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Signale • Gedanken zur Zeit
Sonntag • 12:10
30.11.2003
Darf ich bitten?
Zum Stand der Emanzipation
Von Eva Demski

Lang nicht mehr gehört, das E-Wort. Emanzipation. Heißt das, man braucht nicht mehr drüber zu reden? Ziel erreicht? Allerdings hat Lenin einst geschrieben, der Staat müsse trachten, sich selbst abzuschaffen, also wegen erreichten Glücks und Erfolgs der Gesamtmenschheit überflüssig zu werden: Was dabei dann rausgekommen ist, wissen wir.

Also nochmal: Hat sich die Emanzipation wegen totaler Verwirklichung selbst erledigt? Dafür spräche: Mehr weibliche als männliche Abiturienten und Studenten (also dieses blöde -Innen mit dem großen I in der Mitte lassen wir jetzt mal weg, brauchen wir hoffentlich nicht mehr, ebenso wenig wie das törichte und etymologisch bescheuerte klein frau statt man und Klapsigkeiten wie "das walte Göttin" - die ganze Emanzipationsfolklore kann doch auf den Sperrmüll) - kann sie? In den Ingenieurwissenschaften holen die Frauen auf, ist zu hören.

Ein bisschen weniger Grund zur Euphorie gibt der Blick auf Frauen in leitenden Positionen, dieser Blick wird in regelmäßigen Abständen geworfen und nach ihm pflegt man bekümmert festzustellen, dass es damit noch nicht so weit ist, wie man gern hätte.

Allerdings darf nicht verschwiegen werden, dass Frauen, die zu Macht gekommen sind und nicht danach aussehen, als wollten sie diese in bewährte männliche Hände zurückreichen, einiges auszustehen haben. Dafür gibt es in jüngster Zeit erstaunliche Beispiele, ob in Verlagen, Medienkonzernen oder anderen Industrieunternehmen. Ich kann mich nicht erinnern, dass Aussehen oder gelernter Beruf bei männlichen Nachfolgern oder Erben jemals eine so heftige Rolle gespielt hätten.

Also Ziel doch nicht erreicht? Es scheint, als würden die Ziele weiblichen Seins mal wieder ein bisschen anders gesteckt. Die FAZ beschwichtigt zwar und schreibt, so schlimm sei jene Sendung im TV nun auch wieder nicht, man möge sie nicht überbewerten. Die genannte Sendung heißt Der Bachelor und geht um einen Mann, der unter mehr als zwei Dutzend Mädels auswählen kann. Die stehen alle höchst aufgezurrt und einen tagelangen Aufenthalt beim Stylisten ausstrahlend - sonst allerdings strahlen sie nichts aus - in der Dekoration herum und dann sagt der Jüngling fünfzehnmal, Vanessa (oder ähnliche Namen) darf ich dir diese Rose überreichen? Und dann errötet die Auserwählte wahrscheinlich unter ihrem ganzen Zeug auf dem Gesicht, sehen kann man das ja nicht, und bedankt sich und ist offenbar gottfroh, dass sie nicht sitzen gelassen worden ist wie die, die hinter ihr rumsteht und grantig schaut. Und so was geht, tatsächlich. Es geht im dritten Jahrtausend, und keine von den Barbies sagt "Ihr könnt mich mal" oder lacht sich schlapp oder wirft dem Typen die blöde Rose an den Kopf - und ich schwöre, keine von den Müttern dieser Mädels hat gesagt, eh ich dich da hinlasse, ersäufe ich dich lieber!

Man kann jetzt natürlich einwenden, dass wir ein freies Land seien und jeder auf seine Weise kindisch und zurückgeblieben sein darf, vor allem, wenn es Quote bringt. Ist ja wahr, es gibt dafür tausend Beispiele, gegen die schon keiner mehr was zu sagen wagt, denn die Infantilität scheint mittlerweile zum Staatsziel erklärt zu sein. Gesellschaftliche Gruppen stampfen mit den Füßen auf, anstatt zu argumentieren, das Ich-Ich-Ich-Plärren steht an der Spitze der Sellerlisten, und ein gescheiter Kollege nannte neulich Fitness-Studios "Sandkisten ohne Sand".

Zurück zu dieser Veranstaltung, bei der man über das Selbstbild junger Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts schon gewaltig ins Grübeln kommen kann. Gegen diese Erfindung ist wahrscheinlich eine Tanzstunde des Jahres 1950 eine revolutionäre Angelegenheit gewesen. Sich hübsch machen und warten, dass einem Männchen das auffällt - gegen das erste ist ja nichts einzuwenden, und die öffentlich verbrannten Büstenhalter gehören einer Steinzeitperiode weiblicher Ichfindung an. Aber das aufs Männchen warten öffentlich und im Übrigen stinklangweilig im Fernsehen zelebriert zu sehen, ist schon bitter. Die zementierte Infantilität hat noch eine andere bedenkliche Seite: Wie soll man einem weiblichen Wesen von zehn Jahren begreiflich machen, dass die Mühen der Ebene beim Französisch-, Mathe- und Chemielernen sich nicht nur lohnen, sondern irgendwann auch Spaß machen, jenen Verstandesspaß, der nicht mit der ersten Falte dahinschwindet? Wenn das Kind doch von allen Seiten bewiesen bekommt, dass der entschlossene Einsatz von Makeup, Pushup und durchlöchertem nackten Bauch viel sicherer zu Erfolg und Wohlstand führt? Nein, ich plädiere jetzt nicht für eine neue show, in der das Superhirn gesucht wird und Menschen unter den Augen von Kameras hundertzwanzig Stunden in einem Universitätsseminar eingesperrt werden. Ich möchte auch nicht, dass eine dreizehnjährige Turandot unter mehr als zwei Dutzend Jünglingen die Auswahl kriegt und statt Rosen Federhalter verteilt. Darum geht's nicht! Sondern einfach um die Rettung des Erwachsenseins. Denn sie müssen einem doch leid tun, dies Barbies! Eines Tages werden sie sich schrecklich mit sich langweilen. Und andere, das ist sicher, werden von ihnen gelangweilt werden. Barbie ist nur in Plastik haltbar. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Eva Demski: 1944 in Regensburg geboren, studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie. Sie arbeitete zunächst am Theater und als freie Lektorin und Übersetzerin, später für Kultursendungen in Hörfunk und Fernsehen sowie für verschiedene Zeitschriften. Nebenbei entstanden zahlreiche Fernsehfilme und Essays. Ihr Romandebüt gab Eva Demski 1979 mit 'Goldkind'. Zuletzt erschienen der Roman 'Das Narrenhaus' und 'Zettelchens Traum'. Die mit mehreren Preisen ausgezeichnete Autorin lebt in Frankfurt am Main.
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