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Sonntag • 12:10
1.1.2004
Den Stillstand denken
Von Claus Koch

Den Stillstand denken, das ist anstrengend und braucht Phantasie. Es braucht auch einigen Mut, und deswegen ist es nicht beliebt. Doch wäre es an der Zeit, sich genauer zu überlegen, wie ein anhaltendes Nicht-Wachstum in Deutschland aussehen könnte. Anhaltend, das hieße sechs, acht oder zehn Jahre. Japan, die reiche und viel beneidete Nation, hat jetzt mehr als zehn Jahre des Stillstandes und der Deflation durchlebt. Soeben erst scheint es wieder in Bewegung zu kommen. In Bewegung, das ist noch längst nicht wieder die alte Dynamik.

Zehn Jahre, das ist die äußerste Zeitgrenze, an die sich unsere Phantasie vorwagen kann. Dann ist alles offen und unbestimmt. Denn die deutsche und mit ihr die europäische Gesellschaft wird in einem Jahrzehnt einen anderen Zustand, ein neues Gefüge erreicht haben. Den Stillstand zu denken, sollte man sich schon deswegen zwingen, weil die fortwährende Vertröstung der Staatsmanager, der neue Aufschwung luge schon um die Ecke, für alle unerträglich geworden ist. Die Politik kann auf diese Vertröstung nicht verzichten, weil auf die notwendige Illusion des Wachstums alle Reformpläne gebaut sind. Immerhin herrscht schon seit drei Jahren Stagnation in Deutschland, ebenso wie in Frankreich. Da sollten die Politiker, die aus Angst nur ein überparteiliches Einheitsrezept haben, wieder wagen, realistisch zu sein. Aus Angst: sie wollen sich vom Volk und von den Mächtigen der Wirtschaft nicht nachsagen lassen, sie würden Pessimismus verbreiten. Zehn oder zwölf Millionen Wähler, die es in den letzen Jahren auch mit Hilfe er Regierung zu Kleinaktionären gebracht haben, hören das ja auch gar nicht gerne.

Sagen wir also acht Jahre, dann kämen wir etwa auf das japanische Maß. Acht Jahre Nicht-Wachtstum, das hieße eine Senkung des Wohlstandes um etwa ein Drittel des heutigen Niveaus, aber noch weniger gleich verteilt. Hieße eine spürbare Vernachlässigung der öffentlichen Dienste von der Schule bis zum Gesundheits- und zum Verkehrswesen. Hieße anders ausgestattete Warenkörbe für die Alltagsausgaben, die heute fast zur Hälfte mit Kommunikation und drum herum gefüllt sind. Hieße eine starke Verminderung des Tourismus, also auch der Tourismus- und Sportkultur, die in den letzten Jahrzehnter gefährlich viele Arbeitsplätze geschaffen hatte; hieße vermehrtes Sparen und verminderter Wertpapierbesitz, somit gedämpfte Investitionslust.

Der anhaltende Stillstand legte sich auch auf eine Gesellschaft mit noch immer hoher Lebenserwartung, auch mit einem höherem Durchschnittsalter als heute. Es wäre eine Gesellschaft, die sich alt fühlt und alt verhalten muss. Die kostspieligen Flausen der Jugendlichkeit, die sich heute noch viele Ältere leisten können, und damit unmäßig viel Energie verbrauchen, wären verschwunden. Die zur erdrückenden Mehrheit gewordenen Inaktiven würden mit einem schrumpfenden Anteil von Aktiven zusammenleben, zum Teil in ausgedünnten Räumen, wie im deutschen Osten schon heute. Es wäre auch eine zivilisatorische Entleerung.

Würde, wäre? In diesem Zustand warten wir bereits hinein. Auch wenn die meisten Experten eine Rezession nicht feststellen wollen, weil dies ein Abgleiten in die Depression nahe legt: die Mehrzahl dieser Symptome liegt direkt vor uns ausgebreitet. Jeder Zeitungsleser, Lohnempfänger, Sparer, Aktionär kann es wissen. Immer schneller schlagen die Stimmungsbarometer von Resignation und Hoffnung um. Und jedermann kann nun auch wissen, dass ein erneutes Normalwachstum von zweieinhalb Prozent nicht mehr viele Arbeitsplätze bringen wird, damit auch Steuern und Sozialabgaben.
Es ist der Punkt erreicht, an dem das Denken des anhaltenden Stillstandes riskiert werden muss, nämlich als der Anfang einer notwendigen Therapie. An diesem Anfang muss man sich ans Herz fassen und mit der Vorstellung, mit dem Begriff des Wachstums, der heute die Zukunft beherrscht, energisch brechen. Das muss schmerzen. Denn der Wachstumsglauben ist dem modernen westlichen Menschen in seine rationale Natur eingewachsen, als ein Heilversprechen, das an die Stelle der Verheißung der christlichen Religion getreten ist. Der Wachstumsgläubige ist also im Kern ein Fatalist. Und Fatalisten müssen daher auch die Politiker und die Wirtschaftsführer sein.

