr zwei Jahre an Prüfungsvorbereitungen investieren. Und natürlich können das genau jene zwei Jahre sein, in denen die wahren Eliten der Zukunft an den potentiellen Mitgliedern der staatlich offizialisierten Elite vorbeiziehen.

Auch der Markt hilft den Eliten nicht - jedenfalls nicht unter europäischen Prämissen. Nehmen wir ein deutsches Beispiel. Ganz anders als ihre Altersgenossen in den Geisteswissenschaften haben die zwischen 25 und 40 Jahre alten Kultur-Journalisten, welche heute für die überregionalen Tages- und Wochenzeitungen in deutscher Sprache schreiben, auf der Welt nicht ihresgleichen. Sie sind, das entgeht keinem Intellektuellen, der deutsch lesen kann, international führend. Vielleicht ist ihr intellektuelles Niveau so hoch und ihre schriftstellerische Konkurrenz so scharf, weil da eine Generation fast geschlossen der Langeweile der Universitäten zu entkommen suchte. Aber die unvergleichliche Qualität ihrer Arbeit wird nicht einmal mittelfristig ihre Arbeitsplätze sichern. All die brillanten deutschen Feuilletons sind schon jetzt im Schrumpfen begriffen, und es ist gar nicht ausgeschlossen, dass das brillante Feuilleton zur Todesursache für die eine oder andere - auch hervorragende - Zeitung wird.

Viel besser gerüstet als zur Förderung heraufkommender Eliten ist Europa für die Verabschiedung verdienter Führungskräfte, die es weit - wenn nicht sogar am weitesten - gebracht haben auf ihren Gebieten. Allenthalben werden Akademien gegründet und Preise gestiftet, die opulente Geldbeträge vorzugsweise an Senioren oder Emeritierte auswerfen. Da kann man nur hoffen, dass die so grossherzig bedachten Alten willens sind, in die Zukunft, in die talentiertesten unter ihren Enkeln zu investieren.
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