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Sonntag • 12:10
17.8.2003
Mut in der Demokratie
Vom Verfall einer Tugend
Wolfgang Sofsky

Der Mut hat hierzulande keinen sonderlich guten Ruf. Schneid ist etwas für Dummköpfe und Draufgänger, nicht für strebsame und sittsame Bürger. Zivilcourage ist selten, und daher muss sie von der Obrigkeit gefördert werden.

Was die öffentlichen Tugenden anlangt, herrscht weithin Bescheidenheit. Auf dem Weg zu Reichtum, Macht oder Bekanntheit sind Wahrheitsliebe, Gerechtigkeit oder gar Tapferkeit eher Stolpersteine. Ein Publizist, der ab und zu der Mehrheitsmeinung widerspricht, gilt bereits als kühner Freigeist. Eigenwillige Vorschläge jenseits der Parteidisziplin zählen schon als verwegene Vorstöße. Von Ministern und Präsidenten wird zwar fortwährend 'Mut zu unpopulären Entscheidungen' gefordert. Aber wenn die selbstverständliche Erfüllung der Amtspflichten bereits als Beweis politischer Courage gilt, ist der Verfall der Tugend längst besiegelt. So sind die Ansprüche gering, und echter Wagemut erscheint irgendwie verdächtig.

Einst gehörte der Mut - neben Weisheit, Gerechtigkeit und Besonnenheit - zu den Kardinaltugenden. Courage ist unabdingbar für die Verteidigung des politischen Gemeinwesens gegen äußere Gefahren und innere Erstarrung. Alle anderen Tugenden gründen auf geistiger Festigkeit und Unerschrockenheit. Nur der Mut verhilft der Erkenntnis des Guten zur praktischen Wirksamkeit. Einzig der Mut läßt den Menschen heraustreten aus der Zärtlichkeit seines Gemüts. Der Mutige trotzt seiner Angst, widersteht dem Konformismus der Mehrzahl und dem politischen Gegner. Nur Courage verhilft dem Menschen dazu, überhaupt klug und gerecht zu sein. In seinen Handlungen zeigt der Mensch, wer er ist. Zuletzt ist er das, was er tut und leidet. Am Ende seines Lebens steht die letzte Niederlage, nicht der Sieg. Diese Einsicht in die Vergänglichkeit ist der letzte Grund persönlicher Tapferkeit.

Das angestammte Feld der Courage ist seit je das Handwerk des Krieges. Die Kraft, die Todesangst zu überwinden, und der Wille, sein Leben zu riskieren, zeigen sich nirgendwo deutlicher als im Kampf gegen einen Todfeind. Diese Vortrefflichkeit hält man mittlerweile für antiquiert, suspekt oder überflüssig. Die Ausbeutung der Tapferkeit durch den Totalitarismus hat die alte Tugend befleckt und entwertet. Nach verlorenen und ungerechten Kriegen ist für Helden wenig Platz. So hat die deutsche Gesellschaft den Kampfesmut an ein paar uniformierte Bürger delegiert und träumt von einer friedvollen Welt ohne Feinde, in der es keines physischen Mutes mehr bedürfe.

Entschärft ist zudem das politische Kampffeld. Der Gegner ist zum Konkurrenten oder Mitstreiter verharmlost. Wo Konflikte verpönt sind, kann Courage nur stören. Politik ist zum Beruf mit Pensionsanspruch verkommen. An die Stelle der Entscheidung ist ein romantisches Ideal getreten: das des ewigen Gesprächs. Wenig Ansehen genießt schließlich die freie Konkurrenz der Privatleute. Der Markt fordert von jedem Initiative und Unternehmungsgeist. Doch ist das Risiko höchst unbeliebt. Die Mehrzahl wünscht sich einen Staat der bloßen Sekurität, in dem das Leben gemütlich und unterhaltsam ist.

Gegenüber Despotien haben demokratische Rechtsstaaten einen unschätzbaren Vorteil. Widerspruch kostet niemandes Frei-heit, und Widerstand niemandem das Leben. Im politischen Alltag benötigen liberale Demokratien keine Helden. Physischer Mut ist dem Ausnahmezustand vorbehalten. Sonst sind die Grenzen der Toleranz weit gezogen. Noch die größte Torheit wird geduldet, wenn nicht gar als mutiges Signal bewertet. Je unverfrorener, desto größer die Resonanz. Mangels politischer Ansprüche ist kein Amtsinhaber mehr von Scham und Schande bedroht. Sich lächerlich zu machen, ist nahezu unmöglich geworden. Feigheit schändet nicht. Wo alles erlaubt ist, ist Bravour obsolet. So fehlt ein wichtiger Antrieb moralischer Courage: die Angst, als Hasenherz dazustehen. Die Abwärtsspirale scheint unaufhaltsam. Wenn niemand Mut erwartet, wird auch kein Mut erbracht. Und wenn niemand Beherztheit zeigt, wird sie auch nicht mehr gefordert. Die Gesellschaft im Stillstand ist eine Gesellschaft des Kleinmuts.

Der Niedergang der Courage hat institutionelle Ursachen. Je mehr Verantwortung für die eigene Lebensführung an fremde Instanzen abgetreten wird, desto höher der Grad der gesellschaftlichen Passivität. Nicht das Handeln, sondern das Unterlassen gilt nunmehr als Beweis der Klugheit. Die Transformation von Politik in Verwaltung liefert wenig Gelegenheiten sich auszuzeichnen. Ohnehin fördern Demokratien den Konformismus der politischen Oligarchie. Nur wer den Protest seiner Parteigänger und die Wahlniederlage nicht fürchtet, ist im Notfall zu kühnen Aktionen imstande. Dem Wahlvolk ungeschminkt die Wahrheit über die düstere Lage der Nation zu sagen, dazu ist nur fähig, wer auf sein politisches Überleben pfeift. Dem Publikum auseinander zu setzen, dass nach dem historischen Ende des Wohlfahrtsstaates jeder sein Leben bis zum Ende selbst zu führen habe, käme einem politischen Selbstmord gleich. Kleinmut aber fördert die Lüge, und die Lüge verstärkt die politische Feigheit.

Auf Dauer jedoch kommt kein Gemeinwesen ohne Courage aus. Tapfer zu sein bedeutet, jemand zu sein, auf den man sich unter allen Umständen verlassen kann. Wer nicht bereit ist, Schaden oder Gefahren auf sich zu nehmen, stellt die Echtheit seines Engagements und seiner Überzeugungen in Frage. Ohne Courage keine Glaubwürdigkeit. Aber ohne Wagemut auch kein Ausweg aus der Krise. Es bedarf des ungestümen Zugriffs, um das Glück beim Schopfe zu fassen. Es ist allein der Mut, welcher der Tücke des Geschicks zu widerstehen vermag. Eine Republik, deren Bürgern die kristalline Energie der Courage fehlt, ist zum Zerfall oder zur inneren Vergreisung verurteilt.
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