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Signale • Gedanken zur Zeit
Sonntag • 12:10
3.10.2003
In der Seele bohren, bis es sprudelt...
Das Gute an der Literaturkritik
Robert Menasse

So komplex Literatur ihrem Wesen nach auch ist und so differenziert Literaturkritik, wenn sie diesen Namen verdient, auch arbeitet, das Verhältnis zwischen Literaten und Kritikern ist denkbar primitiv: Es wirkt wie ein kindliches Abenteuerspiel, in dem die einen die edlen Wilden darstellen, und die anderen die Siedler, die, mit Platzpatronen schießend, in deren Jagdgründe einfallen, um ihnen am Ende ein Reservat zuzuweisen. Nun sind aber nicht nur alle Neurosen und Eitelkeiten, die wir im Beziehungsgeflecht Literatur - Kritik - Wissenschaft beobachten können, letztlich unerheblich, sondern erst recht auch alle Versuche, diese theoretisch zu unterkellern. All diese Versuche laufen nämlich auf die Idee einer Poetik hinaus, die gleichsam Meßlatten liefert, die man an die Werke anlegen kann.

Ja, die sogenannten Kriterien.

Damit sind wir vom Persönlichen unversehens im Sachlichen gelandet, aus dem Feld der Eitelkeiten, Unterstellungen, Aggressionen und Liebedienerei vor die kalt und streng hochgezogenen Augenbrauen eines Geists getreten - der vollends neurotisch wird: Die Wissenschaft fordert von den Kritikern, daß diese ihre Meßlatten bei ihr bestellen, während die Autoren wiederum nur jene Meßlatten der Kritik anerkennen wollen, die sie selbst geeicht haben. Jede literarische Theorie ist letztlich normativ, widerspricht also dem Geist und dem Selbstverständnis der Literatur. Entspricht ein literarisches Werk einem Kanon, ist es also epigonal und keine Kunst. Tut es das nicht, dann ist es mit den Mitteln der Kunsttheorie gar nicht zu fassen.

Wie unsinnig und fast schon wieder charmant primitiv ein solches Referenzsystem ist, wenn es um das Selbstverständnis und die Beurteilung von Literatur geht, möchte ich an Hand einer kleinen Anekdote verdeutlichen: Während eines Schriftstellertreffens kam ich zufällig neben einen Deutschen Dichter zu sitzen, der gerade einem der anwesenden deutschen Großkritiker ohne auch nur einen Funken von Ironie nichts Geringeres als seine 'Poetik' auseinandersetzte. Er verwendete dabei Sätze wie 'Ich schreibe also in der Tradition von ...' oder 'die großen Entwicklungslinien bündeln sich heute also in ...', wodurch sich der wunderliche Eindruck ergab, als habe nicht dieser Dichter, sondern als habe die Literaturgeschichte eine fixe Idee, nämlich die, sich in diesem Dichter vorläufig zu vollenden. Ich bin völlig unfähig, solche feuilletonkompatiblen Gespräche zu führen und nehme es lieber in Kauf, als völlig unernst angesehen zu werden. Ich fragte also diesen Dichter, ob er, wenn er mit einer Frau ins Bett gehe, sich auch augenblicklich in einer Tradition sehe, sich sozusagen begattungsgeschichtlich einordne, nachdem er die Dialektik von Körper und Geist geklärt und den Widerspruch zwischen Lust und Fortpflanzung ins Lot gebracht habe? In Wirklichkeit ist es doch so, sagte ich zu ihm, daß du mit einer bestimmten Anzahl von Frauen im Bett warst, manchmal war es gut, manchmal weniger gut, manchmal ein Fiasko. Seither hast du nicht nur glühende Sehnsucht zumindest nach dem Glücken, das dir schon möglich war, sondern auch immer wieder brennende Angst vor dem Versagen. Genauso, sagte ich, verhält es sich mit der Literatur, mit den Verhältnissen, die du je mit Büchern eingegangen bist. Du hast im Lauf deines Lebens eine bestimmte Anzahl Bücher gelesen, mit einigen hattest du Glücksgefühle, mit anderen war es sehr kompliziert, mit anderen konntest du überhaupt nicht umgehen. Das begründet zu einem beträchtlichen Teil die Vorlieben und Eigenheiten deiner literarischen Verfahrensweisen - aber es ist zu wenig, um allen Ernstes eine theoretisch begründbare Logik, daß es nur so sein kann, davon abzuleiten.

Ich glaube, daß im literarischen Leben, in diesem wechselseitigen Abhängigkeits-, Freundschafts- und Verachtungsgeflecht von Literatur, ihrer Kritik und ihrer Wissenschaft, die Kritiker die einzigen sind, die diesen Sachverhalt begriffen haben oder zumindest einmal selbstverständlich davon ausgehen: daß jeder, der sich in irgendeiner Form mit Literatur befaßt, mit einem Werk zu zweit sehr alleine ist. Das ist genau der Punkt, wo die Beurteilung von Literaturkritik möglich wird: Ihre Qualität erweist sich darin, daß sie eben die Systematisierung ausschlägt und jedes Buch zunächst als das nimmt, was es tatsächlich ist und sein will: ein einziges. Literaturkritik hat sich, sowohl in Hinblick auf ihren eigenen Anspruch als auch darauf, was wir vernünftigerweise von ihr erwarten können, selbst außer Kraft gesetzt, wenn sie selbst Systeme stiftet, die dann eben Trends heißen, was ja nichts anderes ist, als in jedem Autor ein Kamel einer Karawane zu sehen.

Literaturkritik ist immer so gut geschrieben wie die Literatur, der sie sich anschmiegt oder an der sie sich reibt. Nur hier vermittelt sich praktisch, worum es allen geht: einerseits der sinnliche Abdruck der Welt, andererseits der Anspruch, sie durch diesen zu begreifen.

Deshalb ist keine Literaturkritik vernichtender als eine schlecht geschriebene, sogar wenn sie lobt. Und kein Verriß ist vernichtend, wenn er ahnen läßt, welch ungeheure Energie ein Buch beim Kritiker ausgelöst haben muß, wenn er beim Anblick einer Blüte sofort zur Axt greift und ganze Wälder abholzt.

Darum geht es eben in der Literaturkritik so wie zunächst in der Literatur selbst, um etwas sehr Eigentümliches, das, wenn es gelingt, eine Verbindlichkeit wirklich erzeugt, die das sogenannte wirkliche Leben sonst nicht erlebt: Hergestellt wird da im Grunde eine vermittelbare Idiosynkrasie, ein allgemeingültiger Autismus, ein radikal eigener Blick, der plötzlich jedem möglich wird. Kunst (und daher auch die Kunst der Kunstkritik) ist, was immer man darüber raunt, nichts anderes als die Gabe, in einer Seele so bohren zu können, daß es für alle zu sprudeln beginnt.

Robert Menasse: 1954 in Wien geboren, zählt zu den bekanntesten deutschsprachigen Schriftstellern. Er studierte Germanistik, Philosophie und Geschichte in Wien, Salzburg und Messina. Seine Promotion handelte vom 'Typus des Außenseiters im Literaturbetrieb'. In den deutschen, österreichischen und schweizerischen Feuilletons äußert sich Menasse mit Beiträgen und Essays immer wieder engagiert zu aktuellen Diskussionen. Seine letzten Romanveröffentlichungen: 'Schubumkehr', 'Selige Zeiten, brüchige Welt' und 'Die Vertreibung aus der Hölle'.
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