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Sonntag • 12:10
9.11.2003
Der richtige Feiertag ?
Von Cora Stephan

Cora Stephan (Bild: Sven Paustian)
Cora Stephan (Bild: Sven Paustian)
Was sei der Deutschen Feiertag? Der 3. Oktober oder der 9. November?

Nun, der 3. Oktober ist seit seiner Einführung ein Tag, den man hinnimmt - vornehmlich als willkommene Freizeit, jedenfalls bei Schulkindern, Einzelhandel und Festangestellten. Insofern hat das Datum unzählig viele Vorzüge: es fällt kaum auf, inspiriert nicht zu patriotischem Überschwang, ist so steril, wie wir im Westen Deutschlands uns gewohnheitsmäßig zu Dingen von nationalem Belang verhalten, unterscheidet sich insgesamt also nur vorteilhaft von den blutrünstigen Feiern einiger unserer Nachbarn.

Nehmen wir den 14. Juli, den Tag des Sturms auf die Bastille, den die Franzosen feiern. Damit ist der Beginn der Französischen Revolution bezeichnet, eine Angelegenheit von gut 12 Jahren, in der man die Hinrichtung am Fließband mithilfe der Guillotine erfand, die also in Strömen von Blut mündete und endlich mit dem Diktator Napoleon Bonaparte eine weitere nachhaltige Revolution entfachte: den Übergang von einer gemäßigten Kriegführung zum Siegeszug der Massenarmeen, ebenfalls Blutbad inklusive.

Ganz zu schweigen vom 7. November, dem Tag der Oktoberrevolution in Russland, dem Beginn eines sozialen Experiments, das auch recht kostspielig war, um es vorsichtig auszudrücken. Zu beneiden wären höchstens die Briten. Mit dem Geburtstag der Queen wird eine Institution geehrt: die Monarchie in ihrer theatralischen und versöhnenden Rolle.

Freuen wir uns also über den 3. Oktober, dieses Datum, an dem nationalgeschichtlich gesehen nichts Schändlicheres passiert ist, als dass an diesem Tag im Jahre 1866 das Königreich Hannover von Preußen annektiert wurde, ein guter Schritt also zur nationalstaatlichen Einigung Deutschlands. Freuen wir uns über einen Nationalfeiertag, der uns nichts abverlangt. Kein Fähnchenschwenken, keine Geschichtsvergessenheit, keine gedanklichen oder seelischen Herausforderungen.

Denn das ist ja der Grund, warum den Regierenden der 9. November nicht geeignet schien, der Tag, an dem 1989 die Mauer sich öffnete und der Kalte Krieg zu enden begann, einen Tag, den wir verbinden mit dem Zusammenbruch der DDR und der Aufhebung der Teilung Deutschlands. Denn der 9. November - das ist auch der Tag eines antijüdischen Pogroms, das man zu Nazizeiten 'Reichskristallnacht' taufte, als ob 1938 nur Fensterscheiben und Haushaltsgeschirr zu Bruch gegangen wären. Es ist der Tag eines jämmerlich missglückten Putsches, mit dem Adolf Hitler schon 1923 an die Macht marschieren wollte.

Und es ist der Tag einer versäumten Chance. Am 9. November 1918 ruft der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann in der Hauptstadt Berlin die Republik aus - jene Weimarer Republik, die damals von links wie rechts niemand mochte und deren Gelingen man sich im Nachhinein so leidenschaftlich wünschen möchte. Was hätte der Erfolg der schon nach 15 Jahren untergegangenen Republik für einen Grund gegeben, fürderhin an jedem 9. November die Korken knallen zu lassen! Die Kriegsniederlage wäre vergessen; und mit ein bisschen theatralischem Talent wäre es den Deutschen mindestens so gut gelungen wie den Franzosen mit ihrem Nationalfeiertag, über die kleinen Nachteile und die nicht unerheblichen Kosten an Menschenleben des republikanischen Beginns hinwegzutäuschen.

Doch erst 71 Jahre später kommt der Tag, an dem man uneingeschränkt jubeln konnte, sofern man nicht mit der untergehenden DDR Macht und Pfründe verlor. Mit dem Fall der Mauer endet die Nachkriegszeit und die Quarantäne zweier deutscher Staatengebilde in einem merkwürdig geschichtslosen Raum. Der Untergang der Sowjetunion und das Ende des Kalten Kriegs entlarven die überkommenen Geschichtsbilder als ebenso viele Legenden, mannigfache seelische und politische Blockaden beginnen sich zu lösen, die Welt ist wieder in Bewegung geraten.

Was für ein Tag, um zu jubeln und zu trauern zugleich. Was für ein Tag, um über Verluste und Gewinne der Genesis der europäischen Nationalstaaten nachzudenken, die Toten zu betrauern und sich leidenschaftlich zu wünschen, dass die Zeit nationaler und anderer Erdbeben für immer vorbei sein möge. Was für ein Tag, um das Neue Deutschland zu begrüßen - ein Anlass, weit mehr geeignet als, sagen wir mal: der Sturm auf die Bastille. Aber skrupulös, wie wir hierzulande sind, feiern wir lieber gar nicht, statt uns nachsagen zu lassen, wir hätten auch nur eine dunkle Seite der deutschen Geschichte verdrängt. Und insofern ist der 3. Oktober ganz der richtige Tag. Zum Ausspannen.

Cora Stephan: Die Frankfurter Publizistin und Buchautorin Cora Stephan, Jahrgang 1951, ist promovierte Politikwissenschaftlerin. Von 1976 bis 1984 war sie Lehrbeauftragte an der Johann Wolfgang von Goethe Universität und Kulturredakteurin beim Hessischen Rundfunk. Von 1985 bis 1987 arbeitete sie im Bonner Büro des 'Spiegel'. Zuletzt veröffentlichte sie 'Der Betroffenheitskult. Eine politische Sittengeschichte', 'Die neue Etikette' und 'Das Handwerk des Krieges'.
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