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Sonntag • 12:10
26.10.2003
History goes Pop
Die Banalisierung von Geschichte
Michael Stürmer

Wo der Ernst aufhört und Pop beginnt, das hat noch keiner zu bestimmen gewusst. 'Lili Marleen', die traurige Weise von Liebe und Tod der Soldaten, wurde im Zweiten Weltkrieg an allen Fronten gehört, und als der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda Joseph Goebbels sie verbieten wollte, weil sie nach Tod und Verwesung klinge, da widersprach die Wehrmacht und setzte sich für einmal durch. In den 60er Jahren, gesungen von Marlene Dietrich, brachte es das Lied zur Aufnahme unter die Klassiker des französischen Chansons. Vor zwei Jahren widmete ihm das Haus der Geschichte in Bonn eine ganze Ausstellung. Pop oder nicht Pop - Schönheit liegt im Auge - oder in diesem Fall im Ohr - des Betrachters.

Womit wir mitten im Thema sind: die Verpoppung der Geschichte oder, genauer gesagt, der Vergangenheit. Die alte Tante BBC hat im Lande Shakespeares einen großen Ruf als Fernseh-Geschichtenerzählerin. 'I Claudius', die Lebensgeschichte eines stammelnden römischen Kaisers, der um des Überlebens willen den Narren spielte, war populär auch unter Leuten, denen alles, was vorgestern geschehen war, schon herzlich gleichgültig erschien. Aber mit 'I Claudius' wurde die menschliche Tragödie und Komödie in Szene gesetzt, als handele es sich um die Royal family, nur sehr viel blutiger. Das Gleiche geschah mit 'Henry VIII and his six wives': der Monarch, der seine Frauen hinrichten ließ, weil es kein geeignetes Scheidungsrecht gab, bis er selbst in England die Reformation einführte. Diese Geschichte hatte alles, was von Shakespeares Königsdramen bis Pop eine gute Story ausmacht.

Wo die beiden Gallier hingehören, 'Asterix und Obelix', zu Scherz, Satire, Ironie oder zur tieferen Bedeutung, das haben die Franzosen bis heute nicht entschieden. 'Die spinnen, die Römer' - sagen die beiden Schelme, die doch bekanntermaßen zu den Verlierern der Geschichte gehören, und manchmal ist der Unterton des Spotts auf die mächtigen Amerikaner so unüberhörbar wie die Freude an der eigenen, lebensvollen und listigen Existenz. Zuletzt wurde auch Napoleon verpopt, und die hölzernen Dialoge, mit pathetischer Schwere vorgetragen, wirkten im Deutschen nur noch komisch - vielleicht war das der Hintersinn. Aber populärer war Napoleon nie, und selbst noch in der Klamotte kam etwas von dem über, was den Philosophen Hegel anno 1806 erschauernd vom 'Weltgeist zu Pferde' stammeln ließ.

In Deutschland nimmt man alles schwerer, grundsätzlicher, und quält sich mit der Frage, ob E oder U: Ernst oder Unterhaltung. Das eine ist subventionsfähig, das andere ist es nicht. Im einen Fall wird das Publikum wegen seines schlechten Geschmacks gerügt, im anderen rächt es sich an den Eliten, indem es an der falschen Stelle Beifall klatscht, wenn zum Beispiel eine ahnungslose türkische Putzfrau ein Kunstwerk entsorgt mit Schrubber und Besen, im übrigen aber frönt es gern seinem schlechten Geschmack, verhilft Dieter Bohlen zu Riesenauflagen und bangt mit allen gekrönten und ungekrönten Königinnen um Liebe, Treue und Schwangerschaft.

Besonders ernst wird die Sache dann, wenn es um Geschichte geht. Da hört, aus bekannten Gründen, für die Deutschen die Gemütlichkeit auf. So als ob nicht auch die deutsche Vergangenheit reich an Seifenoper wäre, vom Hof Augusts des Starken, der seinen Beinamen in den Betten seiner Mätressen verdiente, bis zu den Tragikomödien des letzten Kaisers. Da wartet viel Pop auf seine Stunde. Hitler dagegen kommt aus einer Welt, die für Pop auf immer ungeeignet bleibt: Zu tief die Abgründe, die er aufriss, zu blutig die Folgen, zu grauenvoll die Frage, wie er denn möglich war. Trotzdem aber macht die Banalisierung des Bösen an keiner Schwelle halt, scheut vor keiner verrunzelten Sekretärin zurück und scheut auch nicht die ständige Wiederholung, dass der Teufel mit Blondie, seinem Wolfshund, ganz menschlich umging. Das zahlende, ohnmächtige Publikum schaut sich das alles an, und wenn den Fernsehoberen dämmert, dass sie Voyeurinstinkte bedienen, dann laden sie bedeutende Historiker, Theologen und andere Sterndeuter zur Nachbereitung ein. Pop oder nicht Pop - wenn die Sache etwas taugt, dann können wir auf den TV-Schirm als moralische Anstalt verzichten. Entscheidend ist nicht, wie viel Vergangenheit da abgespult wird, sondern ob daraus Geschichte wird, das heißt die Beschreibung - so sagte einst sehr ernst Jacob Burckhardt, der große Schweizer Historiker - die Beschreibung vom handelnden, strebenden und duldenden Menschen.
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