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Sonntag • 12:10
2.11.2003
Kulturpolitik in Deutschland
Jammern als Prinzip
Rolf Schneider

Rolf Schneider (Bild: Therese Schneider)
Rolf Schneider (Bild: Therese Schneider)
Kultur ist unverzichtbar. Jedes Volk pflegt und fördert die seine und ist stolz auf sie, Kulturschaffende zählen zur Elite der Gesellschaft. Aus allen diesen Gründen lassen sich Staaten die Kultur etwas kosten, sie werfen Fördergelder aus und viele Arten von Subventionen. Museen und Theater müssten schließen, nähme man sie vom staatlichen Tropf. Kürzungen der Zuschüsse erschüttern nicht nur das Gemüt der davon unmittelbar Betroffenen, sondern lassen auch Feuilletonisten aufjaulen und führen zu hitzigen Disputen in Parlamenten.

Nun gibt es zweierlei Arten von Kultur. Ein nicht unbeträchtlicher Teil des Kunstbetriebes ist privatwirtschaftlich organisiert und verhält sich nach den Regeln des Marktes. Weder Buchverlage noch Buchhandlungen, weder Kunsthandel noch Filmindustrie sind angeschlossen an jene gesetzlichen Finanzströme, die sich in Stadttheater, Kunstmuseen und Sinfonieorchester ergießen. Wieso ein Verlagslektor, was seinen Arbeitgeber anlangt, anders situiert sein soll als ein Operndramaturg und wieso dem Suhrkamp Verlag in Frankfurt am Main abgeht, was dem Schauspielhaus Frankfurt ganz selbstverständlich zukommt, ist schwerlich einzusehen.

Erklärbar ist es immerhin, nämlich aus der Historie. Buchproduzenten waren immer Privatunternehmer. Die Organisations- und Distributionsform, deren sie sich bedienen, ist sogar eine besonders urtümliche, nämlich die überhaupt älteste der privatkapitalistischen Produktion; heute findet sie, außer bei Druckerzeugnissen der edlen Art, bloß noch im Biervertrieb Anwendung. Theater und Museen hingegen, jedenfalls in ihrer europäischen und da zumal ihrer deutschen Gestalt, entstammen dem vorbürgerlichen Zeitalter. Unsere Stadt- und Staatsbühnen entstanden aus den Hoftheatern des Feudalabsolutismus, so wie die Museen auf die fürstlichen Raritätenkabinette des Renaissance- und Barockzeitalters zurückgehen. Die offiziellen Bezeichnungen wechselten mit den gesellschaftlichen Verhältnissen, Struktur und Ökonomie bleiben unverändert. Weiterhin zahlen die Schatullen der Obrigkeit. Da nun Deutschland eine besonders fürstenreiche Region war, mit dem dies bezeichnenden Namen Duodezabsolutismus, besaß es auch besonders viele Hofbühnen und Schatzkammern.

Ihr Erbe verwalten wir heute. Die, was die Anzahl betrifft, besonders reichhaltige Bühnenlandschaft der Bundesrepublik verdankt sich einer politisch höchst unguten Vergangenheit. Die ständischen Organisationen des Bühnenvolks werden gleichwohl nicht müde, dies alles zu rühmen, und als die öffentlichen Hände noch etwas zu verteilen hatten, tat man sich auf solchen Luxus viel zugute. Er verlieh einer jeweiligen Kommune die spezielle Duftnote und ließ sich auch touristisch ausbeuten.

Die öffentlichen Hände sind inzwischen leer. Der Rotstift bedroht auch den Kulturbetrieb. Zuschüsse müssen vermindert oder gestrichen werden, Theater müssen schließen, und laut ertönt jedes Mal das Wehgeschrei. Nun tun auch mir die Schauspieler Leid, die aus einem festen Engagement auf den freien Markt geworfen werden, wo schon sich so viele beschäftigungslose Schauspieler drängen, die niemandem Leid tun. Zugleich bin ich nicht sicher, ob ein Shakespeare in Trier und ein Tschechow in Greifswald, nur als Beispiel, jene darstellerischen Qualitäten erlangen, die man bei Autoren dieses Ranges erwarten darf. Wer sich an vergleichbaren Etablissements umgetan hat, muss zugeben: eher nicht.

Es lässt sich schlechterdings nicht mehr vermitteln, wieso in diesen lausigen Zeiten ein Teil des Kulturbetriebs weiterhin den selbstverständlichen Schutz staatlicher Alimentierung genießt, wogegen ein anderer den rauen Winden des freien Marktes ausgesetzt bleibt. Andere Länder verfuhren mit den durch die bürgerliche Revolution geschaffenen Zuständen in Sachen Kunst sehr viel konsequenter, ohne dass es zu der für diesen Fall hierzulande perhorreszierten Kulturwüste führte.

Nehmen wir England. Es verfügt über eine erstklassige Bühnenlandschaft mit erstklassigen Schauspielern, erstklassigen Regisseuren und einer attraktiven zeitgenössischen Dramatik. Die Mehrzahl der britischen Theater wird privatwirtschaftlich betrieben. Freilich gibt es mit Covent Garden, National Theatre und Royal Shakespeare Company daneben bedeutsame Staatsbühnen, anders als in den USA, wo sämtliche Bühnen, wie auch sämtliche Orchester, Privatunternehmen sind. Man kann an den Bühnen von New York City viel Schrott erleben, aber ebenso hochexquisite Produktionen. Von Kunstödnis jedenfalls kann selbst hier keine Rede sein.

Wie aber steht es in Berlin, das drei große Opernhäuser mit Produktionen von meist mäßigem Niveau bei Platzauslastungen um die 50 Prozent unterhält? Kein Politiker mag die notwendigen Schritte wagen. Die Schließung des Schillertheaters vor etlichen Jahren hatte ein solches Erdbeben erzeugt und den Namen des dafür verantwortlichen Senators so nachhaltig besudelt, dass keiner seiner Nachfolger und schon gar nicht der gegenwärtige auf solche Lösungen einschwenken mag. Lieber feuert man massenhaft Universitätspersonal und wiederholt ansonsten die Jeremiade von der Reformunfähigkeit der bundesdeutschen Gesellschaft.

Rolf Schneider: Stammt aus Chemnitz. Er war Redakteur der kulturpolitischen Monatszeitschrift Aufbau in Berlin (Ost) und wurde dann freier Schriftsteller. Wegen 'groben Verstoßes gegen das Statut' wurde er im Juni 1979 aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen, nachdem er unter anderem zuvor mit elf Schriftstellerkollegen in einer Resolution gegen die Zwangsausbürgerung Wolf Biermanns protestiert hatte. Veröffentlichungen u.a. 'November', 'Volk ohne Trauer' und 'Die Sprache des Geldes'. Rolf Schneider schreibt gegenwärtig für eine Reihe angesehener Zeitungen und äußert sich insbesondere zu kultur- und gesellschaftspolitischen Themen.
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