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Signale • Gedanken zur Zeit
Sonntag • 12:10
28.9.2003
Können wir noch schauen? Eine Straßenszene
Wilhelm Genazino

Wo gibt es harmlose Ereignisse? Ich könnte zum Beispiel wieder zum Standesamt gehen und mir die frisch getrauten Paare anschauen. Das sind fröhliche Anblicke! Aber letzthin ist mir aufgefallen, daß in den festlichen Gesichtern der Paare auch der Schreck über die soeben aufgegebene Freiheit mitzittert, ein leichtes und doch genaues Beben, das sich um seiner Unerwünschtheit willen gerade in diesen Sekunden zeigen mußte. Wo können wir verweilen? Was können wir uns anschauen? Wessen können wir uns erfreuen?

Ich mische mich unter die Leute, die einer südamerikanischen Straßensängerin zuhören. Sie ist eine Argentinierin oder eine Brasilianerin, sie ist jung und korpulent, sie singt und spielt zur Gitarre, und zwar so kräftig und lebendig, daß alle, die ihr zuhören, durch ihren Gesang hindurch ihren Lebensdrang bewundern müssen, diese bei uns seltene, ansteckend wogende Körperlichkeit, die wir uns nicht recht zutrauen, obgleich wir sie bei Fremden jederzeit bewundern. Immer mehr Zuschauer kommen heran und wissen doch nicht, ob es die großen runden Augen oder die großen runden Brüste oder nur die Zähne der Sängerin sind, ob ihr Körperspiel oder ihr Gesang tiefer in uns eindringen und ob von ihrem Duft oder von ihrer Beweglichkeit die größeren Lockungen ausgehen.

Ich schaue in das blanke, rundliche und fröhliche Gesicht der Frau - und schaue in diesen Augenblicken doch an diesem vorbei. Mein Blick ist bei einem etwa vierzehnjährigen Jungen hängen geblieben, der in einem Rollstuhl sitzt. Hinter dem Rollstuhl steht eine Frau, vermutlich die Mutter, die sich bemüht, den Rollstuhl in die vorderste Reihe der Zuhörer vorzuschieben. Der Junge ist schmächtig, seine Glieder haben kaum mehr als steckenförmige Gestalt. Seine auffälligste Behinderung ist ein weitgehend muskelloser Hals, der seinen Kopf halb schräg auf der Schulter ruhen läßt. Aber er hat eine perfekt funktionierende Mimik, seine Augen sind beweglich, sein Mund lacht, und es ist leicht zu erkennen, daß er am Spiel der Südamerikanerin das gleiche Vergnügen hat wie die anderen.

Aber die Mutter hinter dem Rollstuhl möchte ihn über das Maß der Behinderung hinaus am Leben beteiligen. Die Sängerin macht keine Anzeichen, daß sie ihre Darbietung in Kürze beenden wird, aber die Mutter des Behinderten legt ihrem Sohn schon jetzt ein paar Münzen in die schlaffe Hand und flüstert ihm ins Ohr, daß er das Geld in den vor der Sängerin liegenden Hut werfen soll. Man sieht, wie es den Jungen anstrengt, die Münzen in seiner Hand festzuhalten und noch dazu den Augenblick abzupassen, in dem die Sängerin ihr letztes Lied gesungen, sich verbeugen und dann - wer weiß - mit dem Hut umhergehen und auch an seinem Rollstuhl vorübergehen wird. Diese Augenblicke darf er auf keinen Fall versäumen. Oder wird die Sängerin den Hut am Boden liegen lassen? Dann wird er die Münzen werfen müssen!

Die Mutter schiebt den Rollstuhl noch ein Stück nach vorne und hält erst knapp vor der Sängerin. Natürlich, sie will ihrem Sohn den kleinen Auftritt so leicht wie möglich machen. Ihr Eifer verrät, wie sehr sie davon überzeugt ist, das Einwerfen der Münzen werde auch für ihren Sohn ein wundervolles Erlebnis sein - und der Sohn wird, jedenfalls für ein paar Augenblicke, genauso sein wie alle anderen, es wird nicht die mindeste Differenz zu den sogenannten Gesunden geben. Die Sängerin ist über die Zudringlichkeit der Mutter ein wenig erschreckt und singt, wenn ich mich nicht täusche, deswegen eine Spur lauter und auch aggressiver. Die Unbekümmertheit ihres Auftritts ist eingeschränkt, ihr Ton ist eine Spur kreischend geworden, ich möchte wetten, daß sie sich jetzt selber behindert fühlt, weil die Mutter kein Gefühl für Distanzen und Grenzen hat.

Tatsächlich beendet die Sängerin wenig später ihren Auftritt. Die Mutter ergreift den herumhängenden Arm des Jungen und hebt ihn soweit aus dem Rollstuhl heraus, bis seine Hand über dem Hut platziert ist. Der Junge schlägt die Augen nieder. Brav streckt er die Finger, die Münzen fallen in den Hut. Jetzt öffnet er die Augen doch, und er sieht, wie die Mutter in die Gesichter der Zuhörer lächelt und wie es ihr gelingt, für ein paar Sekunden zu einer an allem, auch an ihrem Sohn unschuldigen Frau zu werden.
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