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Sonntag • 12:10
23.11.2003
Die Grenzen der Gerechtigkeit
Von Wolfgang Sofsky

 Wolfgang Sofsky (Bild: privat)
Wolfgang Sofsky (Bild: privat)
Nichts erzürnt Menschen mehr als eine Ungerechtigkeit. Wut und Empörung erfasst sie, wenn sie sich verletzt, verachtet oder verraten fühlen. Sie sehen sich um ihre Ansprüche betrogen, ihres Eigentums beraubt, um ihre Ehre gebracht. Gift und Galle möchten sie verspritzen; alle Welt soll erfahren, was ihnen angetan wurde. Tief bohrt sich erlittenes Unrecht in die Seele ein. Es ist nicht zu vergessen, es ist nur zu vergelten.

Die Anlässe sind zahllos. Denn das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, kann sich schon einstellen, wenn man sich zurückgesetzt fühlt oder irgendwelche Wünsche unerfüllt bleiben. Da Bedürfnisse unendlich wachsen können, sind auch die Enttäuschungen grenzenlos. Empörung ist eine Leidenschaft, und nicht selten paart sich berechtigter Unmut mit Missgunst und Schadenfreude. Neid entsteht angesichts fremden Wohlergehens, Schadenfreude ergötzt sich am Unglück anderer. So hält sich die Seele schadlos für grobe Unbilligkeit.

'Ungerechtigkeit' dient heutzutage als Kampfparole im politischen Verteilungskonflikt. Sonderinteressen gewinnen sogleich einen Legitimitätsbonus, wenn man sie mit moralischem Anspruch versieht. Nicht wenige fordern Gerechtigkeit und meinen Versorgung durch die Obrigkeit. Doch besagt zuletzt weder das Gefühl der Ungerechtigkeit noch dessen lautstarke Bekundung, ob eine Benachteiligung wirklich vorliegt. Umgekehrt gilt freilich ebenso: Klagen über soziales Unrecht als Neidkampagne zu diffamieren, soll nur die Tatsache übertünchen, dass es an gesellschaftlicher Fairness tatsächlich mangelt.

Gerechtigkeit herrscht dann, wenn jeder nur nach dem verlangt, was ihm zusteht, und wenn er wirklich erhält, worauf er ein Anrecht hat. Dies kann jammervoll wenig sein, weniger als er braucht und weniger als er haben will. Anrechte gründen nicht auf Bedürfnissen oder Bedürftigkeit, sondern auf Verdienst und Leistung. Armut verpflichtet nicht zum Ausgleich einer Schuld, sondern zu Gaben der Wohltätigkeit. Nothilfe ist keine Frage von Gerechtigkeit, sondern von Solidarität. Um Brüderlichkeit kann man bitten, Anrechte hingegen kann man einfordern. Gegen Unrecht kann man sich empören, über fehlende Hilfe kann man nur enttäuscht sein. Gerechtigkeit fordert, Gleiches gleich zu behandeln und Ungleiches ungleich. Solidarität indes heißt: 'Einer für alle und alle für einen'. Sie fordert, in Not und Gefahr füreinander einzustehen.

Gerechtigkeit nimmt ihren Anfang nicht in der Verteilung oder gar Umverteilung von Gütern, sondern im sozialen Tausch. Sie ist ein Verhältnis gegenseitiger Schuld. Ihr Prinzip ist die soziale Vergeltung. Sie sichert die Begleichung offener Rechnungen. Für seine Untat bekommt der Verbrecher die verdiente Strafe. Für die gleiche Arbeit erhält jeder den gleichen Lohn, für die gleiche Prämie die gleiche Versicherungsleistung. Nicht der Staat ist der Ort der Gerechtigkeit, sondern die Gesellschaft. Der Staat taugt zum Rechtsschutz der Bürger, aber nicht zum Hüter der Gerechtigkeit, geschweige denn der Solidarität. Bürokratien pflegen zuerst sich selbst zu versorgen, ihre Magazine aufzufüllen und ihre Aufgaben auszuweiten. Sozialpolitische Gerechtigkeit indes bemisst sich daran, ob die Bürger für ihre Steuerzahlungen überhaupt mit gleichwertigen politischen Leistungen entschädigt werden.
Der moderne Sozialstaat hat die Grenzen zwischen Gerechtigkeit und Solidarität verwischt. Fürsorge wurde in ein Anrecht, Bedürftigkeit zum Rechtsgrund erhoben. Wohlfahrt sollte nicht länger mit dankbarem Wohlverhalten erkauft werden. Doch halten nun viele für Unrecht, was in Wahrheit mangelnde Solidarität ist. Die Umstellung der Krankenversicherung vom Hilfs- auf das Äquivalenzprinzip ist fair, aber nicht solidarisch, solange die Abgabe nicht nach dem Einkommen bemessen wird. Einige der aktuellen Reformen erhöhen zwar die gesellschaftliche Fairness, aber sie widersprechen dem Gebot der Solidarität. Gerechtigkeit ist immer preiswerter als Nächstenliebe. Der Gegenleistung geht stets eine Einzahlung voraus.

