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Signale • Gedanken zur Zeit
Sonntag • 12:10
19.10.2003
Lob der Arbeit
Cora Stephan

Es gibt ein unschlagbares Argument gegen vieles, das schön ist im Leben: gegen Sprossenfenster. Gegen Holzfußböden. Gegen Haustiere. Gegen Leinenbettwäsche und Stoffservietten. Gegen Laubbäume. Sie machen Arbeit. Weshalb sie abgeschafft gehören.

Während die halbe Welt über Arbeitslosigkeit klagt, versucht die andere Hälfte, Arbeit im Keim zu ersticken. Architekten und Baumärkte, Gartenhandlungen und Küchengerätehersteller haben sich verschworen, den Menschen alltägliche Verrichtungen abzunehmen, damit sie sich Größerem widmen können: der Erfindung des perpetuum mobile oder dem Studium aller Krimiserien im Fernsehen, bei denen ein Hund mitspielt. Zum Beispiel.

Daß Arbeit im Leben eines durchschnittlichen Mitteleuropäers noch eine große Rolle spiele, muß ein Gerücht sein. Während unsere Vorfahren schufteten bis zum Umfallen, tut sich heute nach der 35-Stundenwoche für viele ein Vakuum auf, das für kinderlose Singles wahrscheinlich unerträglich wäre, forderte ihnen der Staat nicht wenigstens einmal im Jahr die Lohnsteuererklärung ab. Und kaum hat man, nach jahrelanger Ausbildung, die Festanstellung mit 35-Stunden-Woche erreicht und ebenso schätzen gelernt wie die Annehmlichkeiten von Tiefkühltruhe und Mikrowelle, sind fünfundzwanzig Berufsjahre rum und die Frühverrentung steht ins Haus. Wer sich bis dahin keinen Sinn im Leben gesucht hat, findet auch keinen mehr. Vielen Ruheständlern fällt zum Leben nichts mehr ein - nicht, weil sie zu alt dafür wären. Sondern weil das Leben sie ausgespien hat. Oder, besser, jenes sich sozial schimpfende System, das sie in die Nutzlosigkeit gelockt hat. Wie zur Strafe werden sie nun für die Kosten, die sie mit ihrem Vorruhestand verursachen, verleumdet.

Das ist jetzt alles völlig überspitzt formuliert und gar nicht wahr und überhaupt ungerecht? Na und ob. Denn sicherlich gibt es Jobs, die man niemandem mehr als 35 Stunden in der Woche zumuten kann (die in der gewerkschaftlich behüteten Großindustrie gehören übrigens selten dazu). Sicherlich gibt es Menschen, die mit 53 krank und ausgelaugt sind und die ihre geschätzten 20, 30 restlichen Lebensjahre so würdig wie möglich gestalten sollten. Und klar gibt es ein Leben jenseits der Arbeit, eines, das Kinder zulässt und Reisen und Bildung. Und Nichtstun. Aber für viele, ja wahrscheinlich für weit mehr als eine große, womöglich gar privilegierte Minderheit hat Arbeit etwas mit Sinn zu tun, mit Selbstwert, mit einem tiefen Bedürfnis. Arbeit bedeutet Teilhabe am Leben, Zusammensein mit anderen Menschen, heißt, Aufgaben zu lösen und Probleme zu bewältigen, kann schöpferisch sein, befriedigt den Leistungswillen. Arbeit belohnt, macht unabhängig, hält beweglich, im Kopf und überall sonst. Warum würden sonst so viele nach einem Arbeitsplatz suchen, der ihnen nicht nur Lohn und Brot gibt, sondern Sinnerfüllung und Selbstverwirklichung dazu?

Freizeitforscher wollen herausgefunden haben, daß ein Urlaub, der länger als zwei Wochen dauert, die Sinne erlahmen läßt. Wie wird es da wohl jemandem ergehen, der mit 65 oder gar früher zwangsverrentet wird, obwohl seine Leistungsfähigkeit noch keine Grenze erkennen läßt? Nichtstun scheint unsere Physis mit Nutzlosigkeit gleichzusetzen. Was Wunder: Menschen verlernen nicht in wenigen Jahrzehnten, was Jahrtausen-de antrainiert ist: daß das Leben Arbeit ist, Kampf ums Überleben, oder wenigstens ums gute Leben. Nicht nur die Gewichtsprobleme fast aller gemeinen Mitteleuropäer scheinen zu zeigen, daß wir nicht geeicht sind auf einsame Abende vor dem Fernseher mit einer Nahrungszufuhr, um die sich unser Körper nicht bemühen mußte.

Nein, reden wir einmal nicht über die Notwendigkeit, länger zu arbeiten, weil unsere Versicherungssysteme für gänzlich andere Lebensarbeitszeiten ausgelegt sind, als wir sie heute haben. Reden wir nicht über den Zwang, die Maschinenlaufzeiten auszulasten oder den veränderten Anforderungen an Dienstleistung, etwa dank längerer Ladenöffnungszeiten, nachzukommen. Reden wir nicht über die alternde Gesellschaft, die sich Frühverrentung gar nicht mehr leisten kann.

Reden wir über die Lust an der Arbeit, über die Freude, etwas zu bewirken, zu schaffen, zu erschaffen. Über den Spaß, sogar das wieder selbst zu tun, was uns Küchenmaschinen und Bügelautomaten immer noch abzunehmen versprechen. Über den Luxus der Betätigung.

Und damit über die Bäume, die uns die Arbeit machen, im Herbst ihre welken Blätter wegzufegen. Während die Wildgänse sich am Himmel die Mühe bereiten, wie jedes Jahr im Herbst gen Süden zu ziehen.

Warum wohl? Weil es ohne Anstrengung nicht zu haben ist, das wirkliche, das Leben.

Autorin:
Cora Stephan, Jahrgang 1951, ist promovierte Politikwissenschaftlerin. Von 1976 bis 1984 war sie Lehrbeauftragte an der Johann Wolfgang von Goethe Universität und Kulturredakteurin beim Hessischen Rundfunk. Von 1985 bis 1987 arbeitete sie im Bonner Büro des 'Spiegel'. Zuletzt veröffentlichte sie 'Der Betroffenheitskult. Eine politische Sittengeschichte', 'Die neue Etikette' und 'Das Handwerk des Krieges'.

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