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14.12.2003
Die Wissenschaften und die Frage nach dem "Sinn des Lebens"
Von Josef Schmid

Es war schmeichelhaft vom Philosophen Karl Popper, uns alle zu Philosophen zu erklären: wer über den Sinn des Lebens nachdenkt, sagt er -und wer von uns täte das nicht - bewege sich schon in Philosophien.

Poppers Wiener Zeitgenosse, der Psychologe Alfred Adler, wird deutlicher hierzu:
"Verstünden wir den Sinn des Lebens, so wäre der zielbewusste Aufschwung des Menschen-geschlechtes nicht mehr aufzuhalten. Wir hätten ein gemeinsames Ziel, und alle würden ihre gesamte Kraft in den Dienst der Aufgabe stellen, diesen Sinn zu erfüllen. "

Doch Immanuel Kant hat uns den Gesprächsfaden mitgegeben, an Hand dessen wir den Lebensnöten schon näher kommen. Philosophie wäre das eine, sagt er, die nützlichen Wissenschaften wären das andere; und ohne sie, nämlich Jurisprudenz, das Studium der Natur und Medizin könnte der Mensch nicht leben. So gibt es einen "Streit der Fakultäten" darüber, was denn das Wichtigere wäre: die Kunst des Sinnierens über Gott, Mensch und Welt oder das lebensdienliche, lebensnotwendige Wissen. Dieser Streit zieht sich durch die Geistesgeschichte und dringt in die Brust des Einzelnen, in der fortan zwei Seelen wohnen.
Die Steigerung der Kapazitäten, Fortschritt genannt, ist zur Existenzbedingung geworden und hält uns in Atem. Die Frage nach einer Welt hinter den Dingen, einer Metaphysik, scheint deplaziert. Da ist es folgerichtig zu sagen, wir leben in einem "nach-metaphysischen Zeitalter": Aufklärung und steter Wissenszuwachs bringen die letzten unbekannten Räume zum Verschwinden, allen Geheimnissen der Natur sind wir auf der Spur, den Geheimnissen des entstehenden Lebens ebenso.

Nach neuzeitlichem Wissenschaftsverständnis liegen Sinnfragen, wie solche nach dem Sinn des Lebens, weitab von dem, was Wissenschaft als ihr eigenes Gebiet erkennt und beansprucht. Wissenschaft hat es zu tun mit Gegenstand, Tatsache und Ereignis - alle drei müssen klar bestimmbar sein.

Doch Sinnfragen können nicht in messbare Gegenstände verwandelt werden. Sie stammen von einem anderen Stern. Nur über das Ausscheiden von Fragen nach Gott, dem Weltenplan, dem Sinn des Lebens war es uns möglich, uns ganz darauf zu konzentrieren, was das Leben erleichtert und verlängert.

Man sagt, dass alles, was den Menschen der Moderne umgibt, von ihm selber stammt: Der Zivilisationsprozess hat dem Menschen eine Zweite Natur beschert, die er nicht mehr entbehren kann.

Es kennzeichnet Europa, Trennungen vorgenommen zu haben: Erklärende, zerlegende Wissenschaft von Sinnfragen, Staat von Kirche, Natur von Kultur, technische Effizienz von der Frage "Wer bin ich?"

Wir kennen einen Kampf der Kulturen, den wir nicht in weiter Ferne suchen müssen. In unserer Kultur der zivilisatorischen Nüchternheit, des geregelten Verkehrs, der informatisierten Steuerung meldet sich bei Zeiten die Erste Natur des Menschen zurück. Mitten in endlosen Wahrscheinlichkeitsrechnungen, die mit dem so genannten Faktor Mensch nicht fertig werden, tauchen Sinnfragen auf: es sind Fragen, die mit der Endlichkeit menschlichen Daseins zu tun haben und der Wertung menschlichen Tun und Lassens, jenseits seiner Zwecke.

