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Sonntag • 12:10
20.7.2003
Projekt 'Europäer über Europa' (8)
Kultur als gemeinsame europäische Aufgabe
Jutta Limbach

Der Beitritt mehrerer Länder des ehemaligen Ostblocks und die Vorlage eines Verfassungsentwurfs für die Europäische Union sind uns Anlass, um über Europas Identität nachzudenken. Vorzugsweise kulturelle Institutionen wie das Goethe-Institut und die Kulturmittler anderer Mitgliedstaaten der Europäischen Union beschäftigen sich mit den Fragen: Was ist Europa? Was sollte es sein? Wie lässt sich ein europäisches Selbstverständnis entwickeln?

Die Kultur bietet bei diesem Prozess des Sich-Vergewisserns sowohl den Weg als auch das Ziel. Nur wenn wir die Kultur als eine gemeinsame europäische Aufgabe begreifen, werden wir Europa vor dem Rückfall in geistferne Machtideologien bewahren. Wie hat es Theodor Heuss so treffend gesagt: Mit Politik kann man keine Kultur machen, aber vielleicht kann man mit Kultur Politik machen. Kultur ist eine sanfte Kraft. Wohl können Werke der Kunst und Kultur provozieren. Eine Kultur aber, die die Würde des Menschen missachtet und Gewalt auslöst, wäre ein Widerspruch in sich.

Kultur ist eine ideelle Kraft. Ihr Wert schlägt sich nicht in Prozentpunkten des Bruttosozialprodukts nieder. Darum sollte man Kunst und Kultur auch nicht den Marktgesetzen unterwerfen. Kultur bereichert zwar ungemein, doch rechnet sie sich nicht im Sinne der kaufmännischen Buchhaltung. Gleichwohl ist Kultur kein bloßer Zierrat, sondern der Sauerstoff einer Nation (Everding). Zwar ist vor eilfertigen Analogien zwischen dem Nationalstaat und Europa zu warnen. Doch jene Aussage über die Atem spendende Wirkkraft der Kultur behauptet ihre Richtigkeit auch für Europa.

Kultur kennt keine Grenzen. Es gibt im Grunde - so Goethe - keine patriotische Kunst und keine patriotische Wissenschaft. Beide gehören wie alles Gute der ganzen Welt an und können nur durch allgemeine freie Wechselwirkung aller zugleich Lebenden, in steter Rücksicht auf das, was vom Vergangenen übrig und bekannt ist, gefördert werden. Das Goethe-Institut hat sich diese Einsicht seines Namensgebers zu Kopfe genommen. Es will nicht nur in einen regen Kulturaustausch mit den einzelnen europäischen Partnerstaaten treten. Es will diese Aufgabe mit den anderen Kulturmittlern der Mitgliedstaaten der Europäischen Union gemeinsam wahrnehmen. Die Anpassung oder das Einebnen der kulturellen Unterschiede zwischen den Regionen und Nationen ist nicht das Ziel der Europäischen Integration. Im Gegenteil: Die europäische Zusammenarbeit in Sachen der Kultur soll vielmehr die Vielfalt der Kulturen, Religionen und Sprachen erhalten.

Kultur ist eine verbindende Kraft. Der Erfolg der europäischen Integration hängt davon ab, dass es gelingt, einen Zusammenhalt zwischen den Bürgerinnen und Bürgern zu stiften. Wohl vermitteln die im Verfassungsentwurf verankerten europäischen Symbole - wie die europäische Hymne, die europäische Flagge, der Euro und das Motto 'Geeint in Vielfalt' - die erwünschte Vorstellung von einer größeren politischen Gemeinschaft. Doch von einem europäisch denkenden Publikum sind wir noch weit entfernt. Das 'wunderbare kollektive Abenteuer' - wie Jacques Delors es einst beschrieb - erfüllt die Bürger mehr mit Argwohn als mit Freude. Ein grenzüberschreitender kritischer kultureller Gedankenaustausch über die Möglichkeiten eines friedfertigen Zusammenlebens kann orientierend wirken und ein gemeinsames europäisches Verantwortungsgefühl stiften. Die gemeinsame Diskussion über europäische Themen - wie über die Verfassung der Europäischen Union - trägt zudem zum Entstehen einer europäischen kulturellen und politischen Öffentlichkeit bei.

Europa muss sich finden, aber nicht neu erfinden. Wir haben einen gemeinsamen Fundus an Kultur und Werten. So sind die Elemente unseres modernen Verfassungsstaats das Resultat einer konzertierten europäischen Aktion, die von der Antike bis zur Neuzeit, von dem Gedanken der Demokratie, über die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte bis zum Parlamentarismus reicht. Was uns vor allem trennt sind Mentalitätsunterschiede zwischen Ost-, Mittel- und Westeuropa. Der Fall des Eisernen Vorhangs hat im Westen zu einem Überschwang verfassungspatriotischer Gefühle geführt, in denen Selbstgerechtigkeit unüberhörbar mitschwingt. Und so wird denn auch von Intellektuellen aus Mittel- und Osteuropa zu Recht gerügt, dass der Westen Osteuropa verzerrt wahrnehme, sich narzisstisch selbst als Maß nehme - 'als ein unerreichbares Objekt der Begierde' (Dragan Velikic).

Wenn uns das exemplarische Projekt der europäischen Integration glücken soll, müssen wir noch viel über und miteinander lernen. Statt die Frage nach dem Wesen Europas lapidar mit dem Hinweis auf die Wertegemeinschaft zu beantworten, müssen wir uns mit der aus dem Osten kommenden Kritik an der westlichen Zivilisation, an ihrer Uniformität und Konsumfixiertheit stellen.

Das neue Europa will weder die träge Schöne auf dem Nacken des Stiers noch eine alternde Diva sein. Das neue Europa darf seine Geschichte nicht versiegeln, sondern muss sich seiner Vergangenheit stets vergewissern, um auf eine Zukunft hinzuwirken, die der Demokratie, den Menschenrechten, dem Rechtsstaat und dem Frieden verpflichtet ist.
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