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7.12.2003
Antisemitismus und Islamophobie
Von Richard Herzinger

In Europa leben rund 25 Millionen Muslime. Längst sind sie zu einem untrennbaren Bestandteil europäischer Gesellschaften geworden. Das bedeutet aber auch: was in den islamischen Gemeinden vor sich geht, ist, im Guten wie im Bösen, nicht nur Angelegenheit der Muslime selbst. Es ist eine Sache der gesamten demokratischen Öffentlichkeit, die sich damit ebenso auseinander setzen muss wie mit den Problemen aller anderen Gruppen der Gesellschaft. Das heißt aber auch, dass Denken und Handeln von Muslimen ebenso öffentlicher Kritik unterliegen wie das aller anderen Bürger.

Noch immer aber wird der Islam in Europa vielfach als etwas Exotisches wahrgenommen, das nicht wirklich zu uns gehört. Zurecht haben antirassistische Gruppen und Institutionen wie das von der EU finanzierte, in Wien ansässige "European Monotoring Center on Racism an Xenophobia", kurz EUMC, immer wieder vor antiislamischen Vorurteilen gewarnt. Was aber heißt "antiislamisch"? Antiislamisch ist eine Haltung dann, wenn sie "die Muslime" als ein geschlossenes Kollektiv hinstellt und als solches ablehnt.

Nun aber hat eben dieses EUMC eine von ihm in Auftrag gegebene Studie des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung mit der Begründung zurückgehalten, sie könnte, in dieser Form veröffentlicht, "Islamophobie" fördern. Warum das? Die Studie, die inzwischen im Internet zu lesen ist, belegt gewissenhaft und ohne jeden alarmistischen Zungenschlag, dass antijüdische Gewaltakte in Europa in wachsendem Umfang nicht nur von "angestammten" Rechtsextremisten, sondern auch von - zumeist jugendlichen - radikalen Islamisten begangen werden. Mehr noch, die Studie macht deutlich, dass dieser islamistische Judenhass keineswegs bloß eine Reaktion auf die israelische Besatzungspolitik in Palästina ist, sondern auf einer festgefügten antisemitischen Weltanschauung gründet.

Vor dieser beunruhigenden Wahrheit aber glaubte das Wiener EU-Institut die europäischen Muslime beschützen zu müssen. Doch eine solche paternalistische Haltung reproduziert in ihrer hehren antirassistischen Absicht genau jene Geringschätzung für die muslimischen Europäer, die sie bei den Islamphobikern bekämpft. Diese Haltung lässt Muslime flugs wieder als eine homogene religiöse oder kulturelle Gruppe erscheinen. Sie suggeriert, weil Muslime oft Opfer von Diskriminierung werden, dürften sie nie anders denn als Opfer betrachtet werden. Als gäbe es nicht zahlreiche Bürger muslimischer Herkunft, die sich vor den fundamentalistischen Fanatikern und ihrem wachsenden Einfluss in islamischen Gemeinden mindestens ebenso fürchten wie Nicht-Muslime! Wer glaubt, bei der Bekämpfung rassistischer und totalitärer Ideologien müsse man schonender vorgehen, wenn diese ihre mörderischen Wahnvorstellungen aus dem Islam ableiten, erweckt den Eindruck, diese Selbstlegitimation bestehe in irgendeiner Weise zu Recht. Das aber diskreditiert die islamische Religion und Kultur, schottet sie in einer vermeintlich unantastbaren Besonderheit ab, statt ihr zu Anerkennung als ein normales Element in der pluralistischen Gesellschaft zu verhelfen.

Nun ist allein schon die Vorstellung, die Islamophobie in Europa könne ausgerechnet durch Enthüllungen über den islamistisch motivierten Antisemitismus angestachelt werden, ziemlich abwegig. Die schlimmsten Islamphobiker, die Rechtsradikalen, sind ja selbst eingefleischte Antisemiten. Beängstigend ist doch vielmehr, dass sie sich in diesem Punkt mit extremen Islamisten treffen und partiell auch praktisch verbünden. Wer die antisemitische Gefahr von islamistischer Seite schön redet, spielt zugleich auch die rassistische Gefahr von rechts herunter. Die Sache wird dadurch nicht besser, sondern noch schlimmer, dass die islamistischen Netzwerke, wenn es gegen Israel, Amerika und die "Globalisierung" geht, auch mit Linksextremisten gemeinsame Sache machen.

Es ist höchste Zeit, dass die demokratische Öffentlichkeit in Europa den militanten islamistischen Antisemitismus ernst nimmt und aufhört, aus falsch verstandener religiöser oder kultureller Toleranz wegzuschauen, wenn sich extremistische Ideologien unter frommer Terminologie tarnen und in religiösen und kulturellen Einrichtungen einnisten. Denn nur wenn sie diese Extremisten ebenso ernst nimmt wie alle anderen auch, beweist sie, dass sie Muslime als gleichwertige Bürger ernst nimmt. Nur wenn der Staat und die demokratische Gesellschaft einen scharfen Trennungsstrich zu antihumanen Bewegungen ziehen, helfen sie auch den Kräften in den islamischen Gemeinden, die sich gegen ihre schleichende Majorisierung durch radikale Agitatoren zur Wehr zu setzen wollen.

Dies kann freilich nicht nur durch polizeiliche Maßnahmen, sondern muss durch eine offensive gesellschaftliche Auseinandersetzung geschehen. Hier aber liegt das zentrale Problem. Wer kann schon arabischen Predigten folgen, die Muslime in Europa in Moscheen hören, die arabischen und türkischen Bücher und Zeitungen verstehen, die Muslime in Europa täglich lesen? Wer kann die religiös verschlüsselte Metaphorik entziffern, der sich extremistische Gruppen bedienen? Nicht nur der Verfassungsschutz, auch die politische Klasse und die Medien müssten über viel mehr Experten verfügen, die mit der Alltagsrealität der Muslime vertraut sind und über sie berichten. Damit fängt Integration an: Dass die demokratische Gesellschaft von sich aus den Schleier kultureller Absonderung durchdringt und an den Problemen ihrer muslimischen Bevölkerung aktiven, und das heißt auch: streitbaren Anteil nimmt.

Richard Herzinger, Jahrgang 1955, ist Redakteur der Wochenzeitung DIE ZEIT. Er hatte zuvor für das Blatt als freier Autor gearbeitet, aber auch u.a. für die 'Neue Zürcher Zeitung' und den 'Merkur' geschrieben. Seine letzten Buchveröffentlichungen: 'Endzeit-Propheten oder 'Die Offensive der Antiwestler' (zus. mit Hannes Stein), 'Die Tyrannei des Gemeinsinns - ein Bekenntnis zur egoistischen Gesellschaft' und 'Republik ohne Mitte'.
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