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Sonntag • 12:10
21.12.2003
Im Konsumrausch?
Gedanken zum Fest
Von Cora Stephan

Cora Stephan (Bild: Sven Paustian)
Cora Stephan (Bild: Sven Paustian)
Erinnert man sich noch? Wie frivol das hierzulande erschien, damals, vor zwei Jahren? Als der Bürgermeister der von den Anschlägen des 11. Septembers gründlich erschütterten Stadt New York deren Bürgern einen freien Tag verordnete, damit sie einkaufen gehen konnten? Konsumrausch, bis der Arzt kommt? Shoppen gegen den Terror?
Heute wünscht man sie sich auch hier, jene Animateure des Kapitalismus, die, statt den Bürgern das entgegenzublasen, was die ja sowieso schon denken - nämlich, dass Geiz recht eigentlich geil sei - ihnen das Gegenteil predigen. So etwas wie: Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt, indem wir mit der Nachfrage beginnen, der das Angebot schon folgen wird.

Das wäre mal eine Maßnahme gegen die allfällige Depression, die sich über das Land gelegt hat und gegen die auch eine in letzter Minute unter Dach und Fach gebrachte Steuersenkung nichts mehr hilft, die überdies so halbherzig ist wie sie zu spät kommt. Aber was Wunder: diese Reform haben sich zwei Parteien abgerungen, in denen noch vor wenigen Jahren die penetrantesten Vertreter einer neuen Bescheidenheit das Sagen hatten, die sich von protestantischen Bußpredigern alter Schule nur dadurch unterschieden, dass sie auf die Todsünde der Völlerei als Strafe nicht die Hölle, sondern die globale Klimakatastrophe in Aussicht stellten.
Doch auch dort hat sich herumgesprochen, dass nichts so out ist wie Konsumverzicht - warum? weil nichts so sehr im Trend liegt. Alle klemmen das Portemonnaie zu, und angesichts dessen drückt die Warnung vor Konsumterror und die Aufforderung, zugunsten höherer Werte Verzicht zu üben, lediglich Affirmation ans Bestehende aus, nicht aber jenen Mut zur Abweichung, wie seine Protagonisten es sich vor einigen Jahren noch einbilden konnten, als die Bürger drinnen satt und saturiert vorm Sonntagsbraten saßen, während zornige Asketen draußen ans Elend der Welt erinnerten.
Der Satz "Ich schenke nichts" mag mal zur intellektuellen Grundausstattung schwarzbebrillter und schwarzgekleideter Großstadtbewohner gehört haben, heuer klingt er so charmant und weltoffen wie ein schwäbisch-biederes "Mir kaafe nix". Was daran liegen mag, dass altehrwürdige Begründungszusammenhänge im kalten Wind der Realität davon geweht sind. Wie zum Beispiel: Konsum geht immer auf Kosten der Armen hier und in der Dritten Welt, schadet der Umwelt und verstellt die Zukunft.
Wie man's nimmt.

Die Pragmatiker an der Regierung und in der Bevölkerung wissen natürlich, dass die Sicherheit der Renten und die Stabilität des Sozialstaates an wachsende Produktivität gebunden ist, die wiederum Impulse braucht, die nicht nur aus kräftigen Umsätzen bestehen, sondern auch aus dem weniger handgreiflichen und materiellen Faktum der Gestimmtheit eines ganzen Volks von arbeitenden und konsumierenden Bürgern. Wer Zukunftsangst hat, bewegt sich nicht. Wer sich nicht bewegt, schafft nichts. Wer was verteilen will, muss etwas haben.

Für die Ökologie ist die Parole "Geiz ist geil" gleich ganz falsch. Wer seine Lebensmittel immer nur beim Billigheimer kauft, tut der Umwelt weder heute noch morgen einen Gefallen, er unterstützt damit nur die industrielle Massenproduktion und nicht die einheimischen Produzenten, ganz zu schweigen von den Volkswirtschaften der ärmeren Länder, die den Konsum der Reichen dringend benötigen.

Die Einwände gegen solche hedonistischen Parolen sind bekannt. Man könnte doch, heißt es da immer, statt just zu Weihnachten viel zu viele Kalorien zu sich zu nehmen und die Pisa-Bilanz seiner Kinder durch schlechte Fernsehsendungen und zuviele Süßigkeiten völlig zu ruinieren, spenden! An Brot für die Welt oder eine ähnliche Organisation, die durch große traurige Kinderaugen für sich einnimmt! Nun, selbst unter den traditionell spendenfreudigen Deutschen ist Desillusionierung eingetreten, was die bei allen Banken und Sparkassen möglichen Ablasszahlungen zum Wohle der Ärmsten der Welt betrifft. Sie haben zu oft erlebt, dass Spendenorganisationen einen immer größer werdenden Teil des Gesammelten zu ihrem eigenen parasitären Unterhalt verbrauchen. Schlimmer noch: milde Gaben kommen immer seltener bei denen an, die Not leiden, sondern finanzieren mit weit größerer Wahrscheinlichkeit das gute Leben und den Waffenbedarf der Eliten und herrschenden Klassen, der Stammesfürsten und Terrorbanden. Jedenfalls sind sie selten das, was sie sein sollten: Hilfe zur Selbsthilfe. Was sie im Zweifelsfall mit anderen Almosen verbindet, die in den reichen Ländern nur anders heißen.

Und so bleibt heuer als frohestes Geschenk zum Fest die Befreiung Saddam Husseins aus seinem selbstgewählten Erdloch. Denn als beste Medizin gegen das Elend der Welt gilt nicht der Konsumverzicht der Massen, sondern der Verzicht auf Diktatoren und Bandenchefs. Der erste Schritt ist gemacht.
Und nun, ihr Bürger: gehet hin und kaufet ein.

Cora Stephan: Die Frankfurter Publizistin und Buchautorin Cora Stephan, Jahrgang 1951, ist promovierte Politikwissenschaftlerin. Von 1976 bis 1984 war sie Lehrbeauftragte an der Johann Wolfgang von Goethe Universität und Kulturredakteurin beim Hessischen Rundfunk. Von 1985 bis 1987 arbeitete sie im Bonner Büro des 'Spiegel'. Zuletzt veröffentlichte sie 'Der Betroffenheitskult. Eine politische Sittengeschichte', 'Die neue Etikette' und 'Das Handwerk des Krieges'.
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