Das Denken des Stillstandes darf dagegen nicht fatalistisch sein, mögen ihm Gegner, also die meisten Experten, auch vorwerfen, es verbreite schädlichen Pessimismus. Vom Denken des Stillstandes wird verlangt, dass es nicht nur künftige Armutslandschaften und erwartbare Aggressionen ausmalen kann. Dieses Denken hat auch zu erklären, wie die Blindheit zustande kam, die zu Wachstum führen könnte - und auf die die Experten noch immer setzen müssen, um es auf die gehabte Weise neu zu beleben. Man muss also nachzeichnen, warum der Markt so viel Überflüssiges und Unnützliches produziert, das jetzt im Verfall abgestoßen werden muss. Und warum er so viel Notwendiges und Nützliches nicht entwickeln konnte, weil er die bequeme Konsumsucht der Verbraucher nicht stören wollte oder konnte. Die Tourismus- und Sportkultur bietet sich als Beispiel an. Sie gehört zu den überflüssig wuchernden Bedürfnissen, an denen sich jetzt das Wachstumsversagen markiert. Plötzlich kann man feststellen, dass es den meisten nicht bedurft hätte, um ein selbstsicheres und vernünftiges Leben zu führen: Ski-Lifte und Ski-Moden; Chirurgiebetten für entbehrliche Knochenbrüche; Polizeikohorten, um Fußballrowdies klein zu halten; gigantische Massenstadien, die zu füllen einer anfälligen Branche Lohn und Brot verschaffen muss; Kraftwerke, um Wellnessbäder zu erwärmen, die geschlossen werden müssen, weil sich die Gemeinden die Bademeister nicht mehr leisten können; Rechtanwälte, um die Kosten für missratene Urlaubsfreuden einzuklagen - kurz, ein breiter Fluss von Erwartungen des Gewinns und der Beschäftigung, der sich vor unseren Augen zum Rinnsal zurückbildet. Und verwüstetes Land zurücklässt. Wobei viele Menschen feststellen müssen, dass sie sich mit viel Aufwand überflüssige Berufserfahrungen erworben haben. Weshalb ihnen nichts übrig bleibt, als auf ein neues Wachstum nach dem alten Muster zu hoffen.
Ein aufgeklärtes Denken des Stillstandes müsste also auch den Widersinn eines erneuten Aufschwungs zeigen, der auf den alten Geleisen führe: hinein in die nächste Krise, hinein in einen Müll-Kapitalismus, der uns schon heute drohend einhüllt. An keine andere Weise des Kapitalismus kann die derzeitige Regierung, kann auch ihre Opposition denken. Das haben sie soeben mit der ängstlichen Reform der sozialen Sicherungssystemen vorgeführt, das führt die ganze Agenda 2010 des Kanzlers vor. Mit anderen Worten, dieses politische Klasse ist zu schwach, den Stillstand zu denken und dem Volk zu erklären, was sie überhaupt denkt.

Das Denken des Wachstumsversagens müsste also dem Stillstand einen Sinn verleihen. Damit müsste es sich freilich auch gegen die leere Klage über die Verschwörung der Globalisierung stellen. Dieses Klagen verhärtet des Widerwillen der ratlosen Macher und Wachstumsfatalisten, die sich als Moralverächter denunziert sehen. Man braucht sie aber. Denn sie müssen neue Marktchancen aufspüren und öffnen. Deswegen sollten auch sie lernen, den Stillstand zu denken - und damit die Gesellschaft zu begreifen, deren Unlust sie mit ihrer eigenen Phantasielosigkeit großgezogen haben.

Claus Koch, in München geboren, studierte Philosophie, Ökonomie und Geisteswissenschaften und war zunächst in einem Wirtschaftsverlag tätig. Seit 1959 arbeitet er als freier Journalist für Presse und Rundfunk, seit 2003 gestaltet er den Mediendienst 'Der neue Phosphoros'. In den sechziger Jahren redigierte Koch die Monatszeitschrift ‘atomzeitalter', später war er Mitherausgeber und Redakteur der Zeitschrift für Sozialwissenschaft ‘Leviathan' und Mitarbeiter mehrerer sozialwissenschaftlichen Forschungsprojekte. Zu seinen Buchveröffentlichungen zählen ‘Ende der Natürlichkeit - Streitschrift zur Biotechnik und Biomoral', ‘Die Gier des Marktes - Die Ohnmacht des Staates im Kampf der Weltwirtschaft' und ‘Das Ende des Selbstbetrugs - Europa braucht eine Verfassung'.
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