Dass Macht, Eigentum und Lebenschancen ungleich verteilt sind, liegt in der Struktur des Kapitalismus. Doch für Missmut sorgen vor allem die Ungerechtigkeiten des Alltags. Der Habgier der Menschen und Institutionen sind kaum Grenzen gesetzt. Trittbrettfahrer des Sozialsystems strapazieren den Langmut der Beitragszahler. Ein Manager wird mit Millionen abgefunden, seine langjährige Sekretärin hingegen ist nach ein paar Monaten zum "Sozialhilfefall" degradiert. Es grenzt an staatlich verordnete Ausbeutung, über ein halbes Arbeitsjahr für die Finanzierung von Einrichtungen aufzuwenden, von denen - wie im Falle der Rentenkasse und vieler Behörden - niemals eine Gegenleistung zu erwarten ist.

Das Prinzip der Vergeltung begründet Pflichten der ausgleichenden Gerechtigkeit. Es ist recht und billig, wenn die Opfer von Verbrechen eine angemessene Entschädigung oder Wiedergutmachung erhalten. Es ist ein Gebot der Fairness, wenn die Generationen gegenseitig ihre Schulden abtragen. Wie die Eltern ihren Kindern Hilfe bis zur Selbständigkeit schulden, so sind die Kinder zu Beistand verpflichtet, sobald ihre Eltern die Selbständigkeit verlieren.

Gleichwohl ist eine gerechte Gesellschaft eine kalte Welt. Ohne Ansehen der Person wird das Urteil gefällt, unparteiisch, nach dem Buchstaben des Gesetzes. Nicht nach seinen Fähigkeiten oder Bedürfnissen wird der Mensch behandelt, sondern nach seinem Verdienst. Niemand übervorteilt den anderen, jeder begleicht rechtzeitig seine Schulden. Der Gerechte erleidet lieber Unrecht als es zu verüben, zur eigenen Selbstachtung und zur Achtung derjenigen, an denen ihm liegt. Aber viele bleiben auf der Strecke und leben unbeachtet am Rande. Sie können nur existieren, solange sie die Hilfe erhalten, die sie benötigen. Die Versorgung der Armen kann nur auf Kosten der Begüterten geschehen. Jenseits der Gerechtigkeit gelten andere Grundsätze der Sozialmoral. Güte und Wohltätigkeit fragen nicht danach, was der Bedürftige an Leistung erbracht hat oder was von ihm noch zu erwarten ist. Brüderlichkeit gibt etwas - für nichts.

Wolfgang Sofsky: Jahrgang 1952, ist freier Autor und Professor für Soziologie. Er lehrte an den Universitäten Göttingen und Erfurt. 1993 wurde er mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet. Er publizierte u.a.: 'Die Ordnung des Terrors. Das Konzentrationslager' (1993), 'Figurationen sozialer Macht. Autorität - Stellvertretung - Koalition' (mit Rainer Paris, 1994) und 'Traktat über die Gewalt' (1996). 2002 erschien 'Zeiten des Schreckens. Amok, Terror, Krieg', und zuletzt der Band 'Operation Freiheit. Der Krieg im Irak'
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