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Sonntag • 12:10
18.1.2004
Europa und die Türkei
Von Christian Meier

Soll die Fahne der Türkei in Zukunft zu den bisherigen EU-Flaggen hinzukommen?  (Bild: AP)
Soll die Fahne der Türkei in Zukunft zu den bisherigen EU-Flaggen hinzukommen? (Bild: AP)
Soll man die Türkei in die EU aufnehmen? Die Frage ist dringend, auch wenn die Aufnahme nicht heute oder morgen stattfinden kann. Denn je länger man ihr Hoffnungen macht und wenn man gar Verhandlungen mit ihr aufnimmt, umso mehr setzt man sich einem Druck aus, weil eine Absage je später umso stärker katastrophale Auswirkungen haben muss.

Man kann diese Frage aber nicht richtig diskutieren, wenn man sich nicht zugleich darüber klar wird, das eigentlich EU-Europa sein soll. Die Frage, ob eher Freihandelszone oder engerer politischer Zusammenschluss, wird man nicht länger vor sich herschieben können, wenn Europa erst die Nachfolgestaaten der Sowjetunion am Kaukasus, Iran, Irak und Syrien zu Nachbarn hat; wenn man also als nahöstliche Macht gefordert ist. Und die Probleme der Verfassung stellen sich anders, wenn die Türkei, gemäß den Grundsätzen Frankreichs und Deutschlands, als künftig bevölkerungsreichstes Land der EU entsprechendes Stimmgewicht in Brüssel beansprucht.

Nicht zuletzt aber stellt sich die Frage, ob und wie weit sich die EU auf Gemeinsamkeiten der in ihr versammelten Völker stützen will und kann, vielleicht gar, um sich von daher zu bestimmen, und worin diese gegebenenfalls bestehen.

Diese Diskussion ist in Deutschland in letzter Zeit besonders von Historikern geführt worden. Die Gegner eines Beitritts der Türkei haben in diesem Zusammenhang auf die Geschichte, die innere, die Kulturgeschichte der europäischen Länder verwiesen. Insbesondere haben sie sich auf die Aufklärung berufen, die die Türkei, sofern überhaupt, erst unter Atatürk und mit relativ begrenzter Tiefen- und Breitenwirkung erlebt habe. Man kann weiter zurückgehen zur mittelalterlichen Stadt, zu Eigenheiten der frühen europäischen Universitäten, überhaupt zum Christentum respektive zu bestimmten Wirkungen, die von ihm im Westen ausgeübt oder auch hervorgerufen worden sind. Gelegentlich wird auch auf die diversen und überaus nachhaltigen, auch in der Breite beachtlichen Rezeptionen der griechisch-römischen Kultur verwiesen.
Doch lassen wir die einzelnen Argumente - sowie die Gegenargumente, die es ja auch gibt - beiseite: dann ergibt sich die Frage: Wie weit fußen heutige Gesellschaften auf der nördlichen Halbkugel noch auf historischen, unter Umständen in Jahrhunderten gelegten Fundamenten? Oder andersherum: können sie sich nicht, was sie für ein Leben in dieser modernen Welt brauchen auch ex tempore aneignen? Tutto e subito ist eine Parole unserer Zeit. Man könnte sie auch auf Lernprozesse beziehen.

Die Frage stellt sich doppelt: Zum einen, indem sie auf ein Bewusstsein von Geschichte, speziell der eigenen Geschichte zielt; zum andern, indem sie die auf unabhängig von solchem Bewusstsein sich vollziehenden Tradierungen und Prägungen, die von der Vergangenheit an und auf die Gegenwart ausgehen betrifft, und sie ist nicht leicht zu beantworten.

Was das Bewusstsein angeht, ist freilich rasche Auskunft möglich: ein irgend nennenswertes gesellschaftliches, also in der Gesellschaft verbreitetes Geschichtsbewusstsein gibt es, zumal in Deutschland, nicht. Wir legen kaum wert darauf, zu wissen, woher wir kommen. Im Gegenteil, wir haben eher Angst davor, uns auf eigene Besonderheit zu besinnen. Das wäre politisch kaum korrekt, das könnte allzu rasch als europäischer Hochmut, wenn nicht gar als Rassismus gedeutet werden. Die EU vermeidet es folglich auch weitgehend, das zu tun, was etwa die heranwachsenden Nationen taten: sich nämlich aus der Geschichte zu verstehen, ja von dorther Aufgaben und Pflichten sich zuzurechnen. Man bräuchte dazu ja nicht auf solche Klitterungen zurückzugreifen, wie sie damals an der Tagesordnung waren. Stattdessen hört man aber nur immer die zwei großen Niewieders, Auschwitz und Krieg betreffend, denen sich jetzt als drittes der Gulag hinzugesellen wird.

Bei der Frage nach dem durch Tradierung und Prägung vermittelten Erbe wird es sehr viel schwieriger. Zumindest eins liegt aber auf de Hand: die Kenntnis von diesem Erbe, von Antike wie Christentum, von Mittelalter wie Neuzeit ist, zumindest in Deutschland, in einem geradezu fulminanten Niedergang begriffen. Andererseits braucht man ja aber von der Entstehung von Sprache, von Anschauungen, Bildern, Denkweisen, Begriffen, Fragen und Methoden nicht zu wissen, um sie gebrauchen zu können. Und dies alles wird in den europäischen Gesellschaften heute noch überall vermittelt. Insofern ist auch Aufklärung weiter am Werk.

Nur kann man zweifeln, ob sich die europäischen Gesellschaften im Zeichen von Moderne und Postmoderne darin auf die Dauer von der türkischen noch nennenswert unterscheiden werden. Elemente der Aufklärung dringen mit Modernisierung und Globalisierung überall ein. Andererseits gibt es auf der ganzen Welt nicht nur einen stärkeren Trend zugunsten von Eliten, sondern auch ein zunehmendes Sich-Ausklinken breiterer Schichten aus dem allgemeinen Diskurs, etwa darüber wohin die Welt unterwegs ist und wer und was man in Zukunft sein kann und soll. Dem korrespondiert eine Schwächung des Willens (und der Möglichkeiten) zu demokratische Mitsprache, von der EU gar nicht zu reden. Von verschiedenen Punkten könnten türkische und europäische Gesellschaften einander als mit der Zeit durchaus annähern. Die Eliten sind sich ohnehin ziemlich nahe. Ob man die Türkei in die EU aufnehmen sollte, ist allerdings trotzdem die Frage.


Christian Meier, Historiker und Publizist, 1929 in Stolp/Pommern geboren, studierte Geschichte, Klassische Philologie, Klassische und Orientalische Archäologie und Römisches Recht. Er war zunächst Professor in Basel, später in Köln und von 1981 an in München. Meier, der in den achtziger Jahren Vorsitzender des Verbands der Historiker Deutschlands war, bekleidet zahlreiche Ämter. Seit 1996 ist er Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht und sich durch Artikel in namhaften Publikationen auch in aktuelle gesellschaftspolitische Fragen eingeschaltet. Bekannt wurde Meier im In- und Ausland durch die Bände ‘Caesar' und ‘Athen'.
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