Die Erste, keineswegs verschüttete Menschennatur fragt nach Weltbildern und Ganzheiten, die sich nicht in Gegenstände der Wissenschaft umschreiben lassen. Es gehört zum Wesen des Menschen, dass ihn das entschlüsselte Innenleben der Dinge auf Dauer nicht befriedigt und noch weniger beruhigt. Die qualvollen Debatten über den Umgang mit biologischem Erbgut sind nur die Spitze eines Eisbergs an Verlangen nach Transzendenz, das mit menschlicher Neugierde nicht zu fassen ist.
Hätten wir anstatt Geistesgeschichte einmal Gemütsgeschichte zu schreiben, dann würden wir ein Auf und Ab, mal der Wissenschaft, mal der philosophischen Gegenbewegung feststellen. Jede Phase wäre als Flucht vor den Unzulänglichkeiten der jeweiIs anderen zu deuten. Voll umgeben von Aufklärung schreibt Christoph Martin Wieland: "Ein Wahn, der mich beglückt, ist mir die Wahrheit wert, die mich zu
Und Gottfried Benn will ein Zurück, wo's kein Zurück mehr gibt:
"... noch einmal ein Vermuten,
wo längst Gewissheit wacht."


Man musste auf den großen Soziologen Max Weber warten, bis jemand wagte, nüchterne, Wissenschaft und Leidenschaft zu vereinen, Wissenschaft Lebenssinn einzuhauchen: "Nichts ist für den Menschen als Mensch etwas wert, was er nicht mit Leidenschaft tun kann", sagt er in einer seiner berühmten Reden. Aber wie soll man Unvollständiges, Vorläufiges, bald Überholtes, was wissenschaftliche Ergebnisse nun mal sind, mit Leidenschaft hervorbringen? Wer es nicht kann, so Max Weber, hat keinen Beruf zur Wissenschaft und tue etwas anderes. Die Übrigen aber stehen bald vor einem "Sinnproblem": Die Auflösung von Lebensrätseln in Ursache und Wirkung, in berechnete Dinge schafft eine Welt der wahren Enttäuschungen, gegen die das Gemüt rebelliert.
Der Sinn des Wissenschaftlerlebens bestehe in der Kühnheit, die entschleiernde, banalisierende Zivilisation anzunehmen, den Kräften der Entzauberung in Arbeit und Alltag gewachsen zu sein: "Denn Schwäche ist es" - so Max Weber - "dem Schicksal der Zeit nicht in sein ernstes Antlitz blicken zu können."

Die Frage nach dem Sinn des Lebens darf nicht sterben. Sie entfacht den heilsamen Streit der Fakultäten aufs Neu; sie zwingt dazu, haltlose Weltbilder und wirkungslose Beschränkungen auf den Prüfstand des Menschengemäßen zu legen.


Josef Schmid: Geboren 1937 in Linz/Donau, Österreich, zählt zu den profiliertesten deutschen Wissenschaftlern auf seinem Gebiet. Er studierte Betriebs- und Volkswirtschaft sowie Soziologie, Philosophie und Psychologie. Seit 1990 ist Schmid Inhaber des Lehrstuhls für Bevölkerungswissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Seine Hauptthemen: Bevölkerungsfragen der industrialisierten Welt und der Entwicklungsländer, Kulturelle Evolution und Systemökologie. Schmid ist u.a. Mitglied des Kuratoriums des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, Wiesbaden, Mitglied der International Union for the Scientific Study of Population (USSP) und der European Association für Population Studies (EAPS). Veröffentlichungen: Einführung in die Bevölkerungssoziologie (1976); Bevölkerung und soziale Entwicklung (1984); Das verlorene Gleichgewicht - Eine Kulturökologie der Gegenwart (1992); Bevölkerung - Umwelt - Entwicklung. Eine humanökologische Perspektive (1994); Sozialprognose - Die Belastungen der nachwachsenden Generation (2000). Außerdem zahlreiche Veröffentlichungen in Fachzeitschriften, in der Presse und im Rundfunk.
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