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Signale • Gedanken zur Zeit
Sonntag • 12:10
4.1.2004
Verkürztes Sprechen - verkürztes Denken
Von Gert Ueding

In den Wochen vor Weihnachten zog der Fraktionsvorsitzende der SPD, Franz Müntefering, durch die Ortsgruppen seiner Partei, um für die gerade auch in den eigenen Reihen höchst umstrittene Politik der Regierung zu werben. Manchmal sei es notwendig, verkündete er zunächst, auch alte pazifistische Überzeugungen beiseite zu lassen, wie anlässlich der Balkan-Krise. Aber, so fügte er gleich hinzu, stolz müsse man schließlich sein, dass "Gerd Schröder unsere Position zum Irak-Krieg durchgehalten hat." Die Genossen applaudieren erstmals heftig. Müntefering fährt fort: "Vor diesem Hintergrund haben wir die 'Agenda 2010' begonnen."

Zwischen diesen drei Schritten klaffen riesige Lücken, denn was sie miteinander zu tun haben sollen, wäre, wenn das überhaupt geht, nur durch weitläufige Überlegungen zu erklären. Ein "rhetorisches Bravourstück" nannte der Berichterstatter diese höchst kurzschlüssige Argumentation und notierte obendrein: "Freundlicher Beifall der Überlisteten." Tatsächlich ging es dem Redner gar nicht darum, seinen Zuhörern komplizierte politische Zusammenhänge durchsichtig zu machen. Im Gegenteil galt es, gefühlsmäßige Vorurteile, Stimmungen und Aversionen zu erzeugen oder zu benutzen, um derart die Zustimmung des Publikums zu erschleichen. Vereinfachung und Verkürzung sind dafür die wichtigsten Instrumente, und die Perfidie besteht darin, dass sie ja durchaus legitime Mittel der Instruktion und Belehrung sind.

Vereinfachung ist eine Kunst, die der Politiker so beherrschen muss wie der Lehrer oder der Professor oder der Meister, der dem Lehrling die Funktion einer Maschine erklärt. Gerade komplexe Sachverhalte, die dem Fachmann vertraut sind, müssen für den Laien fasslich dargestellt werden. Wobei es natürlich das Ausbildungsziel ist, die Aufnahmefähigkeit des Lernenden Schritt für Schritt so zu vergrößern, dass ihm schließlich auch vielschichtige und schwer durchschaubare Zusammenhänge in ihrer ganzen Kompliziertheit zugänglich werden.

Solche pädagogischen Absichten lagen dem Fraktionsvorsitzenden der SPD allerdings fern. Nicht Aufklärung, sondern Werbung beabsichtigte er; der Inhalt ist dabei zweitrangig, und die Verkürzung verstärkt gerade die Unwissenheit und das verkehrte Urteil der Adressaten - sie wird zum ausgezeichneten Mittel der politischen Propaganda. Wobei man gar nicht immer gleich eine bösartige Manipulationsabsicht unterstellen muss. Der Redner überzeugt mit seinen sogar bis zur Plattheit vereinfachten Sprüchen sein Publikum, weil er selber so denkt, so fühlt, so funktioniert.

Der Politiker und sein Publikum ähneln sich immer mehr, während die eigentliche Denkarbeit von Spezialisten hinter den Kulissen geleistet wird. Daher nähert sich unsere politische Sprache oft bis zum Verwechseln der Sprache der Werbung, die komplizierte Probleme in eine hypnotische Formel verwandelt und diese dann als deren Lösung anbietet. "Kinder statt Inder" hieß ein Schlagwort der CDU beim letzten Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen. "Schwitzen statt sitzen" reimte es kürzlich aus dem Justizministerium. Die Abkürzung zur Formel verhindert jeden weitergehenden Gedankengang, der Reim dichtet die Aussage zusätzlich gegen Einrede, Überlegung und Kritik ab.

