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Sonntag • 12:10
25.12.2003
Weihnachten
Von Günter Kunert

Mir wurde nie eingeredet, dass es eine Person namens "Weihnachtsmann" gäbe. Insofern bin ich als Kind ziemlich weltlich aufgewachsen. Freilich: der Tannenbaum war eines meiner Lieblingsobjekte, nahte der 24. Dezember. Mein Vater und ich schmückten das Gewächs, das zuerst unter großen Mühen in einem metallenen Ständer verschraubt werden musste. Ich glaube, mein Vater verzweifelte an diesem Kunststück, denn sobald man die Tanne aufrichtete, stand sie schief. Das bedeutete eine erneute Reparatur, die erst beim dritten oder vierten Mal gelang. Doch dann kam die zweite komplizierte Aktion: die Halter für die damals noch echten Kerzen mussten durch Zwingen um den Baum geschlossen werden. Mein Vater sprach dabei kein Wort, doch ich kann mir heute vorstellen, was er dachte.

Endlich stand das duftende Stück in einer Ecke des Wohnzimmers, und was dann kam, war leichterdings zu erledigen. Lametta wurde über die Zweige gehängt, bunte Kugeln mit Drähten dazu, Lebküchlein, Schokoladenringe, allerlei Zuckerzeug, bis das Werk zur allgemeinen Zufriedenheit vollendet dastand.

Um die festliche Stimmung zu erhöhen, knipste ich mit einer Schere ein Zweiglein ab und hielt es über eine brennende Kerze: nun war Weihnachten perfekt. Den Geruch habe ich stets gemocht; er zog durch die Wohnung und verlieh ihr einen Zustand des Angeheimeltseins. Am 24. schließlich wartete ich in der Diele, um zur Bescherung gerufen zu werden. Die Kerzen flackerten, das elektrische Licht war gelöscht, und das Wohnzimmer hatte sich in eine Zauberhöhle verwandelt. Natürlich standen auf dem Tisch die sogenannten "Bunten Teller" mit Nüssen, Süßwaren und Obst. Meine Geschenke, oftmals Lineol-Tiere aller Gattungen, nahm ich mit ins Bett. Doch das Beste bestand darin, dass ich hinter den Weihnachtsbaum kroch und in einer duftenden Verborgenheit mit mir allein überlassen ward. In den blanken Kugeln spiegelte ich mich, grimmmassierte und war für kurze Zeit glücklich.

Dann, wenig später, fielen die Weihnachtsbäume vom Himmel, um den Bombengeschwadern den Weg und die Ziele zu zeigen. Das war weniger lustig. Und der Begriff "Weihnachtsbaum" für die Zielanzeigen gehörte zum Zynismus der Berliner, denen bekanntermaßen und glücklicherweise nichts heilig war noch heilig ist. Immerhin setzten wir, nachdem ich schon ins reifere Alter geraten war, die Tradition fort. Jedes Jahr, ohne Unterstützung meines Vaters, unterzog ich mich dem Kraftakt, kaufte einen Baum, stellte ihn auf, schmückte ihn, und aus der Kindheit kehrte etwas von den früheren Gefühlen zurück. Aber eines Tages ereignete sich etwas, was uns, meiner Frau und mich, für immer auf dieses Symbol verzichten ließ.

Als ich schwitzend und fluchend das Symbol der Sentimentalität aufgerichtet hatte, betraten unsere Katzen den Ort des Geschehens. Und ohne eine Sekunde zu zögern, kletterten sie allesamt den Baum hinauf, der unter dem Gewicht von fünf wohlgenährten Tieren sofort umfiel. Zum Glück waren die Kerzen noch nicht angezündet worden, doch über den Raum verstreuten sich die Splitter der Kugeln, wirbelte das Lametta umher, das, ich ahne nicht warum, den Katzen zu schmecken schien, und wir mussten den Hausmitbewohnern die glänzenden Fäden vorsorglich aus den kleinen Schnauzen ziehen. Einige knabberten an den Kugelresten, bissen in grüne Tannnadeln, und so war es ein Fest aller ersten Ranges. Aber es war das letzte. Weihnachten und Katzen vertragen einander nicht, und als Hilfsaufräumarbeiter und medizinischer Nothelfer zu agieren, hatte ich keine Lust mehr. Jetzt entzünde ich einen Zweig über einem Teller, inhaliere den Geruch und denke: auch auf diese Weise kann man das Fest der wie auch immer gearteten Liebe begehen.

Günter Kunert, geboren 1929 in Berlin, wurde von Johannes R. Becher entdeckt und protegiert. Bis zu seiner Übersiedelung in die Bundesrepublik 1979 galt Kunert in der DDR als einer der meistgelesenen Autoren. Sein vielseitiges Werk umfasst u.a. Gedichte, Essays, Erzählungen, Märchen, Reisejournale und Kinderbücher. 1976 gehörte Kunert zu den Erstunterzeichnern des Protestbriefes einer Reihe von DDR-Schriftstellern gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. Zu den zahlreichen Ehrungen und Auszeichnungen Kunerts zählen u.a. der Heinrich-Mann-Preis, der Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf, der Hölderlin-Preis, der Hans-Sahl-Preis und der Georg-Trakl-Preis.
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