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Signale • Gedanken zur Zeit
Sonntag • 12:10
14.9.2003
Einwanderungsland Deutschland: Wer integriert wen?
Reinhard Kreissl

Debatten über Einwanderung und Integration, über nationale Identität und multikulturelle Vielfalt enden in diesem unseren Land schnell in typisch deutschen Grundsätzlichkeiten. Auch wir haben unseren Fundamentalismus. Die Positionen schwanken zwischen den Höflichkeitsfloskeln politischer Korrektheit und der mehr oder weniger hemmungslosen Ausbeutung populistischer Stereotypen.

Da geben sich die einen welt- und staatsmännisch und blicken weit über den tagespolitischen Horizont hinaus auf ein zukünftiges Europa, das alle Schranken von Rasse und Klasse überwunden hat und zum offenen multikulturellen Wohlstandpark mutiert ist. Alles wird gut und die Türkei zum Mitglied der Europäischen Union.

Die anderen bezeichnen sich als mutige Realisten, wenn sie meinen, unbequeme Wahrheiten auszusprechen und von Überfremdung, Ghettobildung und der Bedrohung des sozialen Friedens durch integrationsunwillige und fanatisierte Angehörige anderer Kulturen reden. Alles wird schlecht und die neuen Barbaren werden uns überrennen. Grimmiger Realismus gegen geheuchelte Höflichkeit - realistische Diagnosen für eine rationale Debatte kommen so nicht zustande.

Was aber ist der Fall, wie bedrohlich sind die Verhältnisse und wie sehr können wir darauf hoffen, dass die Zeit für uns arbeitet? Zeigt nicht das Beispiel Amerika, dass Einwanderungswellen in einer liberalen Kultur zum gegenseitigen kulturellen, ökonomischen und sozialen Vorteil integriert werden können? Zeigen andererseits nicht die Verhältnisse in manchen deutschen Großstädten, dass eine Integration ethnischer Minderheiten keineswegs ins Sicht ist? Es ist kaum möglich, hier eine Position einzunehmen, die auf ungeteilte Zustimmung hoffen kann. Das aber, so könnte man argumentieren, macht das Wesen demokratischer Politik aus: Du bist dafür und ich dagegen, wir werden sehen, wer die Mehrheit auf seiner Seite hat und danach wird entsprechend gehandelt. Aber so funktioniert es nicht.

Denn das Ausmaß solcher periodischen Erregungen steht im umgekehrt proportionalen Verhältnis zu den Möglichkeiten, wirklich etwas gegen die vermeintlichen Bedrohungen zu tun. Die öffentliche Debatte lebt vom Grad der Erregung, den ein Thema erzeugen kann - ob das, was behauptet wird, wirklich der Fall ist, oder ob die angeprangerten Missstände mit den Mitteln des demokratischen Rechtsstaats wirklich zu beseitigen sind, ist dabei eher nebensächlich. Symbolische Reaktionen beherrschen die politische Arena und wenn es gelingt, die erregten Gemüter zu beruhigen und sich dies als eigene Leistung zuzuschreiben, hat Politik das erreicht, was sie anstrebt. Es herrscht wieder Ruhe im Land, an den realen Verhältnissen hat sich derweil kaum etwas geändert. Die wenigen Fälle, in denen scheinbar wirklich etwas erreicht wurde, etwa bei der Abschaffung des Asylrechts und den in der Folge sinkenden Zahlen der Asylbewerber, sind nur auf den ersten Blick Erfolgsgeschichten. Denn erst wäre genauer zu überprüfen, ob nicht in der Folge die illegale Migration zugenommen hat, was sich dann wieder als Zunahme des organisierten Verbrechens im Bereich des Menschenhandels niederschlägt und einige der verfügbaren Zahlen sprechen für diese Vermutung. Ob die Kur schlimmer als die Krankheit ist - diese Frage sollte man sich in dem ebenso sensiblen wie zentralen Bereich der Ausländerpolitik immer wieder stellen.

Aus der Distanz betrachtet erscheint die populistische Erregung als notwendiger Exorzismus einer verunsicherten Nation. Mögen sie sich über die Ausländer die Köpfe einschlagen, man braucht dergleichen Feindbilder, um sich der eigenen kollektiven Identität zu versichern. Auch Europa weiß sich seiner selbst nur gewiss, wenn es sich von anderen abgrenzen kann: Von den neuen Barbaren aus dem Süden und - nach dem Wegfall des integrierenden ideologischen Gesamtfeinds im Osten - zunehmend auch von den ehemaligen Waffenbrüdern jenseits des Atlantiks. Das entlarvende Bild von der Festung Europa zeigt, dass es mit einem positiv definierten kulturellen und politischen Selbstverständnis nicht weit her ist. Für eine verspätete Nation wie Deutschland gilt das in verstärktem Maße.

Was aber ist zu tun, wie sollten wir uns verhalten, welche Politik sollten wir unterstützen, wenn es um konkrete Veränderungen jenseits der symbolischen Inszenierung von Bedrohungen geht? Was steht an im Alltag, auf der Ebene der Kommunen, der Stadtviertel, der Nachbarschaft? Mit solchen Fragen begibt man sich ins Dickicht der praktischen Politik vor Ort, hier wird die Sicht schlecht und die große Geste verhakt sich am nächsten Ast. Zunächst scheint ein generelles Abwiegeln angesagt. Die ethnischen Viertel deutscher Großstädte sind meilenweit vom Schreckbild des urbanen Ghetto entfernt. Während dort die Institutionen ausgezogen sind und die Wüstenei heruntergekommener Überlebensquartiere mit ihren blinden Fenstern hinterlassen, blüht hier das soziale Leben auf und die Bewohner entwickeln eine Lebensqualität, die manchen von Deutschen bewohnten Problemgebieten gut täte. Sodann aber stehen unbequeme Fragen an: wie wollen wir es mit der Toleranz gegenüber anderen Kulturen in unserem Alltag halten? Welche Rechte können andere Religionen und Lebensweisen beanspruchen? Dürfen die Minarette der Moscheen die Zwiebeltürme bayerischer Dorfkirchen überragen? Alles läuft auf die Frage hinaus: Was wollen wir uns bieten lassen?

Hier hilft vermutlich nur eine Strategie des Abwägens. Wollen wir Zivilcourage und Toleranz zeigen, auch wenn wir damit möglicherweise die eigene Lebensqualität schmälern oder wollen wir es riskieren, dass wirklich eine abgeschottete und möglicherweise tendenziell feindliche Kultur in den Zentren unserer Städte heranwächst? Oder sollen wir einfach abwarten, abwandern und auf den Lauf der Dinge hoffen? Leider haben die zarten Pflanzen Toleranz und Zivilcourage außerhalb von evangelischen Kirchentagen kaum Wachstumschancen und der interkulturelle Dialog im Alltag gehorcht anderen Regeln als die radebrechende Konversation mit einem türkischen Kellner in Antalya. Gut gepflegte Ressentiments erleichtern das Leben und das Infragestellen eigener Vorurteile gehört nicht zu den Tugenden, die wir von klein auf lernen.

Möglicherweise aber kommt die Lösung aus einem Bereich, der davon lebt, dass er ethisch-moralische Fragen weitgehend ausklammert. Die Wirtschaft braucht die Zuwanderung - die Position der führenden Köpfe der Deutschland AG ist dementsprechend tendenziell ausländerfreundlich und wie uns immer wieder gesagt wird, ist in aller Regel das, was gut für die heimische Industrie ist, auch gut für Deutschland. Bleiben wir also optimistisch.
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