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26.12.2003
Anmerkungen zur Toleranz
Von Helga Hirsch

Helga Hirsch (Bild: privat)
Helga Hirsch (Bild: privat)
Die Toleranz des Individuums ist ein erschreckend instabiles Wesen. Ist der Mensch bedrückt und ängstlich, schrumpft sie zusammen und verzieht sich in eine dunkle Ecke. Dann schießen Unmut, Abwehr oder gar Aggression hervor, sobald ein fremder Wille das Individuum herausfordert oder Unbekanntes Ängste auslöst. Fühlt sich der Mensch hingegen souverän und stark, hält er das Fremde ohne große Mühe aus. Es vermag ihn sogar zu faszinieren, zur Auseinandersetzung zu reizen und eine starke Anziehungskraft auszuüben. Toleranz ist eben instabil. Verlassen kann es sich auf sie offensichtlich genauso viel oder genauso wenig wie auf sein Selbstbewusstsein.

Und als Gesellschaft scheinen wir einem ähnlichen Muster zu folgen. Solange wir prosperierten und uns als aufstrebende Nation fühlten, holten wir Fremde ins Land, die wir als willkommene Entlastung empfanden - übernahmen sie doch häufig Aufgaben, von denen wir uns nicht ungern verabschiedeten. Seit Arbeit jedoch knapper und unser Selbstbewusstsein brüchiger wurden, empfinden wir Fremde oft als ungeliebte Last. Konfrontieren sie uns doch mit der schwierigen Aufgabe eines liberalen Staatswesens, dem Fremden dieselben Rechte einzuräumen wie dem Eigenen.

Das Gebot zur Toleranz ist eigentlich eine Zumutung für den Menschen. Es verlangt den Respekt gegenüber Religionen, Werten, kulturellen Lebensformen und Geschichtsbildern, die unseren eigenen Erfahrungen und Wertentscheidungen nicht entsprechen. Wir sollen dulden - erdulden -, was wir ablehnen und was von den Anderen nicht zur Disposition gestellt wird. "Toleranz", sagt Jürgen Habermas, "setzt einen nicht verhandelbaren Dissens voraus." Diesen Dissens auszuhalten, Abgelehntes nicht zu bekämpfen und auszugrenzen, sondern auszuhalten und ihm ein Existenzrecht neben unseren eigenen Werten einzuräumen sind wir allerdings gezwungen, wenn wir friedlich miteinander leben wollen.

Deshalb zeigt sich der Zustand eines Gesellschaftssystems wesentlich im Verhältnis zu seinen Minderheiten. Wohl jeder weiß, wie schwer es ist, Angehörige anderer Ethnien oder Religionen nicht zum Sündenbock für die ungelösten Konflikte innerhalb der Gesellschaft zu machen oder nicht ganze Kollektive für die Untaten einzelner zur Rechenschaft zu ziehen. Wir alle unterliegen wohl hin und wieder der Versuchung, den Fundamentalismus nicht vom Islam zu unterscheiden oder in jedem Araber einen potentiellen Terroristen zu vermuten. Und im Streit um das Kopftuch der muslimischen Lehrerin aus Baden-Württemberg vermischte sich ein kulturelles Selbstverständnis, das automatisch von der Überlegenheit der eigenen Zivilisation ausgeht, mit dem aufklärerischen Impetus, Toleranz nicht als gönnerhafte Duldung repressiver Sitten zu missdeuten. Was sich eine Gesellschaft also im Konkreten zumuten will, muss im Einzellen ausgehandelt werden.

Nicht verhandelbar jedoch ist die grundsätzliche Achtung für den Anderen; nicht akzeptierbar sind alle Formen von Diskriminierung oder gar gewaltsamer Ausgrenzung. Und der Polizeischutz vor Synagogen und anderen jüdischen Einrichtungen konfrontiert uns genauso beschämend mit dem gewaltbereiten Antisemitismus in unserem Land wie die Bitte einer Bäuerin aus dem Saarland, man möge sie nicht rühmen, weil sie Charlotte Knobloch, heute die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in München, während des Krieges vor der Verschickung in ein Konzentrationslager bewahrte. Diese Bäuerin war von rechtsradikalen Jugendlichen eingeschüchtert worden.

Besonders in Zeiten wirtschaftlicher und politischer Instabilität ist Toleranz keineswegs selbstverständlich - notfalls gilt es das Existenzrecht fremder Religionen und Kulturen sogar mit staatlicher Gewalt zu garantieren. So verpflichtet uns das Gebot zur Toleranz, die Austragung von Konflikten zu zivilisieren und - hoffentlich - gewaltlose Lösungen durchzusetzen. Spannungen aufzuheben vermag das Gebot zur Toleranz allerdings nicht. Deswegen sind wir gut beraten, das Gebot zur Toleranz durch das Gebot zum Dialog zu ergänzen.

Es langt offenkundig nicht, ethnische oder religiöse Minderheiten einfach zu dulden. Denn das Nebeneinander droht von der einen Seite in eine Abstoßung und von der anderen Seite in eine freiwillige Abkapselung zu gleiten. An diesen Trennlinien ohne Brücken kann sich dann leicht - wie der jahrelange Kampf zwischen protestantischen und katholischen Iren zeigt - eine gewaltsame Auseinandersetzung entzünden. Auch das vereinigte Europa wird diese Gefahr nicht bannen. Zu tief etwa haben sich etwa bei den Esten Vorbehalte gegenüber den Russen, bei den griechischen Zyprioten gegenüber den türkischen Zyprioten, bei den Kroaten und Albanern gegenüber den Serben eingegraben. Auch im deutsch-polnischen Verhältnis erleben wir augenblicklich, wie schnell alte Denkmuster etwa vom deutschen Erbfeind reaktivierbar sind und das gegenseitige Vertrauen empfindlich unterminieren können.

Offene, liberale Gesellschaften sind daher gehalten, nach Gemeinsamkeiten zu suchen: im Innern genauso wie nach außen, zwischen Mehrheitsnation und Minderheiten ebenso wie zwischen verschiedenen Völkern. Wir brauchen einem gemeinsamen Nenner, der alle gleichermaßen verpflichtet. Einen übergreifenden Kanon, zu dem sich alle trotz fortbestehender Differenzen bekennen.
So zwingt uns Europa zu Beidem: Zum Dialog, um uns nicht abzustoßen und voneinander fortzutreiben, und zur Toleranz, um uns in unseren Differenzen auszuhalten. Wie schwierig dies ist, haben gerade wieder die Verhandlungen über die europäische Verfassung gezeigt. Psychologisch-mentale Motive drohen rationale schnell an den Rand zu drängen. Die Toleranz ist eben auch für Gruppen ein erschreckend instabiles Wesen.



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