Die Vereinfachung, die im pädagogischen Kontext als Mittel eines Bildungsprozesses dient, der zu größerer Einsicht, Klugheit und Lebenstüchtigkeit führen soll, verhindert hier gerade jeden Denkfortschritt, jede eigenständige Urteilsbildung. Ein ganzes Heer von PR-Strategen, Werbeagenten, Rhetorik-Trainern und Imageberatern durchsetzt die politischen Institutionen und arbeitet mit größtem Erfolg daran, die Sprache der Politik in die Sprache der Reklame zu verwandeln. "Agenda 2010" ist nicht etwa ein politischer Begriff, sondern ein Marken-Name, der eine Ware bezeichnet, und diese Ware gilt es massenweise zu verkaufen.

Die sprachliche Abkürzung fördert und stärkt die Verkürzung des Denkens, die aber einem allgemeinen Bedürfnis entspricht. Denn wer wünschte nicht, dass die Welt einfach und ohne Fußangeln wäre, wir uns in ihr schnell und gut orientieren könnten und der Widerstand, den sie unserem Erkenntniswillen gemeinhin entgegensetzt, schwände? Es ist auf fatale Weise konsequent, wenn in allen Parteien zur Zeit darüber nachgedacht wird, wie die alten historischen Begriffe wie "Sozialismus" oder "Christ-Demokratisch" durch moderne Neubestimmungen ersetzt und damit auch außer Kraft gesetzt werden können. In einem "Projekt 18" waren liberale Inhalte, historische Erinnerungen, wirtschaftliche Leitvorstellungen getilgt, das Quotenprogramm, auch sonst gesellschaftlich längst legtitimiert, unterdrückte alle unerwünschten Fragen nach humanen Werten, politischen Ideen oder gar ethischen Leitvorstellungen.

Die Massenmedien haben die Tendenz zur Verkürzung enorm verstärkt. Nur das leicht Eingängige, kurz und einprägsam Formulierte hat die Chance, von ihnen wahrgenommen und weitervermittelt zu werden. Der Politiker oder Wirtschaftsführer, der seine Botschaft nicht in jenen kleinen Häppchen zu servieren versteht, die sich dann im Vorübergehen zitieren lassen, findet zur Selbstdarstellung keinen Abnehmer. Auf Dauer aber bleibt die sprachliche Verkürzung nicht folgenlos für das Denken, das sich ihrer zunächst vielleicht nur als Instrument bediente: es wird selber immer mehr zur Verkürzung neigen. "Dies ist ein Kreuzzug", befand der amerikanische Präsident nach dem 11. September 2001, und die inzwischen sichtbaren Versäumnisse in allen Planungen für die Phase nach Kriegsende und für den Frieden demonstrieren, dass kaum ein Schritt über diese verkürzte und die Verhältnisse verkürzende Formel hinaus gedacht wurde.

Gert Ueding, Publizist und Rhetorik-Professor, ist Direktor des Seminars für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen und Inhaber des einzigen Lehrstuhls für Rhetorik in Deutschland. Geboren 1942 in Bunzlau (Schlesien), studierte er in Köln und Tübingen und war Wissenschaftlicher Mitarbeiter und persönlicher Assistent von Ernst Bloch. Nach seiner Promotion bei Walter Jens über Schillers Rhetorik arbeitete Ueding als Wissenschaftlicher Assistent von Hans Mayer. Inzwischen habilitiert, wurde er als Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an die Universität Oldenburg berufen. 1983 ging Ueding als Professor für Allgemeine Rhetorik zurück an die Universität Tübingen, wo er seit 1988 das Seminar für Allgemeine Rhetorik leitet. Neben Studien über Schiller, Jean Paul und Wilhelm Busch veröffentlichte er u.a. ‘Glanzvolles Elend. Versuch über Kitsch und Kolportage', ‘Aufklärung über Rhetorik' und ‘Klassische Rhetorik'.
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