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Sonntag • 12:10
25.1.2004
Vom Unding des Unworts
Von Cora Stephan

Cora Stephan (Bild: Sven Paustian)
Cora Stephan (Bild: Sven Paustian)
Seit nunmehr 13 Jahren wird das "Unwort des Jahres" gekürt, eine Angelegenheit, der ein sattes Medienecho garantiert ist. Sprachkritik ist ja auch eine feine Sache, uns fällt da täglich irgendeine Neuschöpfung ein, der man dringend den Bannfluch wünscht. Doch wenn man näher hinsieht, ist die Sache nicht mehr ganz so fein: nicht selten verstrickt sich die Jury just in dem, was sie doch entwirren helfen möchte: in schiefen Bildern und ideologischen Konstruktionen. Auswahl wie Begründung, ja auch das Auswahlverfahren selbst sind alles andere als unanfechtbar.

Eine unabhängige, ja eine Expertenjury trete da Jahr für Jahr zusammen, um ein mit der Vorsilbe "un-" als "verwerflich" bis "unangebracht" charakterisiertes Wort zu brandmarken, ein Wort, das möglicherweise sogar, wie es heißt, die Menschenwürde verletze. Und wer könnte das besser beurteilen als ein Germanistikprofessor wie Horst Dieter Schlosser, der die Sache einst erfunden hat und der neben drei Zunftkollegen zwei - Jahr für Jahr wechselnde - "Vertreter der öffentlichen Sprachpraxis" beschäftigt. Diesmal sind das der Fernsehmann Reinhold Beckmann und der Vorsitzende des Verbands deutscher Schriftsteller Fred Breinersdorfer gewesen. Experten für dieses und jenes mögen sie alle sein, und gewisslich von vielem unabhängig, sogar von den diesmal 2215 Zuschriften mit insgesamt 1160 Vorschlägen, die übrigens quantitativ den Terminus "Reform" für kritikwürdig hielten. Womöglich aufgrund der Misshandlungen, die dieses Wort im politischen Diskurs soeben erleidet.

Unabhängig ist die Unwort-Jury auch von der Gesellschaft für deutsche Sprache, die schon 1994 der Initiative ihre Unterstützung aufkündigte. Ist die Jury indes auch frei vom Zeitgeist? Manche Begründung jedenfalls unterläuft nicht nur das, was man sich unter Sprachkritik vorstellt, sie belegt auch keineswegs einwandfrei, warum das gebrandmarkte Wort von jener Abscheulichkeit ist, die es laut Bundespräsident Rau geeignet macht, "Untaten den Boden" zu bereiten.

Man nehme etwa den 1999 gewählten Begriff "Kollateralschaden", ein Wort, das es im Deutschen übrigens nicht gibt, das aber während des Kosovo-Kriegs von den Medien als NATO-Terminologie verbreitet wurde. Dieser Begriff bedeute die "Verharmlosung der Tötung Unschuldiger", erklärte damals die Jury. Diese Begründung enthält mindestens zwei Missverständnisse. "Collateral damage", so lautet der amerikanische Terminus, meint im militärischen Selbstverständnis etwas, das man Selbstmordattentätern, die ihre Sprengladung im vollbesetzten Schulbus zünden, sicherlich nicht unterstellen kann: dass es als nicht-beabsichtigte Nebenwirkung einer militärischen Operation zu zivilen Opfern kommt. Ob diese Opfer unschuldig sind, spielt dabei genauso wenig eine Rolle wie die Frage nach persönlicher Schuld oder Unschuld der Soldaten, die am Kampfgeschehen teilnehmen und dabei umkommen. Oder sollen schuldige Zivilisten umkommen dürfen?

Nun, vielleicht wollte die Jury ihr Unbehagen an modernen Kriegen im Allgemeinen zum Ausdruck bringen, an Luftangriffen etwa, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass im Zuge von Kampfhandlungen auch zivile Opfer zu beklagen sind. Das aber ist durchaus etwas anderes als eine Sprachkritik, der es auffällig an der dafür nötigen Präzision mangelt.

Ähnlich verhält es sich mit dem frisch gekürten Unwort des Jahres 2003. Es heißt "Tätervolk". Dieser Begriff, wieder ins Spiel gebracht vom CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann, sei "grundsätzlich verwerflich", verkündete Schlosser, weil er "den Vorwurf einer Kollektivschuld erhebt". Überdies sei er bei Hohmann mit "den" Juden in Verbindung gebracht worden und damit ein "aktueller Beleg für den immer noch wirkenden Antisemitismus." Woher der Begriff komme, könne die Jury allerdings aus Zeitmangel nicht genauer herleiten.

Das wäre indes mindestens so instruktiv gewesen wie eine Fassung der Kritik an Hohmann, die einmal nicht die notorisch falsche Zuspitzung aus der Mediendiskussion des vergangenen Herbstes wiederholte. Denn Hohmann wollte auch nur tun, was Schlosser will: den Begriff des Tätervolks als "grundsätzlich verwerflich" brandmarken, eben auch dann, wenn er auf Deutsche gemünzt ist. Völlig unnötig war es indes, die Juden zu bemühen, um die Verwerflichkeit dieses Begriffs zu zeigen, und antisemitisch war Hohmanns Rückgriff auf bekannte judenfeindliche Hetzschriften und Argumentationsmuster.

Was aber soll uns eine sprachkritische Jury, die noch nicht einmal in der Lage ist, eine von Verzerrungen nicht freie aktuelle Diskussion im Nachhinein richtig zusammenzufassen? Und der es an Zeit fehlt, jenen historischen Hintergrund von Begriffsbildungen nachzuzeichnen, der in aktuellen und aufgeheizten Debatten eigentlich stets verloren geht?

Jedem steht es frei, sich mit der wohlfeilen Empörung über eine peinliche Politikerrede bekannt zu machen. Sprachkritik und Aufklärung indes sind etwas mehr als Werbung in eigener Sache.


Cora Stephan: Die Frankfurter Publizistin und Buchautorin Dr. Cora Stephan, Jahrgang 1951, ist promovierte Politikwissenschaftlerin. Von 1976 bis 1984 war sie Lehrbeauftragte an der Johann Wolfgang von Goethe Universität und Kulturredakteurin beim Hessischen Rundfunk. Von 1985 bis 1987 arbeitete sie im Bonner Büro des 'Spiegel'. Zuletzt veröffentlichte sie 'Der Betroffenheitskult. Eine politische Sittengeschichte', 'Die neue Etikette' und 'Das Handwerk des Krieges'.
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