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Signale • Gedanken zur Zeit
Sonntag • 12:10
7.9.2003
Die zweite Aufklärung - Zeitbombe Demographie
Josef Schmid

'Bevölkerungswandel wird endlich ernst genommen', lesen und hören wir in den Medien. Die Zeitbombe Demographie ist also geplatzt, nachdem ihr Ticken ein Vierteljahrhundert lang geflissentlich überhört worden war. Wird der Bevölkerungswandel nun endlich zur Grundlage genommen für eine weitsichtigere Politik in Sachen Alterssicherung, Gesundheit und Arbeitswelt? Ein Blick zurück ist aufschlussreich:

Nach einigen Jahren des Verharrens im weltweit größten Geburtentief stellte 1976 die CDU/CSU-Opposition an die Regierung Helmut Schmidt eine Parlamentarische Anfrage zur künftigen Bevölkerungsentwicklung im damaligen Westdeutschland. Nach einiger Zeit lieferte das Statistische Bundesamt die ersten Ergebnisse:

Absoluten Bevölkerungsrückgang wird es bald nach dem Jahr 2000 geben.

Starke Geburtenrückgänge machen sich bemerkbar in einem Einbruch des Jugendsockels der Alterspyramide; weniger Mädchengeburten bedeuten 25 Jahre später einen Müttermangel. Damit ist eine demographische Abwärtsspirale in Gang gesetzt, die Zuzüge von außen nur eine Generation lang ausgleichen können. Mit steigender Lebenserwartung ist zu rechen, vor allem damit, dass gegen das Jahr 2030 der 'Babyboom', die geburtenstarken Jahrgänge der Nachkriegszeit, sich zur Gänze im Rentenalter befinden werden und dann ein Drittel der Bevölkerung aus Menschen über 60 bestehen wird.

Auf hundert Menschen im erwerbsfähigen Alter werden an die 80 Menschen im Rentenalter kommen.

Währenddessen verwandelt sich die Alterspyramide, die damals eher einer zerzausten Tanne glich, in einen Pilz.

An diesen Grundaussagen des Jahres 1978 hat sich bis heute nichts verändert. Alle Witze gegen die Statistiker haben nichts geholfen; es ist so gekommen, wie vor einem Vierteljahrhundert vorhergesagt.

Die Politik hätte damals schon reagieren müssen, sie hätte noch die Mittel dazu gehabt: Familienpolitik auf Geburtenförderung umstellen nach dem Vorbild der Skandinavier und Franzosen, Tabuisierung der Rentenkassen und altersbezogener Gesundheitsbudgets, das heißt: sie vor Zugriff schützen und dem Faktor Arbeit nicht sozialpolitische Fesseln anlegen.

Das wäre rechtzeitig das Richtige gewesen. Doch Gutachten, die erst in zwanzig Jahren Kritisches ankündigen, haben es schwer im Kurzfristdenken einer Parteiendemokratie. Der demographische Komplex, der doch an der Wurzel unseres Systems ruht, wurde auf die Langzeitschiene geschoben.

Anfang der 80er Jahre begann man, die Bevölkerungstrends auf die möglichen Kosten der sozialen Sicherung anzurechnen. Das war der erste große Warnschuss: Wenn nicht glänzende wirtschaftliche Verhältnisse es verhindern, dann müsse bis 2030 der Beitragssatz zur Gesetzlichen Rentenversicherung um das Doppelte angehoben oder das Rentenniveau auf die Hälfte gesenkt werden.

Das wollte man so nicht in die Öffentlichkeit tragen. Es war die Stunde des Norbert Blüm, der launigen Allzweckwaffe im Kabinett Kohl. Er erklomm Litfass-Säulen und plakatierte: 'Die Renten sind sicher' - 'ein sehr großes Problem', ließ der treffliche Pressezeichner Haitzinger einen Pleitegeier darunter pinseln. Und das war nicht aus der Luft gegriffen, denn der Bundeszuschuss zu den Töpfen der sozialen Sicherung kletterte merklich in die Höhe - als Anzeichen dafür, dass das Wirtschaftswunder vorbei war und der Generationenvertrag mit Jugendschwund und Arbeitsplätzeschwund auf beiden Beinen lahmte. Doch der Glaube an die kollektiven Lösungen und noch mehr an die Kollektive der Lohnbezieher und Steuerzahler, die die Töpfe füllen, bleib ungebrochen, bis sich mitten in den Offenbarungseid hinein das verdrängte, verscheuchte Gespenst zurückmeldete: die Demographie!

Die Geborenendefizite schreiten ungebremst voran, der Alterungsprozess hat ein Stadium erreicht, in dem die Jahrgänge der über 80jährigen am schnellsten anwachsen und gleichzeitig glaubt niemand mehr, in den Entwicklungsländern das Menschenreservoir zu finden, welches die alten Bevölkerungen Europas verjüngen würde.

Seit der Französischen Revolution haben wir gelernt, auf Rechte zu pochen und uns zu amüsieren. Nun brauchen wir eine zweite Aufklärung, um unsere Errungenschaften zu retten. Wie der industrielle Mensch unter das Diktat von Rohstoffen und Wirtschaftskrisen geraten ist, ist der postindustrielle Mensch unserer Gegenwart unter das Diktat seiner Alterspyramide geraten, eines Koloss auf tönernen Füßen. Er hat ihn mutwillig oder gedankenlos herbeigelebt. Die Demographie ist eine Schwester der Zeit, mal gewährt sie eine Frist, mal treibt sie an, aber immer unaufhaltsam und unerbittlich.

Die Menschen in Deutschland müssen schnell lernen, in ihre Altersstruktur so zu blicken wie in einen Spiegel, der über das wahre Aussehen nicht hinwegtäuscht. Den Belastungen einer Alterspyramide entgehen wir nur, wenn jeder seinen Anteil an ihrer Verformung erkennt, eingesteht und daraufhin zu entsprechenden Lebensentscheidungen kommt.

Das einzig sichere Mittel gegen Alterung sind weder Cremes, noch Wertpapiere, weder Spaß, noch Individualismus. Das einzig sichere Mittel ist mehr Nachwuchs.
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