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Signale • Gedanken zur Zeit
Sonntag • 12:10
28.12.2003
Die Zeit
Von Michael Stürmer

"Eines Menschen Zeit", so überschrieb Carl Zuckmayer seine Lebenserinnerungen. Wir können die Uhren vorstellen, davon geht die Zeit nicht schneller. Wir können die Uhren anhalten, davon bleibt die Zeit nicht stehen. Die Zeit ist jenseits der Verfügung des Menschen. Deshalb beschreibt das Alte Testament Gott, den Unvorstellbaren und ganz Anderen, als den Herrn der Zeit.

Der Teufel hatte Eva und, via Eva, dem Adam zugeflüstert, die Frucht vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen zu essen: "Ihr werdet sein wie Gott". Aber die Schlange hatte verschwiegen, dass der Preis dafür der Eintritt war in die Zeitlichkeit. Das aber hieß: In die Sterblichkeit. Das Paradies war Unschuld und ewige Jugend, das Paradies ist jenseits der Zeit, weder Vergangenheit noch Zukunft, keine Erinnerung und keine Hoffnung, es gibt nur die Gegenwart, die ewig dauert: Den Gebildeten des 18. Jahrhunderts ein arkadischer Garten, wo Blühen und Fruchttragen zusammenfallen in zeitlosem Glück, den Revolutionären des 19. Jahrhunderts die klassenlose Gesellschaft, wo alle Widersprüche durch ein gründliches und definitives Blutbad aufgehoben worden sind, den Diktatoren des 20. Jahrhunderts das Ende der Geschichte, nach dem nichts Nennenswertes mehr kommen kann und darf, das die Macht der Rasse oder der Klasse gefährdet, ein unwandelbar stabiles Orwellsches "1984".

Unsterblich zu sein, sei es in der Toten Tatenruhm, sei es durch die Kunst der kosmetischen Industrie als lebende Maske, sei es als Ikone faltenlos vor sich hin lächelnder Schönheit - unsterblich zu sein ist der älteste, auf tausenden von Werbeseiten verheißene, ewig einladende Traum. Die Götter Griechenlands, die zärtliche Aphrodite, die speerbewehrte Athene, Apoll als Gott schöpferischer Zerstörung, sie waren Abbild und Inbegriff der conditio humana, samt ihren Trabanten aus Meerjungfrauen und Nymphen, Faunen und Eroten. Die Menschen hatten sie sich zum Ebenbild geschaffen, um den Irrungen und Wirrungen der menschlichen Seele, lange bevor die Psychologie erfunden war, und den plötzlichen Wendungen des Schicksals einen Namen zu geben. Vor allem aber waren sie der Zeit und ihrer, wie Hegel sagt, zersetzenden Kraft enthoben.

Die Zeit anhalten, die Illusion zieht sich durch die Geschichte der Gefühle von Shakespeare bis zu den Beatles: "I believe in Yesterday", sangen die Pilzköpfe, und ihr zumeist jugendliches Publikum überhörte den tief pessimistischen, weil hoffnungslosen Unterton und hielt ihn für bloße Nostalgie. "Ach, ruf die Vergangenheit zurück, bitte die Zeit, dass sie wiederkehrt" - so lässt Shakespeare seine Helden klagen. Aber die Klage bleibt auf immer ungehört.

Aber nicht ganz. Die Uhren, beginnend mit den Sonnenuhren der alten Sumerer, nicht fern vom legendären Ort des verlorenen Paradieses, waren immer auf den Kreislauf von Tag und Nacht eingestellt, zweimal zwölf Stunden, ewige Wiederkehr versprechend, wo doch die Menschenzeit abläuft, die Zeit Gottes aber nicht. "Tausend Jahre sind vor DIR wie ein Tag", sang ehrfurchtsvoll der Psalmist und wusste die Majestät des Weltenschöpfers nicht anders darzustellen als in der Unendlichkeit der Zeit, der Gott der da war und der da ist und immerdar sein wird. Dem Menschen aber ist es unheimlich, die Zeit als begrenzte Menge an Tagen und Stunden, alles unwiederholbar und auf immer unwiederbringlich, zu denken. Weshalb sich die modernen Quartzuhren nicht durchgesetzt haben, wo Stunden, Minuten und Sekunden ins Nichts stürzen und jederzeit leise an Ende, Tod und Unendlichkeit erinnern. Die Uhrenfabrikanten sahen sich gezwungen, den neuesten Quartzuhren die ältesten Uhrzeiger aufzusetzen, damit der Trost der Wiederkehr als Illusion erhalten bleibt.

Wiederkehr, Wiedergeburt: Das ist, lange vor der christlichen Botschaft, die heidnische Verheißung des grünen Holzes, das in der Winternacht in die kalte Höhle geholt wird, und die Kerzen enthalten das Versprechen des Lichts, der Erneuerung, der Zeugung und der Geburt und das Versprechen, es würden Herbst, Winter, Dunkelheit und Tod nicht das letzte Wort behalten. Das Licht leuchtet in der Finsternis: Das bedeutet Wiederkehr der Hoffnung, es wird noch einmal Frühling sein und Sommer und Hoffnung und Ernte, die Welt sinkt nicht in kosmische Kälte.

Der unhörbare und unerbittliche Schritt der Zeit, wie Shakespeare sagt. Es ist am besten, man stellt sich auf ihn ein, wissend, dass das Leben eine lange Pilgerschaft ist, und keiner weiß, wohin. Weihnachten ist Jahreswende, Kältewende, Sonnenwende. Die Hoffnung kehrt zurück. I believe in Yesterday - die Beatles hatten ja Recht damit. Aber Weihnachten enthält, zuletzt und vor allem, für Gläubige und Ungläubige die Botschaft, dass es ein Morgen gibt und darin, auf die eine oder andere Weise, Erlösung von der Zeit.


Der 1938 in Kassel geborene Michael Stürmer studierte in London, Berlin und Marburg, wo er 1965 promovierte. Nach seiner Habilitation wurde er 1973 ordentlicher Professor für Neuere und Neueste Geschichte, Sozial- und Verfassungsgeschichte; außerdem lehrte er u.a. an der Harvard University, in Princeton und der Pariser Sorbonne. 1984 wurde Stürmer in den Vorstand der Konrad-Adenauer-Stiftung berufen und zwei Jahre später zum Vorsitzenden des Forschungsbeirates des Center for European Studies in Brüssel. Zehn Jahre lang war er überdies Direktor der StiftungWissenschaft und Politik. Zu seinen Veröffentlichungen zählen: ‘Das ruhelose Reich', ‘Dissonanzen des Fortschritts', ‘Bismarck - die Grenzen der Politik' und zuletzt 'Die Kunst des Gleichgewichts. Europa in einer Welt ohne Mitte'. Im sogenannten ‘Historikerstreit' entwickelte Stürmer die von Habermas und Broszat bestrittene These von der Identität stiftenden Funktion der Geschichte. Stürmer, lange Kolumnist für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, schreibt jetzt für die Welt und die Welt am Sonntag.
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