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Signale • Gedanken zur Zeit
Sonntag • 12:10
10.8.2003
Eine Frau als Bundespräsidentin?
Cora Stephan

Sicher - eine Monarchie wäre auch was Schönes. Gewisslich sind die Affären der gekrönten Häupter spannender als die zigste Ehescheidung eines deutschen Kanzlers oder Außenministers. Andererseits gehört es zur spezifischen Eigenart der Monarchie, dass die Sache erblich ist. Das hat den Vorteil, dass man nicht lange über Nachfolgeregelungen nachdenken muss. Doch das ist zugleich ihr ungleich gravierenderer Nachteil.

Die Institution des Bundespräsidenten nämlich überzeugt nicht allein durch ihre Aufgabendefinition - er ist der Repräsentant, ähnlich wie König oder Königin, allerdings ein wenig bescheidener. Sie macht sich auch in anderer Hinsicht verdient um unsere Demokratie.

Richtig, denkt da womöglich manch einer: indem sie überflüssig gewordene Politiker sicher von der Straße bringt, die mit dem höchsten Amt im Lande ruhiggestellt und damit vor Querulantentum im hohen Alter bewahrt werden können. So ein gewesener Öberster schreibt keine Enthüllungsbiografie.

Nun - wir wollen die Fälle aus der Vergangenheit nicht erwähnen, die derlei naive Schlüsse nahe legen. Das höchste Amt im Lande ein Verschiebebahnhof? Also bitte! Nein, bedeutender ist die Aufgabe, die das Institut des Bundespräsidenten für die Repräsentation nicht nur des Großen Ganzen, sondern durchaus eigener, nicht unbedeutender Bevölkerungsgruppen leistet. Die Wahl des Bundespräsidenten ist unter Umständen geeignet, nicht nur ganze Volksstämme wie die Bayern oder ähnliche abzufinden, sie vermag auch Betroffenengruppen und andere relevante Bevölkerungsteile zu befrieden. Wer und was als bundespräsidiabel gilt, hat Signalwirkung. Die derzeitige Debatte um den rechten Kandidaten für die nächste Amtszeit 2004 zeigt das deutlich genug.

Natürlich ist da zunächst schon wieder die Rede von Politikern, die man für treue Dienste abfinden bzw. die man aus dem Wege haben will: Angela Merkel den Stoiber Edmund, Guido Westerwelle die Herren Gerhardt oder Kinkel, letzterer ein nicht übermäßig erinnerungswürdiger ehemaliger Außenminister. Vergessen wir nicht: Auch der derzeitige Bundesobere ist das Ergebnis eines erfolgreichen Wegräumens, nämlich des Landesvaters Rau durch seinen schon allzulange auf die Rolle von Prince Charles vertrösteten Wolfgang Clement.

Interessanter sind die Argumente für andere Kandidaten: für Jutta Limbach etwa, eine Frau. Und für Wolfgang Schäuble: Die Bevölkerung, haben Meinungsumfrager bereits herausgefunden, hätte nichts gegen einen Rollstuhlfahrer als Bundespräsidenten. Und Jutta Limbach, ehemals Verfassungsrichterin, gilt bei der FAZ schon jetzt als konkurrenzlos, habe sie doch nicht nur ein kommodes Parteibuch, sondern vor allem das richtige Geschlecht auf ihrer Seite, einen Gratisbonus sozusagen, denn ein Verdienst ist das nicht.

Die Zeit sei einfach reif für eine Frau als Kanzlerin oder als Präsidentin, rufen die einen. Das ist der 'Jetzt sind wir mal dran!' - Schlachtruf aller Lobbyisten, die das Proporzdenken verinnerlicht haben. Frau sein allein genügt nicht, behaupten die anderen. Recht so. Aber genügt es, Mann zu sein oder das richtige Parteibuch, das richtige Alter oder die richtigen Feinde zu haben? Eben. Für Jutta Limbach spricht, dass sie außer Parteibuch und Geschlecht über schnellen Witz, überzeugende Ausstrahlung, wachen Verstand, viel Selbstironie und sämtliche anderen repräsentativen Qualitäten verfügt. Und wenn sie den Fehler vermeiden würde, die Übermoralmutti zu geben - vom Mahnen und Warnen des Altpräsidenten Weizsäcker hat sich unser Land noch heute nicht ganz erholt - dann flögen ihr die Herzen auch des Restes der Bevölkerung zu, der weder weiblich noch Gutmensch ist.

Für Jutta Limbach spricht indes leider auch der Trend. Und der heißt heuer im Sommerloch: Frauen an die Macht. Sind sie es nicht längst schon, die Verlegerinnenwitwen und Fernsehmoderatorinnen, zumindest an der medialen Macht? Da wären Bundeskanzlerin und Bundespräsidentin nur noch das Sahnehäubchen. Höchstens Zyniker wenden ein, dass Frauen nur dann kampflos in Machtpositionen gelangen, wenn Männer an dieser Sorte Macht nicht mehr interessiert sind.

Nur Zyniker? Denn in der Tat hat das höchste Amt durch das unwürdige Geschacher um den richtigen, also dem Proporzdenken angemessenen Kandidaten längst Schaden genommen. Die wahren Machthaber finden Politik schon längst nicht mehr wichtig und sitzen statt dessen womöglich in den Marketingabteilungen der Unternehmen, wo sie längst analysiert haben, dass wichtiger als Fernsehmoderatorinnen und Kanzlerinnen die Frauen in ihrer Rolle als Hausfrau sind. Denn hierzulande entscheiden Frauen, was und wieviel konsumiert wird. 'Frauen an der Macht' wäre also lediglich das angemessene Rahmen- und Damenprogramm für die ökonomische, die Kaufkraft der Frauen.

Und insofern gäbe es gleich mehrere Gründe, Jutta Limbach vom Ringen um die Bundespräsidentschaft abzuraten. Denn - es ist womöglich schon lange kein Amt mehr für eine wirklich gute Kandidatin.
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