Signale
Signale • Gedanken zur Zeit
Sonntag • 12:10
24.8.2003
Das Reisen in einer geschlossenen Welt - taktlos
Claus Koch

Wieder eine Sternstunde der Fernsehnachrichten. In fünfzehn Minuten der Weltzustand in seiner ganzen Obszönität. Erst die 14 Abenteuertouristen auf dem Wüstenflugplatz, sauber gekleidet und in guter Laune, empfangen von deutschen Diplomaten, vor dem Heimtransport,nach psychologischer Untersuchung. Sekundensequenz von den Sanddünen der Sahara, in feinster Form die Reinlichkeit der Welt, wie sie am Anfang war. Dann der grosse Staub von Bagdad. Die schwer bepackten Kriegsmänner aus Amerika laufen wie verloren zwischen den Rettungsdiensten der hektischen Bagdadis herum. Sie wissen offenbar nicht, was sie hier tun sollen. Solche Bilder vom einsamen amerikanischen Soldaten im Irak hat man in den letzten Wochen schon öfter gesehen.

Die schauerlich aufgerissene UN-Botschaft, fast schon ein vertrautes Motiv in diesem Jahrzehnt. Bilder von Leichen. Dann die erste Meldung von dem Massaker in Jerusalem. Dazwischen der deutsche Aussenminister, der sich zur Beendigung der Geiselnahme äussern muss - und nicht kann. Der Mann hätte jetzt anderes zu tun, als sich jeden zweiten Tag zu den Dummheiten deutscher Ausflügler vors Medium zitieren zu lassen. Zum krönenden Abschluss die Hamburger Widerlichkeiten.

Über die gedankenlosen Wüstenwanderer bricht nun der Unmut der Medien herein. Derselben Medien, die tagelang auf ihren ersten Seiten dieser deutschen Peinlichkeit die besten Spalten eingeräumt hatten. Die Elite-Zeitungen, die Frankfurter Allgemeine und die Süddeutsche Zeitung zum Beispiel, hielten es ebenso wie BILD. Das hat den Marktwert dieser kurzzeitigen Opfer kräftig gesteigert. Das ist von der Boulevard-Presse schon einkalkuliert. 'Natürlich sollen sie dem Staat zurückzahlen' ruft der Volksmund der BILD- und der FAZ-Leser. 'Die kriegen jetzt doch genug Geld dafür.' Wo sie soeben noch mitfühlend seufzten, sind sie nun doch empört - die vielen Deutschen, die nichts Schöneres kennen als das Herumreisen in Gegenden, in die sie nicht hineinpassen und in denen sie sich nicht verhalten können. Und von deren Einwohnern sie nichts wissen und auch nichts wissen wollen. 'Wir nehmen ihnen doch nichts, tragen sogar Geld dorthin, die sind auch dankbar dafür.' Es ist nur die exotische Szenerie, die sie für ein paar Tage, ein paar Wochen genießen und im Foto mitnehmen wollen. Und dafür gerne zahlen.

Gerade darin besteht die ganze Gemeinheit des Tourismus, und nicht nur des Abenteuer-Tourismus der besser Betuchten. Die Globalisierung hat uns in eine geschlossene Welt versetzt, die wir nicht verlassen können. Das gilt auch für die Zukunft. Sie ist nun weniger offen als es noch vor kurzem schien. Es wird sehr eng. Damit sind wir in eine neue Gleichheit hineingezogen, die kein unbekanntes Draussen mehr kennt. Es ist nichts mehr zu erobern. Da kann nichts Exotisches, können keine pittoresken Landschaften mitgenommen werden, wie es früher einmal möglich war. Alles und jedes wird bewertet, muss etwas kosten, muss ein handelbares Gut sein.

In dieser geschlossenen Welt sind die Luxusreisen der herrschenden Klasse, zu der wir nun einmal gehören, taktlos geworden. In ihrer Langeweile flüchten die reichen Westler, nachdem sie die Heimatregionen mit der eigenen Zivilisation verwüstet haben, dorthin, wo es noch schön ist. Schön, weil es dort hauptsächlich Arme gibt, mit denen man nichts anfangen kann.

Unbehindertes Reisen der beengt lebenden Berufsmenschen in unserer Kultur konnte einmal als Bürgerrecht gelten. Man erwarb damit Weltkenntnis, lernte fremde Sitten besser verstehen und so vielleicht auch die eigenen. Und wenn auch immer etwas Räuberei dabei war, vielleicht brachte man doch einen wertvollen Funken Kultur dorthin, sogar Freiheitsbedürfnisse.

Das ist längst vorbei, so lässt sich das freie Reisen der Reichen nicht mehr rechtfertigen. Wohin sie auch kommen, können die Touristen aus dem Westen die Spuren der Vernichtung erkennen, die ihre eigenen Leute angerichtet haben. In ihren ungezogenen Shorts sind sie selber aktive Kulturvernichter. Und bekommen denn auch nur das Übriggelassene. Deswegen werden sie im gesamten Orient verachtet. Verachtet nicht zuletzt als rücksichtslose Verächter ihrer eigenen Kultur und ihrer Religion.

Wer heute irgendwo in Europa eine unserer herrlichen Kathedralen betritt, muss sich schämen und hoffen, dass er keinen Besucher mohammedanischen Glaubens trifft. Denn der internationale Touristen-Pöbel in seiner schlampigen Kleidung und seiner Lärmigkeit achtet nicht einmal die Glaubensverrichtungen der wenigen Einheimischen.

Es gibt das Wort von 'the white man's burden', des weissen Mannes Last. Damit waren die Mühen und die Kosten gemeint, die sich die westlichen Zivilisationsbringer mit ihrer Kolonisierung aufgeladen hatten, auch ihre Schuld an unzähligen Konflikten. Heute sind die Reisenden aus dem Westen selber eine Last für die exotischen Regionen der Welt geworden. Diese können sich gar nicht exotisch und interessant finden. Sie sind zu arm dazu.
-> Signale
-> weitere Beiträge