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Signale • Gedanken zur Zeit
Sonntag • 12:10
31.8.2003
Der Sommer, sehr gross. Nach der Hitze
Eva Demski

Alle wachen auf wie aus einem Traum? Alptraum? Wunschtraum? Haben wir die Karibik wirklich hier haben wollen? Oder wäre sie besser dort geblieben, wo sie immer war - in den Prospekten der Reiseveranstalter, in unseren Plänen: Ein Ziel, aufs Innigste zu wünschen, aber gottlob weit weg?

Es war unversehens so, dass alle Bedingungen für die 'schönsten Wochen des Jahres' für unbestimmte Zeit zur Zwangsveranstaltung wurden: Hitze, Müßiggang (es blieb außer ihm wenig übrig, und die arbeiten mussten, taten es unter öffentlicher Anteilnahme) -ferner erhöhter Flüssigkeitsbedarf und Neigung zur Nacktheit. Was dem normalen Mitteleuropäer als zeitlich begrenzter Ausnahmezustand, weit entfernt von der eigenen Haustür, liebgeworden war, - Sonne satt, Sand, Suff und Radau - wurde zum Alltag. Und passte überhaupt nicht da hinein. Auch wenn die größte Hitze gewichen ist und wieder einigermaßen normal bekleidete Menschen auf den Straßen zu sehen sind: Sie kann ja wiederkommen. Die Kassandren der Wetterämter und der Boulevardpresse versprechen sogar düster: Sie wird wiederkommen! Und so ist es sicher nicht verkehrt, einen Blick zurück zu werfen - ohne Zorn, mit Verwunderung. Und aus Fehlern zu lernen...

Fangen wir bei der Kleidung an: Nein, keine weitere Stimme im verzweifelten Chor der Short- und Netzhemdhasser! Hat ja sowieso keinen Sinn. Aber doch die Überlegung, ob man nicht modemäßig von den wirklich heißen Ländern manches übernehmen könnte, so lange Zeit dafür ist und wir noch nicht zu ihnen gehören?

Sähen zum Beispiel Regierung und Opposition nicht viel besser in Djellabahs oder indischen Hosen und Hemden aus als in diesen grässlichen Kurzärmelteilen und gegürteten Sackhosen? Die Damen in Kaftanen oder Saris würden einen enormen ästhetischen Zugewinn verbuchen können und nicht mehr dutzendfach den Beweis liefern, dass der weibliche Oberarm ein gewebeschwacher Körperteil ist, der Erdanziehung willenlos ausgeliefert. Wie prachtvoll sehen die weiblichen Mitglieder des afrikanischen corps diplomatique aus in ihren bunten Verhüllungen! Keine von denen käme auf die Idee, ihre Fülle auf den trockenen Wiesen des Englischen Gartens in München oder am Wannsee auszubreiten ohne einen Faden am Leib.

In diesem Sommer wurde das Recht auf Nacktheit an jedem beliebigen Ort mit einer Erbitterung eingeklagt, die an die Französische Revolution erinnert. Als seien die Menschenrechte erst eingelöst, wenn Armeen in String-Tangas durch das Straßburger Münster marschieren!

Ein paar Worte vielleicht zum Eß- und Trinkverhalten bei Dschungeltemperaturen. Der kollektive Zwang, fettes Fleisch auf glühende Kohlen zu legen, wurde in den Hundswochen viel kritisiert. Die Grillhasser wurden von den Grillern des Neides und der Ungeselligkeit verdächtigt. Dass beide Eigenschaften eine Rolle spielen, ist nicht von der Hand zu weisen. Allerdings gilt der Neid der Spielverderber jenen, die große Grundstücke in menschenarmen Gegenden ihr eigen nennen und nicht im dritten Stock, auf engem Balkon Kühlung suchend, von zehn Feuerstellen der nahen Umgebung geräuchert werden. Und Ungeselligkeit stellt sich schon mal ein, wenn zum achtenmal Una Paloma blanca aus dem Nachbargarten zu hören ist. Im Karibischen ungeübte Völker - zu denen wir ja zählen - tun sich mit Außen und Innen nicht leicht. Wie viel akustischen, geruchlichen und atmosphärischen Raum darf ein Individuum einnehmen? Hilft ein Kasten Bier pro Nase über die gröbste Hitze hinweg? Ist der Verzehr von Schweinebauch anzuraten? Soll man seiner Partnerin Kopulationswilligkeit ausgerechnet im öffentlichen Schwimmbad mittags um drei beweisen? Leicht begibt sich in den Verdacht mangelnder Liberalität, wer all diese Fragen mit Nein beantwortet.

Aber die Kulturgeschichte ist auf Seiten der Meckerer: Hitze führt bei denen, die ihr Hunderte von Jahren ausgesetzt worden waren, zu Abgrenzung, nicht zur Entgrenzung. Man baut Häuser, die nach außen verschlossen wirken, Burgen gegen das Klima - und die sich nach innen öffnen, ihre Geheimnisse schützend. Körper werden verhüllt, der öffentliche Raum dient dem Diskurs, vielleicht noch dem Spiel. Alles andere wird fremden Blicken und Ohren entzogen. Prüde ist das, bigott, gestrig, nicht wahr?

Wie viel Außen steht jedem zu? Wie viel Innen lässt er oder sie vermissen? Die Sonne, heißt das alte Sprichwort, bringt es an den Tag. Heftiger als sonst ist ihr das in diesem Jahr hierzulande gelungen. Wir müssen, glaube ich, da noch ein bisschen üben. Wenn schweres Blut über Gebühr erhitzt wird, bekommt es ihm nicht immer gut. Und Schwerblütigkeit wird uns ja vorgeworfen. In jenen Ländern, die von der Sonne beherrscht werden und in denen wir uns mit zwei oder drei Wochen zufrieden geben mussten, zieht man sich mittags zurück, trinkt lauwarmen Tee und bedeckt sich. Wir werden ihn noch lernen müssen, den Umgang mit der Herrscherin Sonne.
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